Die Deutung des Todes Jesu als stellvertretende Sühne beruht auf der Umkehrung des Prinzips der Kollektivhaftung, das in seiner negativen Form als Strafe Gottes und in seiner positiven Form als Gnade und Vergebung im Alten Testament grundgelegt ist. Der Wirkungswechsel von Strafe zu Gnade, der im vierten Gottesknechtslied als „Plan Jahwes“ und von Paulus als „Gerechtigkeit Gottes“ bezeichnet wird, hat in der Formel vom „wunderbaren Tausch“ (admirabile commercium) in Theologie und Liturgie Eingang gefunden. Zwar ist die Bestrafung wie die Amnestierung von Kollektiven aufgrund von Individualverhalten prinzipiell ungerecht, aber de facto Realität. Damit gewinnt die sozial-integrative Botschaft Jesu an Aktualität, der mit seiner Mission zur Sammlung und Versöhnung Israels gescheitert ist.