Der Artikel analysiert die komplexe Rolle des Kopftuchs an französischen muslimischen Schulen im Kontext der französischen Laizität und der Geschichte der Kopftuchkontroversen seit 1989. Die Forschung basiert auf 16 halbstrukturierten Interviews mit Gründern und Schulleitern von neun muslimischen Schulen sowie ethnografischen Beobachtungen in zwei Schulen zwischen Januar 2017 und März 2019. Die Studie zeigt, dass die neun untersuchten Schulen drei unterschiedliche Positionen zum Kopftuch in der Grundschule einnehmen: fünf Schulen erlauben das Tragen, drei verbieten es ohne Ausnahmen, und eine erlaubt es nur mit Ausnahmen. Die Schulen, die das Kopftuch erlauben, kehren das damit verbundene Stigma um, indem sie es als Zeichen von Wahlfreiheit und religiöser Identität normalisieren. Dies trägt zur Vermittlung eines spezifischen „Habitus" und einer „Muslimness" bei, die durch rituelle Gebete, Halal-Mahlzeiten und spezifische religiöse Vokabeln verstärkt wird. Schulen mit restriktiven Richtlinien begründen ihre Positionen mit vier Argumenten: erstens zur Demonstration von Respektabilität und Distanzierung vom Stigma; zweitens basierend auf der Soziologie der Schulsgründer (viele arbeiteten in öffentlichen Schulen); drittens aus Angst vor Feindseligkeiten und dem Wunsch, „diskret muslimisch" zu bleiben; und viertens durch den Bezug auf eine „reformierte" Islam-Version. Diese Schulen argumentieren mit Qur'an-Zitaten, dass das Kopftuch erst ab der Pubertät verpflichtend ist, und betonen die Unterscheidung zwischen Religion und Kultur sowie zwischen Werten und Gewohnheiten. Der Artikel zeigt, dass alle untersuchten Schulen durch einen „eingeschränkten Diskurs" begrenzt sind, der durch die französische Laizität und aktuelle Sicherheitsbedenken geprägt ist. Schulen, die Kopftücher erlauben, rechtfertigen diese durch Argumente zu freiem Willen statt religiöser Verpflichtung. Schulen, die Kopftücher verbieten, nutzen islamische Argumente zur Überzeugung der Eltern. In beiden Fällen werden religiöse Argumente sorgfältig gehandhabt und nie eigenständig verwendet. Die Studie hebt hervor, dass die Euphemisierung des religiösen Diskurses möglicherweise spezifisch für den französischen Kontext ist.