Heilungswunder Jesu sind für den Religionsunterricht anspruchsvolle, aber durchaus lohnende Unterrichtsgegenstände. Der Artikel differenziert zwischen „schwierigen" Texten, die produktive Lernchancen bieten, und „zu schwierigen" Texten, die zu kognitiver oder emotionaler Überforderung führen. Die neutestamentlichen Heilungserzählungen fallen in die erste Kategorie – sie werfen zwar legitime Fragen auf, ermöglichen aber tiefergehende Auseinandersetzungen mit Jesu Wirken und seiner eschatologischen Botschaft.
Aus fachwissenschaftlicher Perspektive gelten Heilungen und Exorzismen gegenwärtig eher als leichte denn als schwierige Texte. Jesus wird hier als äußerst erfolgreicher charismatischer Heiler und Exorzist porträtiert, dessen Wirken sich historisch gut rekonstruieren lässt. Die Dämonenaustreibungen zählen zu den am sichersten bezeugten Taten Jesu und standen im Zentrum seines Handelns. Der Artikel erklärt überzeugend, wie Dämonie und Besessenheit in der antiken Lebenswelt als soziales Konstrukt funktionierten, das Menschen in Krisensituationen ermöglichte, ihre mentalen Störungen gesellschaftlich akzeptiert zu artikulieren und Hilfe einzufordern. Durch rituelle Exorzismen wurden heilungsfördernde Kräfte freigesetzt.
Zentral für das Verständnis ist die eschatologische Perspektive: Jesu Heilungen und Dämonenaustreibungen sind Manifestationen der anbrechenden Gottesherrschaft. Sie verwirklichen endzeitliches Heil. Die Entmachtung des Satans ermöglichte es Jesus, Menschen in ihrer schöpfungsgemäßen Bestimmung wiederherzustellen. Auch Sabbatheilungen gewinnen in diesem Licht tieferen Sinn – sie stellen den Sabbat in seine ursprüngliche Bestimmung zurück.
Allerdings müssen sich Religionspädagoginnen und -pädagogen mit mehreren Herausforderungen auseinandersetzen: Kinder im Grundschulalter können kognitiv überfordert sein, Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe bezweifeln oft die Geschichtlichkeit und sehen einen Widerspruch zur Wirklichkeit. Hinzu kommt berechtigte Kritik aus Disability-Perspektive, die bei unkritischer Vermittlung zu einer Abwertung nicht normgemäßer Körperlichkeit führen kann. Der Artikel macht deutlich, dass diese Einwände ernst zu nehmende Reibungsflächen sind, die sich aber didaktisch produktiv nutzen lassen.