Norbert Mette analysiert die gegenwärtige Krise des konfessionellen Religionsunterrichts in Deutschland. Ausgelöst durch gesellschaftliche Säkularisierungsprozesse, sinkende Taufquoten und eine wachsende Gruppe religionsungebundener Schüler/-innen, wird das Fach Religion politisch zunehmend in Frage gestellt. Der Autor präsentiert zunächst verschiedene Alternativmodelle wie Religionskunde (z.B. in Luxemburg, Brandenburg), kritisiert diese aber als unzureichend, da sie Religion primär als kulturelles oder ethisches Phänomen behandeln und den existenziellen Tiefendimensionen menschlichen Lebens nicht gerecht werden. Mette argumentiert für die unverzichtbare Bedeutung explizit religiöser Bildung. Diese zielt nicht auf Glaubensvermittlung ab, sondern auf die Entwicklung einer „religiösen Urteilskraft" (nach Helmut Peukert), die es Schüler/-innen ermöglicht, religiöse Traditionen kritisch zu bewerten und ihre Relevanz für persönliche und gesellschaftliche Lebensfragen einzuschätzen. Religionen bieten – neben humanistischen Traditionen – erfahrungsgesättigte Weisheit mit Konzepten wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Compassion und Solidarität. Als praktische Lösung für die veränderten schulischen Bedingungen schlägt Mette einen „Religionsunterricht für alle" vor, der in gemeinsamer Verantwortung verschiedener Religionsgemeinschaften erteilt wird. Das Hamburger Modell demonstriert die Machbarkeit. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von Religionskunde und reiner Werteerziehung: Er bewahrt die konfessionalen Perspektiven, integriert sie aber in einen Dialog, der Unterschiede anerkennt und gemeinsame Lernprozesse ermöglicht. Der Autor betont die Notwendigkeit einer religionsdidaktischen Neu-Konzeptualisierung: Beginnend mit elementarer Alphabetisierung über Transzendenz und conditio humana, fortschreitend zu kritischer Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen und ihrer zeitgenössischen Bedeutung. Schüler/-innen sollen verstehen, dass Religion „zu denken gibt" und zur Bewältigung gegenwärtiger Herausforderungen (Klimawandel, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit) beiträgt. Ein solcher Religionsunterricht erfordert Zeit zur Vorbereitung, neue Kooperationsformen zwischen Religionsgemeinschaften, angepasste Lehrpläne und innovative Lehrkräfteausbildung. Mette sieht darin einen zukunftsträchtigen Weg, religiöse Bildung an Schulen zu bewahren.