Der vorliegende Sammelband liefert einen eindrucksvollen Überblick und unterschiedliche Perspektiven auf die Frage nach Religion, Spiritualität und Glaube in Kontext des Alterns. Er stellt die noch selten hergestellte Verbindung zwischen Theologie bzw. Religionssoziologie und Gerontologie her und eröffnet daher neue Perspektiven und Zugangsweisen zur Religiosität im Alter. Zunächst stellt Peter Gross unter dem Titel: „Wiederkehr der Religion? Verlängerte Lebenszeit – Verlust der Ewigkeit“ grundsätzlich die Frage nach dem Stellenwert der Religion in der modernen Gesellschaft, deren heilsgeschichtliches Programm Markt und Demokratie ist. Durch die gewonnene Autonomie muss jeder seine Erlösung selbst in die Hand nehmen. Nicht die Religion im Sinne des christlichen Glaubensbekenntnisses kehrt zurück, sondern „diesseitige Spiritualitäten“ (26) breiten sich aus. Der Autor stellt die Frage, inwiefern der moderne Mensch, der so viele Jahre lebt und so viele Jahre hinzugewonnen hat wie keine Generation zuvor, „mit einem Tod ohne Jenseits, ohne Übergang fertig wird und ob ihm die gewonnenen Jahre dazu verhelfen“ (27). Die Dehnung des Alters, so die These, lässt den modernen Menschen ein anderes Verhältnis zu Sterben und Tod gewinnen, idealerweise entwickelt sich eine neue Religiosität, die „die Endlichkeit nicht zu überwinden sucht, sondern sie annimmt“ (31). Im ersten großen Kapitel des Sammelbandes werden philosophische Perspektiven erörtert. Thomas Rentsch stellt in seinem Beitrag „Transzendenz in der Immanenz“ die These auf, dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft „ein neues, modifiziertes Aufklärungsprojekt über die sinnvollen Potentiale eines gelingenden Lebens im Alter“ (38) benötigt wird und dazu religiöse Sinntraditionen wichtige Quellen darstellen. Die weiteren Beiträge dieses Kapitels beschäftigen sich mit Georg Simmels erkenntnistheoretischen Überlegungen zur Religion als „Zustand oder Ereignis unserer Seele“ (Helmut Bachmaier, 48), mit einer agnostischen Ethik als einer Ethik der Bescheidenheit (Esfandiar Tabari) sowie mit Ludwig Feuerbachs Kritik am Christentum (Dorothee Vögeli). – Im zweiten Kapitel werden die Altersbilder verschiedener Religionen in den Blick genommen, die christliche Perspektive von Heinz Rüegger, die jüdische von Michael Bollag und die muslimische von Rifa´at Lenzin. Im Kapitel „Religion, Gerontologie und Gemeindeleben“ beschäftigt sich Ralph Kunz mit der spirituellen und religiösen Begleitung im Alter. Dabei rekrutiert er auf das Konzept der Gerotranszendenz (152) und differenziert zwischen Spiritual Care und Seelsorge in einer ausgesprochen fundierten Art und Weise. Bernd Seeberger und Martin Ballauf stellen die Ergebnisse einer empirischen Studie zur religiösen Praxis älterer Menschen heute vor, die eigens für den Sammelband durchgeführt wurde. Gerd Schuster beschreibt die Chance des kirchlich geprägten Gemeindelebens durch und für ältere Menschen. Dabei ist es wichtig, die Ressourcen und Fähigkeiten der Senioren zu nutzen im Sinne von mehr Selbstbeteiligung und Selbstinitiative (186). Frank Stüfen und Christopher Rottler geben einen beeindruckenden Einblick in die Gefängnisseelsorge. Im nächsten Kapitel „Religion und Demenz“ erläutert Ralph Kunz unter der Überschrift: „Erinnerungen des Stofflichen im Land des Vergessens“ Dimensionen von Spiritualität, die auch Menschen mit Demenz zugänglich sind. Sinnliche Erfahrungen sind möglich. Er stellt fest: „Die größere Herausforderung ist eine Praxis, die auf die spirituellen Bedürfnisse der Menschen Rücksicht nimmt, die Angst vor der Demenz haben.“ (214) Spirituelle Bedürfnisse schwinden nicht, daher ist eine sakramentale Dimension wichtig im Sinne von symbolischen Brücken zwischen materieller und geistiger Welt. Bilder, Melodien, Gerüche – Haftpunkte im Sinnlichen gewinnen an Bedeutung. Menschen mit Demenz bleiben in allen Krankheitsphasen spirituell fähige Wesen (Vgl. 223), so Christian Müller-Hergl. Er vertritt die in verschiedenen Studien bewiesene These, dass Spiritualität einen protektiven Effekt auf viele Aspekte der Gesundheit hat. So haben z.B. der Einsatz religiöser Musik und Gesängen sowie das Vorlesen von Bibelversen einen beruhigenden Effekt für Menschen mit Demenz. Spiritualität kann sich auch, so der Autor, positiv auf pflegende Angehörige auswirken. „Die Fähigkeit, die Belastungen der Demenz zu übersteigen, umzudeuten und in der Erkrankung Sinn, Herausforderung, Fügung zu sehen, ist zumeist verbunden mit religiösen oder spirituellen Überzeugungen.“ (228) Religiöse Rituale geben Orientierung, vermitteln Geborgenheit und stellen Sicherheit her. Das Kapitel schließt mit einigen theologischen Deutungen von Demenz. Im letzten Kapitel „Glaube und Wissenschaft“ bearbeitet Brigitte Stemmer Religion und Religiosität aus neurowissenschaftlicher Perspektive und Ernst Peter Fischer beschäftigt sich mit der Religiosität von Naturwissenschaftlern. Als Beispiel nennt der Charles Darwin, Max Planck oder Albert Einstein. Spannend dabei ist, wie sie das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Glaube für sich denken. Für alle, die sich mit dem Älterwerden und Altersbildern auseinandersetzen und für spirituelle und religiöse Entwicklungen in einer älter werdenden Gesellschaft interessieren, ist dieser Sammelband eine reichhaltige Fundgrube und äußerst lesenswert. Göttingen: Wallstein Verlag. 2022 294 Seiten 26,00 € ISBN 978-8353-5137-0