Die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche offenbart einen aufschlussreichen inneren Widerspruch: Während die empirischen Daten zeigen, dass nur 9,1 % der beschuldigten Täter echte Reue oder Unrechtseinsicht zeigen und zwei Drittel ihre Taten bagatellisieren oder leugnen, geben gleichzeitig 38 % der Beschuldigten an, ihre Taten gebeichtet zu haben. Dies stellt eine fundamentale Diskrepanz dar, die offenbart, wie Missbrauchstäter das Beichtsystem zu ihrer Entlastung instrumentalisieren – nicht durch echte Reue, sondern durch sprachliche Verharmlosung.
Der Autor untersucht, wie dies möglich ist, indem er eine vatikanische Arbeitshilfe zur Gewissenserforschung für Priester analysiert. Diese Anleitung verwendet eine bewusst verklausulierte, verharmlosende Sprache, wenn es um sexuelle Fehlverhalten geht: Statt vom Missbrauch von Kindern zu sprechen, fragt der Priester sich lediglich, ob er die „zölibatäre Enthaltsamkeit" lebt, sich „unreinen Gedanken" hingegeben oder „unziemliche Unterhaltungen" geführt hat. Ein Täter könnte damit behaupten, seinen Missbrauch gebeichtet zu haben, während er eigentlich nur einen Verstoß gegen sein Zölibatsgelübde konfessiert hat – nicht aber das Menschenrechtsverbrechen selbst.
Dies offenbart ein tieferes Problem: Sexueller Missbrauch bleibt innerhalb kirchlicher Strukturen das Unsagbare, das „Verfemte" (nach Bataille), das außerhalb des benennbaren Diskurses gehalten wird. Während es gleichzeitig eine zentrale Realität darstellt, kann es durch die verharmlosende kirchliche Sprachkonvention aus dem Bewusstsein verdrängt werden – was paradoxerweise seine destruktive Wirkung verstärkt. Die Kirche, deren Kerngeschäft Sündenbekenntnis und Buße sein sollte, hat stattdessen Mechanismen entwickelt, die echte Verantwortung verhindern.