Ulrich Hemel analysiert in diesem Artikel die facettenreiche Frage nach den Zielen religiöser Erziehung im schulischen Kontext. Der Autor argumentiert, dass der Religionsunterricht an der Schnittstelle zwischen öffentlicher und privater Erziehung einen spezifischen Auftrag erfüllt: Er soll zum Anwalt der religiösen Selbstbestimmung junger Menschen werden. Hemel unterscheidet mehrere Perspektiven auf religiöse Erziehung – die schulische, pädagogische, kirchliche, soziologische und historische Perspektive – und zeigt, wie diese in einem „Kaleidoskop" zusammenfallen. Der zentrale Argumentationsstrang des Artikels ist, dass religiöse Kompetenz nicht als bloße Ansammlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten verstanden werden darf, sondern als anthropologisch fundierte Fähigkeit zur Weltdeutung und Lebensorientierung. Hemel entwickelt ein differenziertes Modell religiöser Kompetenz mit fünf Dimensionen: religiöse Sensibilität, religiöse Kommunikation, religiöse Inhaltlichkeit, religiöses Ausdrucksverhalten und religiöses Ethos. Diese Dimensionen zielen auf die Entwicklung des „inneren Selbst" und der „spirituellen Identität" ab. Der Autor kritisiert eine rein funktionalistische Verkürzung von Kompetenzbegrifflichkeit und plädiert dafür, dass Menschen nicht in ihren funktionalen Kompetenzen aufgehen. Ein wichtiger Aspekt ist die Doppelaufgabe des Religionsunterrichts: Er soll sowohl die religiöse Selbstbestimmung fördern als auch in das Christentum einführen. Hemel sieht in der gegenwärtigen Minderheitsposition des Christentums in der pluralistischen Gesellschaft nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance für den schulischen Religionsunterricht. Der Unterricht wird schließlich als Beitrag zur praktischen Realisierung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit verstanden, denn kompetente Wahrnehmung dieser Freiheit erfordert hinreichende religiöse Bildung. Der schulische Religionsunterricht kann somit als Geburtshelferin des „inneren Selbst" und einer sozial verantworteten persönlichen Identität fungieren.