Das theologische Gespräch wird in der Religionspädagogik oft als Gegenpol zum fragend-entwickelnden Unterrichtsgespräch dargestellt – hier das gleichberechtigte Nachdenken über existenzielle Fragen, dort die subtile Lenkung durch die Lehrperson. Doch diese klare Abgrenzung verdeckt überraschende Ähnlichkeiten zwischen beiden Gesprächsformen. Der vorliegende Artikel unternimmt einen differenzierten historischen und analytischen Vergleich, der zeigt, dass fragend-entwicklungs- und theologische Gespräche auf gemeinsamen pädagogischen Wurzeln beruhen: Beide berufen sich auf das sokratische Ideal der Selbsttätigkeit und des eigenständigen Denkens, das bereits im 18. Jahrhundert normativ verankert wurde. Doch beide Formen können sich auch der grundlegenden Ambivalenz von Unterricht nicht entziehen – dem Konflikt zwischen dem Anspruch auf Selbsttätigkeit der Lernenden und der impliziten Effektivität und Lenkung durch die Lehrperson. Anhand empirischer Beispiele aus dem Religionsunterricht wird deutlich, dass die Lehrerin ihre pädagogischen Ziele durchaus subtil verfolgt, während sie gleichzeitig den Anschein von Offenheit wahrt. Die Analyse mahnt im Hinblick auf theologische Gespräche zur Bescheidenheit: Sie können der paradoxen Adressierung von Schülerinnen und Schülern – dem gleichzeitigen Appell zu eigenständigem Denken und versteckter Lenkung – ebenso wenig entgehen wie fragend-entwickelnde Gespräche. Ein bewussterer Umgang mit dieser Grundambivalenz könnte zu einer kritischeren und ehrlicheren Gestaltung beider Gesprächsformen führen.