Am 31. August 2015 sagte die damalige Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel in der sogenannten Sommerpressekonferenz der Bundesregierung den berühmten Satz „Wir schaffen das“. Er gilt bis heute als Kernaussage des deutschen Konzepts einer Willkommenskultur für Flüchtlinge und sorgte dafür, dass geflüchtete Menschen von 2015 bis 2016 mit großer Wärme und Herzlichkeit aufgenommen wurden. Heute, zehn Jahre später, ist von dieser Atmosphäre und Willkommenskultur fast nichts mehr zu spüren. Stattdessen wird politisch überlegt, wie der Zugang von Flüchtlingen in europäische Staaten hinein effektiv gestoppt werden kann. Josef M. Könning nimmt diese Situation als Ausgangspunkt für sein Buch und stellt sich die Frage, warum auf der einen Seite im europäisch-politischen Kontext die Fahne der Menschenrechte immer wieder hochgehalten wird, vor allem im Hinblick auf den kriegerischen Überfall Russlands auf die Ukraine, und auf der anderen Seite in konkreten Fällen Menschen diese Rechte entzogen oder nur partiell eingeräumt werden, wenn sie als Flüchtlinge und/oder Staatenlose in Europa ankommen. Dieses Paradox ist nicht neu, sondern ist schon von Hannah Arendt (1906-1975) in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhundert ausführlich auf dem Hintergrund der großen Zahl von Flüchtlingen nach dem Ersten Weltkrieg und von vielen Staatenlosen nach dem Zweiten Weltkrieg analysiert worden und mündete in der These, dass „das Recht, Rechte zu haben“ als bedingungslose Voraussetzung für ein menschenwürdiges Leben und für die Geltung der Menschenrechte angesehen werden muss. In der gegenwärtigen Diskussion um eine angemessene Ethik der Menschenrechte ist diese Aussage von Hannah Arendt hochaktuell. Auch für Josef M. Könning ist sie der Ausgangspunkt für seine Frage, wie eine angemessene theologische Menschenrechtsethik angesichts der desolaten globalen Flüchtlingssituation aussehen kann. Dafür entwickelt er methodisch einen analytischen Ansatz, in dem sehr detailliert untersucht wird, was mit den Begriffen in den Menschenrechtsdiskursen (Würde, Recht, Ethik, Ethos usw.) gemeint ist und wie sie verwendet werden. Dabei zeigen sich immer wieder Aporien: So werden z.B. die Menschenrechte als universal und für jeden Menschen geltend begründet, zugleich heben aber die Nationalstaaten durch ihre Justiz diese Rechte wieder auf. Trotz der behaupteten allgemeinen Geltung fehlt aber auf politischer Seite eine Instanz und oft der Wille, Menschenrechte in ihrer ganzen Breite in einer Gesellschaft zu verankern und durchzusetzen. Die Folgen dieses Handelns sind oft menschenunwürdige Bedingungen in sogenannten Camps und Flüchtlingseinrichtungen. Zugleich berauben sie zum zweiten Mal geflüchteten Menschen den Anspruch, als vollwertiges Mitglied einer politischen Gemeinschaft mit unveräußerlichen Rechten anerkannt zu werden, weil es ihnen in ihren Heimatländern oft verwehrt wurde. Ebenso zeigen philosophische Begründungsverfahren hinsichtlich der Geltung, des Inhalts und der Adressaten von Menschenrechten die Aporie, dass ihr Universalismus zu einer starken Abstraktion führt, der für die konkreten Problemlagen von Flüchtlingen nur sehr eingeschränkt hilfreich ist. Zugleich eröffnen sie auf Grund ihres fehlenden Bezugs zur Praxis Interpretationsspielräume, die von staatlichen Akteuren wieder in Form von Ein- und Beschränkungen genutzt werden. Für Josef M. Könning ist dieser aporetische Charakter der Menschenrechte und ihrer Ethik, den er sehr detailliert aufzeigt und analysiert, in politischer und begründungstheoretischer Hinsicht nicht auflösbar, sondern kann bestenfalls nur abgemildert werden. Dafür rekurriert er zum einen auf die Ansätze von Omri Boehm und Janne Mende, die beiden auf unterschiedliche Weise versuchen, einen begründungstheoretischen Universalismus von Menschenrechten mit der konkreten Praxis zu verbinden, so dass deren politische Einhegung im Sinne eines identitären Interesses nicht mehr funktionieren kann. Zum anderen greift Josef M. Könning auf Johann Baptist Metz‘ Programm der Neuen Politischen Theologie zurück. Seine These lautet, dass eine theologisch begründete Menschenrechtsethik, die auf den Grundlagen der Neuen Politischen Theologie, wie sie Metz entwickelt hat, vor allem mit Bezug auf die Option für die Armen, aber auch im Sinne der Theodizeeempfindlichkeit, die das konkrete Leid von Menschen immer wieder zum Thema macht, eine Vermittlungsfunktion bekommen kann im Hinblick auf die Politik. Von daher hat sie auch einen aktivierenden Charakter, weil sie Menschen dahin führt, sich für Andere, in diesem Fall für geflüchtete Menschen, aktiv einzusetzen, damit sie vollumfänglich als Menschen anerkannt werden. Josef M. Könnings Buch ist ein großer Wurf, der für die weitere Genese theologischer Menschenrechtsdiskurse vielfältige Anknüpfungspunkte bietet und zum Weiterdenken anregt. Gerade die Ausarbeitung der Unhintergehbarkeit und der nur bedingten Auflösbarkeit der benannten Aporien in diesem Diskurs ist eine hervorragende Erkenntnisleistung und ist im besten Sinne aufklärerisch. Zugleich verlangt das Buch vom Leser auf Grund seiner dichten Sprache und seinem Detailreichtum eine sehr hohe Aufmerksamkeit und Konzentration. Von daher konnten in dieser Rezension aufgrund der Fülle von Fakten, Ideen, Argumentationen und Gedanken nur grobe Linien aufgezeigt werden. Wer sich an die Lektüre wagt, wird auf alle Fälle belohnt. Eine Neuorientierung in der Diskussion um das Recht, Rechte zu haben Paderborn: Brill / Schöningh Verlag. 2024 326 Seiten 89,00 € ISBN 978-3-506-79458-1