Der Artikel adressiert eine bislang unterbelichtete Leerstelle in der gegenwärtigen kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik: das Verhältnis von Emanzipation und Tradition. Die Autoren gehen von der These aus, dass eine tragfähige Begründung emanzipatorischen Religionsunterrichts nur gelingt, wenn die epistemische und normative Leistung religiöser Traditionen explizit berücksichtigt wird. Zur Strukturierung dieser Problematik werden vier idealtypische Denkmodelle unterschieden und systematisch profiliert: (1) Emanzipation als Distanzierung von Tradition versteht Traditionen als hinderliche Größen, deren Überwindung Voraussetzung für Freiheit ist – ein Modell mit historischen Wurzeln in der Autoritätskritik der 1960er Jahre, das jedoch heute nur begrenzte Plausibilität besitzt. (2) Emanzipation als Transformation von Tradition betrachtet Traditionen als dynamische, plural strukturierte Auslegungszusammenhänge, die kontinuierlicher Relektüre und kontextsensitler Aktualisierung bedürfen – ein Modell mit hoher Anschlussfähigkeit für pluralistische Gegenwärtsgesellschaften. (3) Emanzipation durch (Gegen-)Tradition beruht auf der bewussten Bezugnahme auf alternative, marginalisierte Überlieferungsstränge, die in Widerspruch zu dominanten Traditionslinien stehen und kritische Ressourcen für Befreiung freisetzen. (4) Emanzipation in Tradition vollzieht sich nicht im Gegensatz zur Überlieferung, sondern in Kontinuität mit jenen Traditionselementen, die auf Freiheit und Gerechtigkeit zielen. Die Autoren diskutieren die Chancen, Grenzen und didaktischen Anschlussmöglichkeiten dieser Modelle für den gegenwärtigen Religionsunterricht in Deutschland. Sie zeigen, dass die Modelle nicht vollständig trennscharf sind, sich gegenseitig nicht ausschließen und je nach spezifischen gesellschaftlichen Kontexten komplementäre Stärken und Schwächen aufweisen. Besonders die Modelle 2 und 3 erscheinen für die gegenwärtige deutsche Religionspädagogik anschlussfähig, da sie es ermöglichen, Kontroversität produktiv zu bearbeiten und Traditionen als Räume zu verstehen, in denen kritische Distanz und konstruktive Aneignung einander bedingen. Die Schlussfolgerung lautet, dass emanzipatorisches Lernen Traditionen als kontroverse Aushandlungsräume verstehen muss, in denen religiöse Überlieferungen neu als Ressourcen für Freiheit erschlossen werden können.