Boschki und Gronover widmen sich in ihrem Artikel dem Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen und seinem Schattendaseins in Öffentlichkeit und Wissenschaft. Sie analysieren zunächst die Besonderheiten dieser Schulform: Ab dem Alter von 16 Jahren befinden sich mehr Jugendliche in berufsbildenden als in allgemeinbildenden Schulen. Trotz des verfassungsrechtlichen Anspruchs auf Religionsunterricht wird dessen Existenz und Bedeutung vielfach unterschätzt. Die Lerngruppen zeichnen sich durch extreme Heterogenität aus – bezüglich sozialer Herkunft, familiärer Bindung, religiöser und ethnischer Zugehörigkeiten sowie Leistungsstand. Ein entscheidendes Charakteristikum ist die multireligiöse Zusammensetzung trotz konfessionell-gebundener Struktur. Die Autoren beschreiben drei religionsdidaktische Herausforderungen: (1) Kompetenzorientierung: Der Unterricht muss religiöse Kompetenz im persönlichen Leben, der Gesellschaft und dem Beruf fördern und dabei die Tiefenstruktur des Unterrichts bewahren. (2) Anforderungssituationen: Diese strukturieren den Unterricht so, dass Lernende motiviert werden, selbstständig Wissen zu erwerben und Perspektivenübernahmen zu erlernen – ein empirisches Forschungsprojekt zur Pflegeausbildung zeigte, dass interaktive Methoden dabei entscheidend sind. (3) Berufsorientierung: Dies ist sowohl religionsdidaktisches Prinzip als auch eigenständiges Unterrichtsthema. Eltern spielen eine Schlüsselrolle bei der Berufswahl, während Lehrkräfte nur begrenzte Einflussmöglichkeiten haben. Abschließend benennen die Autoren zukünftige Desiderate: die Klärung konfessioneller Verantwortung angesichts religiöser Heterogenität, die Frage nach der Legitimation religiöser Bildung im beruflichen Kontext, Wirksamkeitsstudien zur Nachhaltigkeit religionspädagogischer Arbeit und eine stärkere wissenschaftliche Verortung des berufsbezogenen Religionsunterrichts.