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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Kant: Anthropologie

Veröffentlichung:1.1.1787

Das Medium enthält Auszüge aus Immanuel Kants Anthropologie in pragmatischer Hinsicht und entfaltet ein philosophisches Menschenbild, das den Menschen wesentlich durch Vernunft, Freiheit, Entwicklungsfähigkeit und moralische Verantwortung bestimmt. Kant beschreibt den Menschen zunächst als ein Wesen, das seinen Charakter nicht lediglich von Natur aus besitzt, sondern ihn durch eigene Tätigkeit und Vernunft mitgestaltet. Als vernunftfähiges Wesen kann sich der Mensch zu einem tatsächlich vernünftig handelnden Wesen entwickeln. Diese Entwicklung vollzieht sich nach Kant nicht isoliert, sondern innerhalb von Gesellschaft, Kultur und Geschichte. Dabei unterscheidet Kant drei wesentliche Anlagen des Menschen: die technische, die pragmatische und die moralische Anlage. Die technische Anlage befähigt den Menschen zum bewussten und vernünftigen Umgang mit Dingen und zur Entwicklung vielfältiger Fähigkeiten. Die pragmatische Anlage ermöglicht gesellschaftliches Leben, Bildung, Erziehung, Kultur und Zivilisierung. Die moralische Anlage befähigt den Menschen schließlich dazu, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden und sein Handeln unter moralischen Gesetzen zu beurteilen. Besonders bedeutsam ist Kants spannungsreiche Bestimmung des Menschen als zugleich zum Guten bestimmt und zum Bösen geneigt. Der Mensch besitzt aufgrund seiner Vernunft und Freiheit eine Anlage zum Guten, zeigt aber zugleich einen Hang zum moralisch unerlaubten Handeln. Seine Bestimmung besteht deshalb für Kant in einer fortschreitenden Entwicklung zum Besseren. Erziehung, Bildung, Kultur, Wissenschaft und moralische Selbstbestimmung erhalten dabei eine zentrale Bedeutung.

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Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders für Unterrichtszusammenhänge zu Menschenbildern, Freiheit und Verantwortung, Gut und Böse, Schuld, Gewissen, Erziehung, Menschenwürde sowie zur Frage nach der moralischen Entwicklungsfähigkeit des Menschen. Der Text bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für einen Vergleich philosophischer und religiöser Menschenbilder. Besonders ergiebig ist die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist und welche Bedeutung Vernunft, Freiheit, Gesellschaft und Erziehung für seine Entwicklung besitzen.

Als Einstieg kann die Frage „Was macht den Menschen zum Menschen?“ verwendet werden. Die Lernenden sammeln zunächst Eigenschaften, die sie für charakteristisch halten. Genannt werden können beispielsweise Vernunft, Sprache, Freiheit, Gemeinschaft, Moral, Technik, Religion, Kreativität oder die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Anschließend können diese Vorstellungen mit Kants Bestimmung des Menschen verglichen werden. Dadurch erkennen die Lernenden, dass Kant den Menschen nicht allein über biologische Eigenschaften definiert, sondern besonders seine Fähigkeit zur Selbstgestaltung hervorhebt.

Ein weiterer geeigneter Einstieg ist Kants Unterscheidung zwischen dem vernunftfähigen und dem tatsächlich vernünftig handelnden Menschen. Die Lernenden können darüber diskutieren, ob die Fähigkeit zur Vernunft automatisch bedeutet, dass ein Mensch vernünftig handelt. Beispiele aus dem Alltag können verdeutlichen, dass Menschen durchaus wissen können, welches Verhalten vernünftig oder moralisch geboten wäre, und dennoch anders handeln. Damit wird bereits die spätere Frage nach der moralischen Anlage und dem Hang zum Bösen vorbereitet.

Die drei von Kant unterschiedenen Anlagen sollten einen Schwerpunkt der Texterschließung bilden. Hier eignet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit. Eine Gruppe untersucht die technische Anlage, eine zweite die pragmatische Anlage und eine dritte die moralische Anlage. Jede Gruppe erhält den Auftrag, die jeweilige Anlage in eigenen Worten zu erklären, zentrale Textstellen auszuwählen und mindestens zwei gegenwärtige Beispiele zu entwickeln. Anschließend werden die Ergebnisse präsentiert und zu einem gemeinsamen Menschenbild Kants zusammengeführt.

