Der Text eignet sich im Religionsunterricht besonders für die Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Existenz Gottes mit den Mitteln der menschlichen Vernunft bewiesen werden kann. Für Lernende der 10. Klasse stellt der Originaltext aufgrund seiner historischen Sprache, der komplexen Satzstrukturen und der philosophischen Begrifflichkeit eine erhebliche Herausforderung dar. Daher empfiehlt sich eine schrittweise Erschließung, bei der nicht der gesamte Text auf einmal behandelt wird. Besonders geeignet sind die Passagen über das Dreieck, die Aussage „Sein ist offenbar kein reales Prädicat“ und das Beispiel der hundert Taler.
Als Einstieg kann die provokative Frage dienen, ob man allein durch die Vorstellung von etwas beweisen könne, dass es tatsächlich existiert. Denkbar ist beispielsweise die Aussage: „Ich kann mir eine vollkommen ausgestattete Schule vorstellen. Also muss diese Schule existieren.“ Die Lernenden können zunächst intuitiv beurteilen, ob dieser Schluss überzeugt, und ihre Einschätzungen begründen. Dadurch wird das grundlegende Problem des ontologischen Gottesbeweises auf eine lebensnahe Ebene übertragen, bevor die philosophische Argumentation Kants eingeführt wird.
In der anschließenden Erarbeitungsphase bietet sich eine abschnittsweise Textarbeit an. Zentrale Begriffe wie Existenz, Prädikat, notwendig, möglich, wirklich, analytisch und synthetisch sollten vor oder während der Lektüre geklärt werden. Die Lernenden können Kants Argumentation anschließend in eigenen Worten rekonstruieren. Dabei sollte besonders zwischen der Ebene des Begriffs und der Ebene der Wirklichkeit unterschieden werden. Kants Dreiecksbeispiel eignet sich dafür besonders: Wenn ein Dreieck existiert, besitzt es notwendig die zu seinem Begriff gehörenden Eigenschaften. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein bestimmtes Dreieck existieren muss. Kant überträgt diese Überlegung auf den Gottesbegriff.
Methodisch sinnvoll ist eine Visualisierung der Argumentationsstruktur. Die Lernenden können beispielsweise die Behauptung des ontologischen Gottesbeweises und Kants Einwand gegenüberstellen. Eine mögliche Struktur lautet: Gott wird als vollkommenes beziehungsweise notwendiges Wesen gedacht / Existenz wird diesem Begriff zugerechnet / daraus soll Gottes notwendige Existenz folgen / Kant bestreitet den Übergang vom Begriff zur Wirklichkeit. Auf diese Weise erkennen die Lernenden, dass Kant nicht einfach behauptet, Gott existiere nicht. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen die Möglichkeit, Gottes Existenz allein aus einem Begriff abzuleiten. Diese Unterscheidung ist für den Religionsunterricht zentral, weil andernfalls Kants Kritik leicht als allgemeine Widerlegung des Gottesglaubens missverstanden werden kann.
Das Beispiel der hundert Taler bietet sich anschließend für eine vertiefende Partnerarbeit an. Die Lernenden können erläutern, in welcher Hinsicht hundert wirkliche und hundert mögliche Taler nach Kant gleich und in welcher Hinsicht sie verschieden sind. Begrifflich besitzen beide dieselben Eigenschaften. Für den Vermögenszustand einer Person macht ihre tatsächliche Existenz dagegen einen entscheidenden Unterschied. Die Lernenden können darauf aufbauend eigene Beispiele entwickeln, etwa ein mögliches und ein tatsächlich vorhandenes Smartphone oder ein vorgestelltes und ein tatsächlich vorhandenes Fahrrad. Dadurch wird Kants abstrakte Unterscheidung zwischen Begriff und Existenz verständlicher.
Zur Sicherung können die Lernenden Kants Kerngedanken in wenigen eigenen Sätzen formulieren oder ein Argumentationsschema erstellen. Für eine weiterführende Diskussion eignet sich die Frage, welche Bedeutung Gottesbeweise besitzen können, wenn ein zwingender rationaler Beweis der Existenz Gottes problematisch ist. Dabei können die Lernenden zwischen Beweis, Argument, persönlicher Überzeugung und Glauben unterscheiden. Der Text ermöglicht damit neben der Sachkompetenz insbesondere die Förderung von Deutungsfähigkeit, Argumentationsfähigkeit und Urteilskompetenz.
Prüfungsfragen für eine Klausur in Klasse 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Beschreiben: Beschreiben Sie Kants grundlegende Kritik am ontologischen Gottesbeweis.
