Der Beitrag schlägt vor, dass religiöse Vielfalt nicht willkürlich und zufällig ist, sondern dass sich in ihr über weite Strecken fraktale Muster erkennen lassen. Das heißt, typologische Unterscheidungen, mittels derer wir die Unterschiede zwischen den Religionen bestimmen, finden sich häufig in veränderter Form auch innerhalb der großen Religionen wieder. Religionen sind daher weder alle gleich, noch radikal voneinander verschieden. Vielmehr gleichen sie einander gerade in ihrer internen Vielgestaltigkeit. Daher gibt es zwischen ökumenischer und interreligiöser Theologie weitaus mehr Kontinuität als man gemeinhin annimmt. Im Folgenden werde ich eine neue Interpretation religiöser Vielfalt vorstellen.1 Ich bezeichne sie als eine „fraktale Interpretation“, weil es in ihr um die These geht, dass sich in der religiösen Vielfalt fraktale Strukturen erkennen lassen. Wie so viele andere „neue“ Theorien ist jedoch auch diese nicht vollkommen neu. Sie hat, wie gleich zu zeigen sein wird, einige Vorläufer innerhalb der Religionsphänomenologie, der interkulturellen Philosophie und in gewisser Weise sogar in den Religionen selbst. Was meine eigene intellektuelle Entwicklung betrifft, so weiß ich jetzt, dass diese Theorie schon seit langer Zeit in mir keimte. Doch erst bei der Arbeit an meinen Gifford Lectures, nahm sie schließlich Gestalt an.2 Die folgenden Ausführungen gliedern sich in vier Teile. Im ersten Teil werde ich kurz auf den Begriff „fraktal“ eingehen und zeigen, dass sich fraktale Strukturen sowohl in der anorganischen als auch in der organischen Natur finden und dass dies ansatzweise bereits in der Tradition mehrerer Religionen gesehen wurde. Im zweiten Teil komme ich zu fraktalen Strukturen im Bereich von Kultur und Religion und werde auf einige Vorläufer einer fraktalen Interpretation religiöser Vielfalt eingehen. Anschließend zeige ich im dritten Teil anhand einiger Beispiele, dass eine fraktale Interpretation der Sache nach gegenwärtig bereits angewendet wird und zwar im Bereich der interreligiösen Theologie. In meinem vierten und letzten Teil werde ich dann noch kurz erläutern, worin ich die Fruchtbarkeit und die Vorteile dieser Theorie sehe.