Der Artikel behandelt die Krise des konfessionellen Religionsunterrichts in Deutschland und entwickelt einen neuen Lösungsansatz. Die Autorin diagnostiziert drei zentrale Herausforderungen für den RU: erstens religionssoziologische Veränderungen (demographischer Wandel, sinkende Religionszugehörigkeit, wachsender Religionsplural), zweitens gesellschaftliche Anforderungen (Forderung nach Toleranz und gemeinsamen Lernen trotz religiöser Vielfalt) und drittens die Frage nach der theologischen und bildungstheoretischen Begründung des bekenntnisorientierten RU. Als Lösung wird das Modell eines "positionell-religionspluralen RU im Klassenverband" vorgestellt. Dieses Modell basiert auf vier Prinzipien: (1) Positionalität: Der RU wird von Lehrkräften erteilt, die einer bestimmten Religionsgemeinschaft angehören und Religion aus dieser Perspektive authentisch und transparent darstellen. (2) Pluralität im Klassenverband: Alle Schülerinnen und Schüler aller Konfessionen und Religionen lernen gemeinsam, nicht getrennt. (3) Phasierung: Der Unterricht folgt drei Phasen – positionelle Darstellung, dialogische Phase mit Perspektivenwechsel, reflektierte Positionalität mit Rückbezug zur eigenen Position. (4) Kontextualität: Das Modell berücksichtigt lokale Gegebenheiten und Ressourcen. Die Autorin begründet diesen Ansatz durch religionstheoretische, theologische, bildungstheoretische, demokratiestärkende, hermeneutische und rechtliche Argumente. Sie zeigt auf, wie interreligiöse Differenzhermeneutik ermöglicht, dass Schülerinnen und Schüler Religionen in ihrer Eigenart als Lebensüberzeugungen kennenlernen, nicht nur als Wissensinhalte. Der Artikel schließt mit einer kritischen Reflexion von Herausforderungen und Problemen des Vorschlags, etwa die Verfügbarkeit von islamischen und jüdischen Religionslehrkräften, die Unterstützung durch Kirchen und Religionsgemeinschaften, curriculare Konsequenzen und die Gefahr der Degradation zu einem Sparmodell.