Der Autor vertritt die These, dass selbstreflexiver Religionsunterricht die Mechanismen von Othering-Prozessen thematisieren sollte, um Religion als gesellschaftliches und kulturelles Phänomen zu verstehen. Im Gegensatz zur üblichen Fokussierung auf Othering durch die eigene Gruppe schlägt Willems vor, Othering "im Richtungswechsel" zu untersuchen, indem Schülerinnen und Schüler analysieren, wie 'Andere' die eigene Gruppe stereotypisierend darstellen. Als Beispiel analysiert der Autor Predigten von Patriarch Kirill aus 2022, in denen 'der Westen' als gottlos, unmoralisch, expansionistisch und dem Christentum feindlich gegenüberstehend charakterisiert wird, während Russland als gläubig, friedlich, tolerant und eine "Insel der Freiheit" dargestellt wird. Diese komplementären Auto- und Hetero-Stereotype dienen der Legitimation des Ukraine-Krieges als Verteidigungskrieg gegen 'den Westen'. Willems diskutiert, ob dieser Diskurs als Othering im postkolonialen Sinne zu verstehen ist, und kommt zu dem Ergebnis, dass es sich um ein Othering im weiteren Sinne handelt - als Different-Machen zum Zweck des Aufbaus eines positiven Selbstbildes und der Legitimation von Macht. Didaktisch könnten Schülerinnen und Schüler durch die Arbeit mit solchen Predigten verstehen, wie Othering-Prozesse funktionieren, wie Religion zur Legitimation von Gewalt herangezogen wird, und wie sie selbst in Stereotypisierungen verwickelt sind. Der Autor schlägt konkrete Unterrichtsschritte vor, einschließlich der Erstellung einer Tabelle komplementärer Stereotype und einer differenzierten Analyse ihrer ideologischen Funktionen.