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EulenfischRita Anna Tüpper

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Rita Anna Tüpper

Rezension: Giovanni Maio: Ethik der Verletzlichkeit

Veröffentlichung:19.5.2025

Rezension der Veröffentlichung Ethik der Verletzlichkeit von Giovanni Maio, erschienen im Eulenfisch Literatur Magazin.

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Mit der Selbstermächtigung des Menschen als eines Freien und Gleichen in der Neuzeit, zumal seit der Potenzierung individueller Möglichkeiten in der westlichen Moderne, geriet die Begrenztheit der Person und ihre Kreatürlichkeit mehr und mehr aus dem Blickfeld. Nicht nur das: Im Ideal des „Übermenschen“ (Friedrich Nietzsche) erschien eine mitleidvolle Perspektive und ihr sozialer Impuls als komplexbehaftete Behinderung der Potentiale des von Transzendenz befreiten Menschen. Seither sind sozialdarwinistisch-rassistische und utopistische Ideologien zwar gescheitert, hinterlassen hat die Entkoppelung des anthropologischen Selbstverständnisses von Bedingtheit und Begrenztheit, Hilfsbedürftigkeit und Hinfälligkeit dennoch ein spürbares Vakuum. Diese praxisrelevante Leerstelle sucht der Arzt und Medizinethiker Giovanni Maio mit einer „Ethik der Verletzlichkeit“ zu füllen und legt eine wohl geordnete, jedoch geistesgeschichtlich kaum eingeordnete kleine Abhandlung auf luftig gesetzten 160 Seiten in neun Kapiteln vor. Nach der Erörterung der Vulnerabilität als konstitutiver Bedingung und Signatur menschlicher Existenz macht Maio fünf kennzeichnende Grundelement aus: den Zustand der Schwebe (es handelt sich um die dauerhafte Präsenz potenzieller Verletzungserfahrungen), das Fraglich-Werden der Integrität (die Ganzheit der Person verliert ihre Selbstverständlichkeit), die Ausgesetztheit, die Entwicklungsoffenheit und zuletzt die Wandelbarkeit einer bewusst gewordenen Verletzlichkeit von einer Bedrohung hin zu einer Ressource. Die weiteren Kapitel beschreiben die Scham, die mit diesen Phänomenen einhergeht, ebenso wie die Sorge als einer entscheidenden Antwort des helfenden Gegenübers, das sich in der Angewiesenheit des Anderen auch selbst als verletzliches Lebewesen wiedererkennt. Besonders wichtig ist dem praxiserfahrenen Autor, dass Sorge als Entwicklungsaufgabe verstanden wird und paternalistische Bevormundung mithilfe einer sensiblen Wahrnehmung der Möglichkeiten des angewiesenen Menschen vermieden werden. Er fundiert dies deutlich durch eine begriffliche Reformulierung von Autonomie als der „Schwester der Angewiesenheit“, die auf der Verschränkung von Selbst und Gemeinschaft basiert. Diese Einbindung individueller Selbstbestimmung führt unmittelbar zur Frage der Eigenverantwortung, die stets darauf angewiesen ist, ausreichende Ermöglichungsbedingungen vorzufinden und nicht kontextblind eingefordert werden kann. Der leicht lesbare, wenn auch etwas apodiktische Text bietet am Ende jedes der etwa fünfzehn bis zwanzig Seiten umfassenden Kapitel eine ausführliche Literaturliste, die jeweils belegt, dass das Buch innerhalb der Medizinethik kein völliges Neuland betritt und auf soliden und transparenten Forschungsfundamenten steht. Maio schreibt – mit klarer auch sozialpolitischer Warnung vor Einsparungen im Gesundheitswesen – gegen die „drohende Selbstreferentialität des modernen Menschen“ (156) an; er formuliert einen Appell an Ärzte und Pflegende ebenso wie an die Gesundheitspolitik und schließt damit, dass erst „(d)as Bewusstsein der Verletzlichkeit … den Menschen zum Menschen (macht), indem es Fähigkeiten in ihm hervorruft, die ohne Verletzlichkeit nicht zur Geltung kommen könnten“. Die Medizin sei die „institutionalisierte Antwort auf die Verletzlichkeit des Menschen“ (159). Der Ansatz Maios ist in der Praxis von überragender Relevanz, wie sich an den rar eingestreuten Beispielen, etwa dem Umgang mit sterbenden Menschen während der Hochzeit der Corona-Pandemie oder dem Druck auf Schwangere, sich in „Willfährigkeit … dem Regime vorgeburtlicher Untersuchungen (zu) fügen“ (111) zeigt. Weise erscheint der Blick auf den eingeschränkten oder erkrankten Menschen als eines immer noch „entfaltungsfähige(n) Wesen(s), das sich über sich hinaus öffnen kann, sofern es auf entsprechende Möglichkeitsbedingungen stößt“ (94), die Haltung zu ihm als „ein(es) andere(n) im Werden“ (153); dieser kann sich unter erschwerten Bedingungen neu finden – eine kreative Leistung, die wiederum kreative Prozesse freizusetzen vermag. Die Verletzlichkeit als „Schaukel, die zwischen Bangen und Können schwingt“ (153), ist Teil einer lebendigen Dynamik, die Perfektion oder Enhancement niemals in Gang setzen könnten. Allein die Tatsache, das unzeitgemäße Thema eines humanistisch motivierten „Ecce homo“ in seiner aktuellen praktischen Bedeutung aufgegriffen zu haben, ist von kaum zu überschätzendem Wert. Komplementär dazu verhält sich jedoch die mangelhafte argumentative und philosophiehistorische Durchdringung des appellativen Textes. Sozialpolitische Forderungen, so berechtigt sie auch sein mögen, sind in den letzten Kapiteln eine eher bedauerliche Engführung. Die psychisch-biographische Dimension oder geschlechtsbedingte Verletzlichkeit finden kaum Erwähnung und scheinen nur indirekt beim Thema Machtmissbrauch auf. Da der Fokus des Buches offensichtlich mit Grundüberzeugungen des christlichen Menschenbildes verwandt ist –, das Kapitel zur Sorge etwa ist gleichsam ein abstraktes Ebenbild des heilenden Handelns Jesu an Kranken – irritiert es, dass es an keiner Stelle hierauf (bestätigend oder abgrenzend) Bezug nimmt. Die heutigen Bemühungen christlich-anthropologischer Reflexion etwa innerhalb der Buchreihe „Das Bild des Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ (Christoph Böhr) werden ganz außer Acht gelassen. Immerhin finden sich explizite, wenn auch nur dürr ausgeführte Bezüge zu Paul Ricoeur und Emmanuel Lévinas, dessen Anthropologie hier wesentliche Teile des philosophischen Hintergrundes zu bilden scheint. In der Einleitung zur deutschen Ausgabe „Die Spur des Anderen“ (1983) heißt es: „Wie soll auch der Mensch, der auf vielfältige Weise abhängig und bedingt ist, in der Lage sein, eine Welt und eine Totalität einzurichten, da ihm sein eigenes Dasein undurchsichtig ist …? Daher tritt nun der Rede von der Autonomie des Subjekts … die Überzeugung von der Endlichkeit des menschlichen Daseins entgegen.“ Freiburg: Herder Verlag. 2024 160 Seiten 18,00 Euro ISBN 978-3-451-60132-3

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