Bei der technischen Anlage sollte deutlich werden, dass Kant den Menschen als ein Wesen versteht, das nicht auf eine einzelne natürliche Fähigkeit festgelegt ist. Der Mensch kann lernen, Werkzeuge verwenden, seine Umwelt gestalten und unterschiedliche Fähigkeiten erwerben. Kants Hinweis auf die menschliche Hand kann als historisches Beispiel dafür verstanden werden, wie körperliche Voraussetzungen und Vernunftgebrauch zusammengedacht werden. Für den Unterricht kann diese Überlegung auf moderne Technik übertragen werden. Die Lernenden können untersuchen, inwiefern Sprache, Werkzeuge, digitale Technik oder wissenschaftliche Erkenntnisse Ausdruck menschlicher Gestaltungsfähigkeit sind.

Die pragmatische Anlage ermöglicht einen besonders guten Zugang zu den Themen Gesellschaft und Erziehung. Kant versteht den Menschen als ein Wesen, das Bildung und Erziehung benötigt. Anders als viele Tiere erreicht der einzelne Mensch seine Möglichkeiten nicht allein aufgrund natürlicher Anlagen. Er ist auf Lernen, Weitergabe von Wissen und gesellschaftliche Zusammenarbeit angewiesen. Diese Überlegung kann mit der Lebenswelt der Lernenden verbunden werden. Sie können überlegen, welche Fähigkeiten sie ohne andere Menschen nicht entwickelt hätten und welche Bedeutung Familie, Schule, Freundschaften, Gesellschaft und kulturelle Traditionen für ihre eigene Entwicklung besitzen.

Kants Vorstellung, dass sich die Menschheit über viele Generationen hinweg entwickelt, eröffnet darüber hinaus einen Zugang zur Frage nach gesellschaftlichem Fortschritt. Die Lernenden können untersuchen, was Fortschritt überhaupt bedeutet. Technischer Fortschritt muss dabei von moralischem Fortschritt unterschieden werden. Eine Gesellschaft kann technisch hoch entwickelt sein, ohne dass daraus automatisch ein moralisch gutes Zusammenleben folgt. Diese Unterscheidung ist für Kants Anthropologie besonders wichtig, da Kultivierung, Zivilisierung und Moralisierung unterschiedliche Dimensionen menschlicher Entwicklung darstellen.

Einen besonderen religionspädagogischen Schwerpunkt bildet die moralische Anlage. Kant stellt die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse ist. Seine Antwort ist bewusst spannungsreich. Der Mensch besitzt aufgrund seiner Vernunft und seines Bewusstseins von Freiheit eine Anlage zum Guten. Er kann moralische Pflichten erkennen und zwischen Recht und Unrecht unterscheiden. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung nach Kant einen Hang zum moralisch unerlaubten Handeln. Menschen können wissen, dass etwas falsch ist, und es trotzdem tun.

An dieser Stelle bietet sich ein Transfer zu religiösen Menschenbildern an. Die Lernenden können Kants Position beispielsweise mit christlichen Vorstellungen von Geschöpflichkeit, Freiheit, Sünde, Schuld und der Fähigkeit zum Guten vergleichen. Dabei sollte herausgearbeitet werden, dass philosophische und theologische Aussagen unterschiedliche Begründungszusammenhänge besitzen. Kant argumentiert ausgehend von Vernunft, Freiheit und moralischem Bewusstsein. Christliche Anthropologie kann den Menschen zusätzlich in seiner Beziehung zu Gott betrachten.

Didaktisch ergiebig ist auch Kants Vorstellung der Zwietracht. Konflikte, Konkurrenz und unterschiedliche Interessen erscheinen zunächst ausschließlich negativ. Kant betrachtet solche Spannungen jedoch zugleich als mögliche Antriebe menschlicher Entwicklung. Die Lernenden können anhand konkreter Beispiele diskutieren, ob Konflikte tatsächlich zu Entwicklung führen können. Dabei sollte zwischen produktiver Auseinandersetzung und zerstörerischer Gewalt unterschieden werden. So lässt sich Kants Fortschrittsgedanke kritisch prüfen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient Kants Aussage, dass der Mensch zum Guten erzogen werden müsse. Sie ermöglicht einen unmittelbaren Bezug zur Lebenswelt der Lernenden und zum Bildungsauftrag der Schule. Diskutiert werden kann, ob moralisches Verhalten erlernbar ist und welche Rolle Vorbilder, Regeln, Erziehung, Religion, persönliche Erfahrung und eigene Entscheidungen dabei spielen. Ebenso kann gefragt werden, ob ein Mensch überhaupt einen anderen zum Guten erziehen kann, wenn jeder Erziehende selbst moralisch unvollkommen ist. Damit wird das von Kant am Ende des Textes formulierte Problem unmittelbar für die Lernenden nachvollziehbar.

