Monastische Spiritualität als Provokation Mit einem Nachwort von Notker Wolf OSB Aus dem Niederländischen übersetzt von der Mönchsgemeinschaft der Abtei St. Willibrord in Doetinchem Bücher, die über das Leben im Kloster informieren, gibt es viele. Das vorliegende Buch wählt die umgekehrte Perspektive: es blickt auf das Kloster im Leben. Thomas Quartier, Benediktinermönch der Abtei St. Willibrord in Doetinchem (Niederlande) und Professor für liturgische und monastische Studien an den Universitäten Leuven und Nimwegen, befragt die monastische Lebensform nach ihrem dynamischen Verhältnis zur sie umgebenden Kultur und entdeckt überraschende Anknüpfungspunkte. Bereits das Inhaltverzeichnis lässt ein wohldurchdachtes Itinerar erkennen. Drei große Abschnitte skizzieren den äußeren Rahmen und die innere Haltung (Teil I: Lebensform: Entfremdung, Teil II: Handlungen: Aufmerksamkeit, Teil III: Lebensinhalt: Offenheit); je drei Unterkapitel berichten von Begegnungen und überraschenden „Wieder-Entdeckungen“, die sich unterwegs, fast beiläufig ereigneten und die nun den Leser mit sich selber im Spiegel des Mönchtums konfrontieren. Entstanden ist eine Provokation, die buchstäblich aus gewohnten Denkmustern herausruft und nach den Quellen der Inspiration fragt. Quartier liest und deutet das Ordensleben „als Suchender, als engagierter Wissenschaftler und reflektierender Mönch“ (17) gegen den Strich. Fragend regt er zum Nachdenken an, stellt sich und Traditionen in Frage, ohne mit pauschalen Antworten zu schließen. Er erzählt von Erlebnissen in- und außerhalb der Klostermauern, auf der Straße, im Reisebus, im Grenzverkehr von drinnen und draußen, zwischen universitärem Alltag und alltäglichem Klosterleben, die ihm zunächst allesamt sperrig und fehl am Platz, utopisch erschienen, dann aber eine ganz neue Weite und „Andersortigkeit“ eröffneten: Heterotopie. „Das bedeutet, dass Heiligkeit nicht mehr in erster Linie Sache des Verstandes ist und nicht zuerst Inhalt, sondern dass man ergriffen wird und sich für den eigentlichen Gehalt und die spirituelle Reflexion öffnet.“ (114) Quartier wechselt immer wieder die Optik, was seinen Worten Frische, Empathie und Authentizität verleiht. Er beleuchtet Urrhythmen monastischen Lebens (Raum, Zeit, Lesen, Wachen, Fasten, Denken, Handeln, Feiern), reflektiert biblische Texte, Weisungen der Wüstenväter und Autoren wie Anselm von Canterbury, Thomas Merton, Michael Casey und Paul Ricoeur und stellt sie ins Licht heutiger Existenzformen – allerdings nicht in der Dunkelkammer der Klosterzelle, sondern im Visier des Lebens mit geduldiger Belichtungszeit. So entwickeln sich Momentaufnahmen von erstaunlicher Intensität. „Unsere Situation ist vollkommen anders, unsere Lebensform weniger eindeutig, viel fragmentierter, ob wir wollen oder nicht. … Denn monastische Spiritualität, so wage ich am Ende dieses Kapitels zu sagen, gibt zu denken – aber dann frei.“ (164 f) Die zahlreichen Schwarz-Weiß-Bilder, die sich durch den Band ziehen, wirken dagegen eher romantisierend, ohne den positiven Gesamteindruck zu schmälern. Kevelaer: Butzon und Bercker. 2016 235 Seiten m. s-w Abb. 19,95 € ISBN 978-3-7666-2284-6