Der Beitrag behandelt die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Vernunft als zentrale fundamentaltheologische Aufgabe mit religionspädagogischen Implikationen. Nach einer begriffsklärenden Einführung zu Vernunft und Rationalität (u.a. bei Kant, Weber, Apel, Habermas) zeigt der Autor die historische Bedeutung des Vernunfterweises des Glaubens in der christlichen Theologie (von der Apologetik über Anselm und Thomas von Aquin bis zu modernen päpstlichen Stellungnahmen). Im zweiten Teil werden religionspädagogische Probleme identifiziert: Die gegenwärtige Schülerschaft bringt immer weniger explizite christliche Glaubensüberzeugungen mit; Rationalität ist kein stark motivierendes Moment für religiöses Lernen. Der zentrale innovative Ansatz des Artikels nutzt Jürgen Baumerts bildungstheoretisches Konzept unterschiedlicher Modi der Welterschließung (kognitiv, ästhetisch-expressiv, evaluativ-normativ, Fragen des Ultimaten). Dadurch erfolgt ein Paradigmenwechsel von substantialistischer zu dispositioneller Rationalität: Religion wird als eigene, mit anderen gleichberechtigte Rationalitätsform verstanden. Dies ermöglicht zwei Chancen: (1) Entschärfung traditioneller Glauben-Vernunft-Gegensätze durch ihre Neubestimmung als komplementäre Welterschließungsmodi; (2) Aufdeckung spezifischer Pathologien in allen Rationalitätsformen (Szientismus, Zweckrationalismus, religiöser Wahn). Der Autor identifiziert zwei religionspädagogische Aufgaben: inhaltliche Entfaltung von religiöser Rationalität (kognitiv, ästhetisch, praktisch) und Erweiterung des Kompetenzspektrums um Fähigkeiten zum perspektivischen Wechsel zwischen Rationalitätsmodi. Abschließend wird eine revidierte Apologie vorgeschlagen, die den Glauben nicht als rational rechtfertigen, sondern die religiöse Rationalität als kompatibel mit anderen Rationalitätsformen erweisen soll.