Ulrich Hemel reflektiert in diesem Artikel seine über 25-jährige wissenschaftliche Arbeit zum Thema religiöse Erziehung und ihre Ziele. Ausgehend von autobiografischen Erfahrungen als Religionspädagoge und Vater entwickelt er eine differenzierte Theorie religiöser Kompetenz. Zentral ist seine Unterscheidung zwischen „Kompetenz 1" (religiöse Kompetenz als umfassende Persönlichkeitsorientierung) und „Kompetenz 2" (einzelne messbare Kompetenzen und Fertigkeiten). Der Autor plädiert für eine doppelte Begründbarkeit religiöser Erziehung: Sie muss sowohl theologisch als auch schultheoretisch fundiert sein. Im Kontext pluraler Gesellschaften argumentiert Hemel, dass Religionsunterricht an öffentlichen Schulen auch für nichtkatholische Schüler offen stehen sollte und als Angebot für alle gelten kann. Er entwickelt ein Modell religiöser Kompetenz basierend auf vier Dimensionen von Religiosität: Inhaltlichkeit (kognitiv), Sensibilität (affektiv), Kommunikationsfähigkeit (kommunikativ) und Ausdrucksverhalten (pragmatisch). Diese Dimensionen korrespondieren mit Persönlichkeitsdimensionen und ermöglichen es, religiöse Entwicklung ganzheitlich zu fördern. Das Kernthema ist die Fähigkeit zu „Framing" und „Coping" – der Gestaltung eines mentalen Rahmens für Selbst- und Weltdeutung sowie dem produktiven Umgang mit Lebensereignissen. Hemel betont die Bedeutung des biografischen Fadens der Schüler und kritisiert die Reduktion von Kompetenzen auf bloß messbare Standards. Lehrpläne sollten als „Landkarten für Entdeckungsreisen" verstanden werden, die subjektorientiert die individuelle Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Abschließend fordert der Autor eine Neuausrichtung der universitären Religionslehrerausbildung, die stärker auf die Schaffung produktiver Beziehungen fokussiert und damit echte Investitionen in menschliche Entwicklung ermöglicht.