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Selfie mit Monstranz

Veröffentlichung:1.5.2026

Von der mystischen Anbetung zur gelebten Gemeinschaft: Wie sich das Verständnis der Eucharistie seit dem Zweiten Vatikanum gewandelt hat und welche Spannungen zwischen traditioneller Frömmigkeit und zeitgenössischen Formen des Glaubens heute bestehen.

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Der Autor, ein Schweizer Priester der Jahrgänge 1950er Jahre, reflektiert auf die dramatische Transformation der eucharistischen Praxis und Spiritualität in der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanum. Er beginnt mit persönlichen Erinnerungen an seine Ministranten-Zeit, als er das lateinische „Tantum ergo" aus Thomas von Aquins Hymnus „Pangue lingua gloriosi" auswendig sang, ohne die Worte zu verstehen. Diese Unwissenheit war damals irrelevant; das Mysterium selbst – die geheimnisvolle Gegenwart Jesu in der Eucharistie – genügte, um eine Atmosphäre der Heiligkeit zu schaffen, verstärkt durch Weihrauch, Prozessionen und liturgische Pracht. Das Zweite Vatikanum markierte einen theologischen Wendepunkt: Die Kirche wurde neu verstanden als „pilgerndes Gottesvolk", nicht als Institution der eucharistischen Anbetung. Diese Neuausrichtung führte zu rationaler Nüchternheit, Entmystifizierung und einer Verlagerung des Fokus auf Gemeinschaft, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Bernhard Schiblis Kirchenlied „Aus vielen Körnern gibt es Brot" verkörpert diese Entwicklung: Statt mystischer Anbetung steht nun der Gedanke des „Leibes Christi" als gelebte menschliche Gemeinschaft im Zentrum. Das Fronleichnamsfest wurde auf den Sonntag verschoben und traditionelle Prozessionen wurden abgebaut – teilweise auch aus Rücksicht auf reformierte Mehrheiten wie in der Region Werdenberg. Doch der Autor identifiziert eine problematische Leerstelle: In einer Kirche, die sich selbst optimiert und um ihre eigenen Strukturen kreist, fühlen sich Menschen verloren. Parallel dazu erleben neue geistliche Bewegungen und Weltjugendtag-Treffen eine Renaissance der eucharistischen Anbetung, in der junge Erwachsene stundenlang vor der Monstranz beten. Der Artikel endet mit einer nachdenklich machenden Anekdote: Ein Paar fotografiert sich selbst vor der Monstranz im Petersdom, den Rücken dem Allerheiligsten zugewandt – ein Bild für die Oberflächlichkeit und das Selbstfokussierte unserer Zeit, das in starkem Kontrast zu echter Andacht steht.

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