Die Großgottesdienste beim Katholikentag unterliegen einem besonderen Druck, da sie vielfältige und teilweise widersprüchliche Erwartungen erfüllen müssen. Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) als Veranstalter signalisierte 2023 die Forderung nach innovativen liturgischen Formaten, die eine stärkere Partizipation der Gläubigen im Sinne einer synodalen Kirche ermöglichen. Der Arbeitskreis zur liturgischen Konzeption für die beiden Gottesdienste beim Erfurter Katholikentag (29. Mai – 2. Juni 2024) vereinte dabei diverse Kompetenzen aus Liturgiewissenschaft, Kirchenmusik und Ökumene.
Diese progressive Erwartung kollidierte jedoch mit der entgegengesetzten Forderung von Seiten der Zelebranten und der Bischofskonferenz, sich strikt an die rechtlichen Vorgaben der Allgemeinen Einführung ins Messbuch (AEM) zu halten. Die praktische Umsetzung für Erfurt versuchte, diese Spannungen kreativ zu bewältigen: Der Fronleichnamsgottesdienst wurde zweiteilig gestaltet (Wortgottesdienst am Vormittag, Eucharistie am Abend), um dem säkularen Umfeld und der ökumenischen Tradition Rechnung zu tragen. Der Sonntagsgottesdienst nutzte innovative Elemente wie eine Dialogpredigt zwischen Bisch Bätzing und Dr. Juliane Eckstein, drei Zeugnistexte zur Frage „Wen stellen wir in die Mitte?", verstärkte Akklamationen im Hochgebet und eine neupositionierte Friedensgruß-Eröffnung.
Eine zentrale Kontroverse zeigte sich bei der Versetzung des Friedensgrußes: Während einige dies als sinnvolle Interpretation für Ort und Anlass würdigten, argumentierten andere mit Verweis auf die Rubriken gegen diese Änderung. Der Text deutet an, dass kritische Reaktionen auf theologische Gründe oft durch den bloßen Verweis auf „Ordnungen" ersetzt werden – ein Symptom für das tiefere Spannungsverhältnis zwischen innovativer Partizipation und normativer Regelgebundenheit in der gegenwärtigen Kirche.