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Rezension: Walter Homolka: Krieg und Frieden im Judentum

Veröffentlichung:20.10.2025

Rezension der Veröffentlichung Krieg und Frieden im Judentum von Walter Homolka, erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Das nach der Schoa größte Massaker an Juden am 7. Oktober 2023 in Israel führte zu einer Re-Traumatisierung der Juden in aller Welt; um die Geiseln aus der Hand der Hamas zu befreien, kam es zu einem Krieg gegen die Terrororganisation. Angesichts dieser Geschehnisse beleuchtet Walter Homolka in seinem Buch „Krieg und Frieden im Judentum“ chronologisch den „Schalom-Gedanken“ Israels, denn das Streben nach Frieden ist fest im Vorbild der Propheten, Philosophen und Rabbinen verwurzelt. Der Autor beginnt mit der Frage: „Gibt es einen gerechten Krieg?“ Hierzu zieht er sowohl das Buch Deuteronomium Kap. 20 heran, in welchem sich Regeln für eine „adäquate“ Kriegsführung finden, als auch das Buch Leviticus Kap. 26, in welchem die altisraelitische Friedensvorstellung deutlich erkennbar wird. Im Kapitel „Krieg und Frieden in der Tora“ wird zunächst die Grundbedeutung von Schalom (Ganzheit, Unversehrtheit, Vollendung, Heilsein) erläutert und deutlich gemacht, dass es sich hierbei um einen umfassenden Friedenszustand handelt, der auch die Tiere und die Natur miteinbezieht. Es handelt sich bei Schalom um eine Heilserwartung, die nicht allein auf Israel bezogen ist. Im Kapitel „Krieg und Frieden in der rabbinischen Literatur“ werden aus Talmud, Mischna und Midrasch verschiedene Aussagen über die Bedeutung des Friedens, seine Herstellung und Bewahrung vorgestellt. Der Frieden ist ein zentrales Thema, und es ist die Aufgabe der Gelehrten, „den Frieden in der Welt zu mehren“ (Berachot 64a), denn „die gesamte Tora besteht nur des Friedens wegen“ (Gittin 59b). Daher gibt es kaum ein Gebet, welches nicht mit dem Wunsch nach Frieden schließt. Im Kapitel „Gewalt und Gewaltlosigkeit in der mittelalterlichen Religionsphilosophie“ wird der Friedensbegriff erweitert, steht aber nun im Zusammenhang mit dem Messias. Maimonides (1138-1204), der berühmteste Philosoph des Judentums, erwartet beim Erscheinen des Messias die Errichtung eines Friedensreiches für die gesamte Menschheit, und Josef Kimchi (1160-1235), Grammatiker, Übersetzer und Exeget, glaubt, dass die Nationen ihre Streitfragen dem Messias vorlegen werden, wodurch es keine Kriege mehr gäbe. In „Der Friedensbegriff der jüdischen Aufklärung und Emanzipation“ erläutert der Autor, dass der Friedensbegriff dahingehend definiert wird, dass Frieden nicht als „Transaktion“ mit diesem oder jenem zu verstehen sei, sondern als eine Gesinnung für alle und für alles Handeln. Somit sieht Hermann Cohen (1842-1918), ein Vertreter der neukantianischen (Marburger) Schule, den Frieden als „Harmonisierung der gesamten Sittlichkeit und Quintessenz der göttlichen Attribute.“ Im Kapitel „Neo-Orthodoxie und Liberales Judentum“ diskutiert Homolka sowohl den Friedensbegriff von Samuel Raphael Hirsch (1808-1888), einem führenden Vertreter des orthodoxen Judentums in Deutschland, als auch den von Leo Baeck (1873-1956), der einer der bedeutendsten Theologen des progressiven Judentums war. Nach Hirsch können die Begriffe „Frieden“ und „Harmonie“ nie ohne die Bezugsquellen „Gott“ und „Mensch“ gedacht werden; Leo Baeck hingegen betont die Friedensarbeit, „denn in ihr allein liege die Zukunft der Menschheit“ und „Feindesliebe und Ausrottung des Hasses“ sind wesentliche Faktoren, um den Frieden zu erreichen. Im Kapitel „Der Staat Israel: Vom gerechten Krieg zum gerechten Frieden“ thematisiert der Autor u.a. die Grundwerte der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), die Friedensbewegung in Israel sowie ethische Überlegungen zum israelischen Kriegsrecht, denn auch ein gerechtfertigter Krieg rechtfertigt keine ungerechten Handlungen. Diesbezüglich kommen verschiedene Publizisten und Rabbiner zu Wort. Das Fazit, so das letzte Kapitel, lautet: „Frieden ist die einzige Option.“ Das Anliegen des Autors ist es, die Bedeutung des Wortes Schalom für das jüdische Denken durch die Jahrhunderte herauszuarbeiten als auch das „Dilemma“ zwischen fest verankerter „Friedensliebe“ und der Notwendigkeit Israels, die eigene Existenz zu verteidigen, anzusprechen. Dies ist ihm außerordentlich gut gelungen. In einer Zeit, in der die Ursache des Krieges immer weniger thematisiert wird und viele in der Welt Israel für das Leiden in Gaza verantwortlich machen, ist es notwendig, diesen Fragen nachzugehen: „Wie kann man einen Gegner bekämpfen, der sich hinter Zivilisten verschanzt?“ und „Wie bekämpft man den Terror und schützt zugleich Unschuldige?“ Daher schließt das Buch mit den Aussagen „Kein Frieden ohne Sicherheit“ und einem Zitat von David Grossmann (geb. 1954) „Ohne Frieden gibt es keine Zukunft“. Walter Homolka präsentiert wieder ein großartiges Buch, das umfangreiche Literatur und zahlreiche Quellen heranzieht. Es sollte für alle zur Pflichtlektüre gehören, die sich um eine objektive Stellungnahme bezüglich der Situation in Israel und Gaza bemühen. Ostfildern: Patmos Verlag. 2025 160 Seiten 18,00 € ISBN 978-3-8436-1587-7

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