Interreligiöse Bildung an der Hochschule steht vor grundlegenden Spannungsfeldern, die nicht einfach aufgelöst werden können, sondern reflexiv gestaltet werden müssen. Ein Forschungsprojekt zur Lehrkraftausbildung im fremdreligiösen Unterricht offenbarte eine herausfordernde Differenz zwischen schulischen Anforderungen und universitären Lernmöglichkeiten. Der vorliegende Beitrag nimmt diese Befunde zum Anlass, um interreligiöse (Selbst-)Bildungsprozesse auf der Mikroebene mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen auf der Makroebene zu verbinden. Dabei werden fünf zentrale Spannungsfelder systematisch durchdacht: Positionalität und Dialog, Gewissheit und Loslassen, Konsens und Dissens, Theorie und Praxis sowie Minderheit und Mehrheit. Die Autorinnen argumentieren, dass professionelle Lehrkraftausbildung nicht darauf abzielen kann, religiöse Differenzen zu überwinden oder eine Art religiös-indifferente Homogenität herzustellen. Stattdessen sollte Differenz selbst zum reflexiven Gegenstand interreligiöser Bildung werden. Ein solches Problembewusstsein ist paradoxerweise weniger durch Gewissheit geprägt als vielmehr durch produktive Irritationen und Ungewissheiten, die zur Ausbildung eines reflexiven Habitus professionellen Handelns beitragen. Die zentrale Leitfrage lautet: Soll man Gemeinsamkeiten oder Differenzen betonen, und wie und wozu soll dies geschehen? Der Beitrag zeigt anhand der Analyse von Positionalität und Dialog auf mindestens fünf Ebenen – hermeneutisch, inhaltlich, methodisch-didaktisch, horizontal im Hinblick auf Macht und Minderheitsverhältnisse sowie existentiell – wie konkrete interreligiöse Arrangements in der Lehrkraftausbildung abstrakte Konzepte mit Bedeutung füllen und sensibilisieren.