Musterantwort: Kant kritisiert den Versuch, die Existenz Gottes allein aus dem Begriff Gottes abzuleiten. Nach seiner Auffassung darf man nicht von der begrifflichen Notwendigkeit bestimmter Eigenschaften auf die tatsächliche Existenz eines Gegenstandes schließen. Wenn Gott gedacht wird, können bestimmte Eigenschaften notwendig zu diesem Gottesbegriff gehören. Daraus folgt jedoch noch nicht, dass ein diesem Begriff entsprechendes Wesen tatsächlich existiert. Kant unterscheidet damit zwischen dem Denken eines Gegenstandes und dessen wirklicher Existenz.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern: Erläutern Sie Kants Aussage „Sein ist offenbar kein reales Prädicat“ mithilfe des Beispiels der hundert Taler.
Musterantwort: Mit der Aussage meint Kant, dass Existenz keine zusätzliche Eigenschaft eines Gegenstandes ist. Der Begriff von hundert Talern bleibt derselbe, unabhängig davon, ob die hundert Taler nur vorgestellt werden oder tatsächlich existieren. Hundert wirkliche Taler besitzen begrifflich keine zusätzlichen Merkmale gegenüber hundert möglichen Talern. Trotzdem besteht für eine Person ein praktischer Unterschied, weil nur die wirklichen Taler tatsächlich zu ihrem Vermögen gehören. Das Beispiel zeigt somit, dass die Existenz eines Gegenstandes nicht einfach als weitere Eigenschaft in seinen Begriff aufgenommen werden kann. Deshalb kann aus einem Begriff allein nicht auf die Existenz des bezeichneten Gegenstandes geschlossen werden.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren: Analysieren Sie, wie Kant mithilfe des Dreiecksbeispiels zwischen der Notwendigkeit eines Urteils und der notwendigen Existenz eines Gegenstandes unterscheidet.
Musterantwort: Kant stellt zunächst fest, dass für ein vorausgesetztes Dreieck bestimmte Aussagen notwendig gelten. Wird ein Dreieck als gegeben angenommen, müssen ihm die Eigenschaften zukommen, die zu seinem Begriff gehören. Daraus folgt aber nicht, dass ein Dreieck überhaupt existieren muss. Man kann den Gegenstand zusammen mit seinen Eigenschaften verneinen, ohne einen logischen Widerspruch zu erzeugen. Kant überträgt diesen Gedanken auf den Gottesbegriff. Auch wenn bestimmte Eigenschaften notwendig zu Gott gehören, sobald Gott als existierend vorausgesetzt wird, folgt daraus noch keine notwendige Existenz Gottes. Das Beispiel dient somit dazu, einen unzulässigen Übergang von begrifflicher beziehungsweise logischer Notwendigkeit zu tatsächlicher Existenz aufzudecken.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen: Beurteilen Sie die Überzeugungskraft von Kants Kritik an dem Versuch, Gottes Existenz allein aus dem Gottesbegriff abzuleiten. Beziehen Sie sich auf mindestens zwei Argumente des Textes.
Musterantwort: Kants Kritik lässt sich als überzeugend begründen, wenn man seiner Unterscheidung zwischen Begriff und Wirklichkeit folgt. Erstens zeigt das Dreiecksbeispiel, dass aus notwendigen Eigenschaften eines gedachten Gegenstandes nicht dessen tatsächliche Existenz folgt. Zweitens verdeutlicht das Beispiel der hundert Taler, dass Existenz nach Kant keine Eigenschaft ist, die einen Begriff inhaltlich erweitert. Damit wird die zentrale Voraussetzung des ontologischen Gottesbeweises problematisch. Allerdings entscheidet Kant mit dieser Argumentation nicht darüber, ob Gott tatsächlich existiert. Er zeigt vielmehr Grenzen einer bestimmten Form des Gottesbeweises auf. Ein begründetes Urteil muss deshalb zwischen der Kritik am ontologischen Gottesbeweis und der weitergehenden Frage nach der Existenz Gottes unterscheiden.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern: Erörtern Sie ausgehend von Kants Text die Aussage: „Wenn Gottes Existenz nicht bewiesen werden kann, ist der Glaube an Gott unvernünftig.“
Musterantwort: Für die Aussage spricht zunächst, dass religiöse Überzeugungen einen rationalen Anspruch erheben können und deshalb nach Gründen gefragt werden darf. Ein zwingender Beweis könnte eine besonders starke rationale Begründung darstellen. Gegen die Aussage spricht jedoch, dass aus dem Scheitern eines bestimmten Beweises nicht automatisch die Unvernünftigkeit des Glaubens folgt. Kant kritisiert im vorliegenden Text den Versuch, Existenz aus einem bloßen Begriff abzuleiten. Er behauptet damit nicht, die Nichtexistenz Gottes bewiesen zu haben. Außerdem können religiöse Überzeugungen auf anderen Formen der Begründung beruhen, wobei deren Tragfähigkeit jeweils gesondert geprüft werden müsste. Die Aussage setzt daher „nicht beweisbar“ mit „unvernünftig“ gleich, obwohl dies zwei unterschiedliche Bewertungen sind. Für eine begründete Beurteilung muss folglich geklärt werden, welche Formen rationaler Rechtfertigung neben einem strengen Beweis möglich sind.