Das Phänomen der Konfessionslosigkeit in Deutschland wächst kontinuierlich und betrifft mittlerweile fast 39 Prozent der Bevölkerung – eine Entwicklung, die längst nicht mehr nur für Ostdeutschland relevant ist, sondern die gesamtdeutsche Gesellschaft prägt. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? Der vorliegende Artikel argumentiert überzeugend, dass „Konfessionslosigkeit" eine ausgesprochen mehrdeutige Kategorie ist, die von der bloßen Ablehnung institutioneller Bindung bei gleichzeitiger individueller Religiosität bis hin zur dezidierten Religionslosigkeit reicht. Diese Vielfalt macht eine präzisere Begrifflichkeit notwendig.
Der Beitrag arbeitet in zwei Schritten vor: Im ersten Teil wird das Phänomen anhand empirischer Studien systematisch erfasst und verschiedene Typologien von Konfessionslosen vorgestellt – von „Gläubigen Konfessionslosen" über „Spirituell Aufgeschlossene" bis zu „Atheisten". Besonders wertvoll ist die Bezugnahme auf die Schweizer Studie zu Religion und Spiritualität, die zeigt, dass die beschriebenen Semantiken keineswegs nur außerhalb von Religionsgemeinschaften vorkommen, sondern auch innerhalb verfasster Kirchen zu finden sind.
Im zweiten Teil wird der theoretische Rahmen durch Christoph Theobald's Konzept des „Christentums als Stil" erweitert, um die Herausforderung von Säkularität für die Praktische Theologie neu zu denken. Statt Konfessionslosigkeit allein als Erosion kirchlicher Praxis zu verstehen, wird sie als Chance für eine veränderte Begegnung zwischen religiöser und säkularer Lebenswelt interpretiert. Dies wird konkret am Handlungsfeld freier kirchlicher Schulen veranschaulicht – einem Ort, der als Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft im Bereich formaler Bildung fungiert. Der Artikel leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Neuorientierung religiöser Bildungsarbeit in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft.