Meinrad Furrer reflektiert nach einem Jahr als Teamleiter der Peterskapelle in Luzern seine pastorale Arbeit im urbanen Raum. Ausgehend von der Feststellung, dass die meisten Stadtbewohner die Kapelle kaum betreten, identifiziert er eine grundlegende theologische Entscheidung: Entweder betrachtet man die urbane Welt als defizitär und bringt ihr den „guten Gott" bei, oder man vertraut darauf, dass der Geist überall wirkt und nimmt eine Haltung des Hörens und Lernens ein. Furrer plädiert entschieden für letztere Perspektive – einen neugierigen Ressourcenblick statt eines moralisierenden Defizit-Blicks. Dies bedeutet, sich selbst an den Orten einzubringen, die man nicht kennt oder verdächtig findet, anstatt von außen Angebote zu machen.
Konkret hat Furrer zwei Räume bewusst bespielt: die queere Community und Social Media. Bei der queeren Community geht es nicht darum, traditionelle Formate wie queere Gottesdienste anzubieten, sondern präsent zu sein und zuzuhören – etwa beim regelmäßigen Besuch des „Queerbad" oder durch die Mitarbeit bei der Pride Zentralschweiz. Beim Pridefestival erlebte er intensive Gespräche, auch mit dem benachbarten BDSM-Stand, von denen die Kirche lernen konnte, etwa bezüglich einer differenzierten Kultur des Einverständnisses in sexuellen Fragen. Furrer betont, dass junge queere Menschen, die sich Fragen von Sinn, Freiheit und Verantwortung stellen, das Potential der Kirchen darstellen, das diese verloren hat. Die Kirche kann nur demütig hoffen, im Gespräch bleiben zu dürfen. Ein Highlight war die gemeinsame Erstellung einer „Queer-Bibel" während der Pride-Week mittels Crowdfunding auf Social Media – eine Intervention, die digitale und physische Räume verbindet und Menschen direkt in Gespräche verwickelt.