Der Artikel untersucht die Frage, ob und wie kritisch-emanzipatorische Ansätze der religionspädagogischen Reformdekade um 1968 für gegenwärtige Herausforderungen fruchtbar gemacht werden können. Herbst argumentiert, dass aktuelle gesellschaftliche Umbrüche – insbesondere der globale Aufstieg autoritären Populismus und die Klimakrise – eine Neujustierung religionspädagogischer Theoriebildung erforderlich machen. Der Autor belegt dies anhand zweier Beispiele: erstens die Auswirkungen populistischer Diskurse auf religiöse Bildungsprozesse und die Gefahr von Koalitionen christlicher Gruppen mit der neuen Rechten; zweitens die Neuverhandlung zentraler religionspädagogischer Begriffe wie „Identität", die in gegenwärtigen Macht- und Herrschaftskontexten neu gedacht werden müssen. Die Arbeit schlägt vier Dimensionen einer kritisch-emanzipatorischen Religionspädagogik vor: (1) Eine historische Selbstvergewisserung, die die Potenziale und Aporien der Reformdekade produktiv nutzt; (2) eine gesellschaftstheoretische Selbstvergewisserung, die Kritische Theorie plural und interdisziplinär rezipiert und durch poststrukturalistische, postmarxistische und postkoloniale Ansätze anreichert; (3) eine theologische Fundierung durch Politische Theologie; (4) eine praktische Selbstvergewisserung mit konkreten didaktischen Konkretisierungen. Der Artikel betont, dass religiöse Bildung ihre Eigenlogik bewahren muss, während sie gleichzeitig gesellschaftliche Zusammenhänge und Machtverhältnisse kritisch analysiert. Abschließend wird die Notwendigkeit unterstrichen, zwischen kritischem und konstruktivem Zugang zu unterscheiden und neue Konzepte religiöser Bildung zu entwickeln, etwa durch außerschulische Lernorte und gesellschaftsbewusste pädagogische Konzepte.