Patrik C. Höring setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, wie Schulen und Kirchen mit der gesellschaftlichen Vielfalt umgehen können. Der Autor konstatiert eine problematische Tendenz zur Homogenisierung in beiden Institutionen, die der Vielfalt individueller Lebensweisen nicht gerecht wird. Im Zentrum stehen die seit 2005 veröffentlichten Sinus-Milieustudien, die zeigen, wie stark diese Homogenisierungstendenz auch innerhalb der (katholischen) Kirche wirkt. Höring entwickelt ein vierstufiges Konzept zur Nutzung von Milieustudien: (1) als Anfrage an das Bildungskonzept, das bislang von homogenen Lerngruppen ausgeht; (2) als Instrument der didaktischen Analyse zur besseren Wahrnehmung von Schülerlebenswelten; (3) als Unterrichtsinhalt beispielsweise im Gesellschaftslehre-Unterricht; (4) als Orientierungshilfe für gemeindliche Katechese. Der Artikel analysiert konkret zwei Themenbereiche der Sinus-U18-Studie 2012: „Schule und Lernen" sowie „Glaube, Religion, Kirche". Dabei werden unterschiedliche Grundorientierungen (traditionell-konservativ, postmodern, experimentalistisch hedonistisch, prekär) und deren jeweils spezifische Beziehungen zu Schule und Glaube beleuchtet. Höring betont, dass Lehrpersonen und Katecheten durch die Kenntnis dieser Milieus ihre Wahrnehmungsfähigkeit schulen können, ohne dabei in problematische Kategorisierungen zu verfallen. Der Autor plädiert für eine person-sensible Pastoral, die individuelle Glaubensprozesse ermöglicht, statt sie zu homogenisieren. Er warnt vor undifferenzierter Kirchenkritik und fordert stattdessen einen pädagogisch klugen Umgang mit zeitgemäßen theologischen Argumentationslinien. Im Kontext der Katechese empfiehlt Höring alternative Ansätze wie familienkatechetische Konzepte oder mentoring-orientierte Firmkatechese, die individuelle Lebenswelten stärker berücksichtigen. Abschließend argumentiert er, dass Veränderungen in den Glaubensweisen der Menschen auch den Glauben der Kirche insgesamt verändern und dass Milieustudien als Indikatoren und Katalysatoren für einen dialogischen Prozess der Wahrheitsfindung dienen können.