Methodisch eignet sich zusätzlich eine Fallanalyse. Die Lernenden erhalten eine Situation, in der eine Person weiß, dass eine Handlung moralisch falsch ist, sie aber dennoch aus persönlichem Vorteil begeht. Sie untersuchen, wie Kant dieses Verhalten erklären könnte. Dadurch wird die Unterscheidung zwischen moralischer Einsicht und tatsächlichem Handeln konkretisiert.

Für eine vertiefende Auseinandersetzung kann ein Vergleich zwischen Kant und einem christlichen Menschenbild durchgeführt werden. Dabei können Leitfragen verwendet werden: Was macht den Menschen jeweils besonders? Welche Bedeutung besitzt Freiheit? Woher kommt das Böse? Kann sich der Mensch zum Guten entwickeln? Welche Bedeutung haben Erziehung, Gemeinschaft und Verantwortung? Der Vergleich sollte Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar machen, ohne philosophische und religiöse Positionen vorschnell gleichzusetzen.

Als Ergebnissicherung bietet sich ein Begriffsnetz an, in dessen Zentrum der Begriff Mensch steht. Davon ausgehend werden Vernunft, Freiheit, technische Anlage, pragmatische Anlage, moralische Anlage, Kultur, Gesellschaft, Erziehung, Gut und Böse sowie moralische Entwicklung miteinander verbunden. Alternativ können die Lernenden einen kurzen Text zur Frage verfassen, was nach Kant einen Menschen zu einem Menschen macht.

Das Medium fördert insbesondere die Wahrnehmung unterschiedlicher Menschenbilder, die Analyse philosophischer Texte, die Fähigkeit zum Vergleich philosophischer und religiöser Positionen sowie die ethische und religiöse Urteilskompetenz. Gleichzeitig eröffnet es die Möglichkeit, grundlegende anthropologische Fragen mit konkreten Erfahrungen der Lernenden zu verbinden.


Prüfungsfragen für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Beschreiben

Beschreiben Sie Kants grundlegendes Verständnis des Menschen im vorliegenden Text.

Musterantwort:

Kant versteht den Menschen als ein Wesen, das mit Vernunftfähigkeit ausgestattet ist und sich selbst entwickeln kann. Der Mensch besitzt seinen Charakter nicht einfach vollständig von Natur aus, sondern kann an seiner eigenen Entwicklung mitwirken. Er kann sich bilden, Fähigkeiten erwerben, in Gesellschaft leben und sein Verhalten moralisch beurteilen.

Entscheidend ist dabei die Vernunft. Der Mensch besitzt die Möglichkeit, aus sich selbst ein tatsächlich vernünftig handelndes Wesen zu machen. Seine Entwicklung ist deshalb nicht von Anfang an abgeschlossen. Er ist ein Wesen, das sich durch Lernen, Kultur, Erziehung und moralisches Handeln weiterentwickeln kann.


Aufgabe 2, Anforderungsbereich I, Operator: Wiedergeben

Geben Sie die drei Anlagen wieder, durch die sich der Mensch nach Kant von anderen Naturwesen unterscheidet.

Musterantwort:

Kant unterscheidet die technische, die pragmatische und die moralische Anlage.

Die technische Anlage bezeichnet die Fähigkeit des Menschen, Dinge bewusst zu verwenden, Fähigkeiten zu erlernen und seine Umwelt zu gestalten.

Die pragmatische Anlage betrifft das gesellschaftliche Leben. Menschen können miteinander umgehen, voneinander lernen, sich bilden und gesellschaftliche Strukturen entwickeln.

Die moralische Anlage ermöglicht es dem Menschen, sein Handeln unter moralischen Gesichtspunkten zu beurteilen. Er kann zwischen Recht und Unrecht unterscheiden und sich als freies und verantwortliches Wesen verstehen.


Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern

Erläutern Sie Kants Aussage, dass der Mensch aus einem vernunftfähigen Wesen ein vernünftiges Wesen machen kann.

Musterantwort:

Kant unterscheidet zwischen der Fähigkeit zur Vernunft und dem tatsächlichen Gebrauch der Vernunft. Ein Mensch besitzt grundsätzlich die Möglichkeit, vernünftig zu denken und zu handeln. Diese Möglichkeit bedeutet jedoch nicht, dass er automatisch immer vernünftig handelt.

Der Mensch muss seine Fähigkeiten entwickeln. Dies geschieht durch Lernen, Bildung, Erziehung, gesellschaftliches Zusammenleben und eigene Entscheidungen. Ein Mensch kann beispielsweise wissen, dass eine bestimmte Handlung moralisch falsch ist, und sie dennoch aus persönlichem Vorteil ausführen.

Kants Aussage macht deshalb deutlich, dass Menschsein für ihn auch eine Aufgabe darstellt. Der Mensch besitzt Anlagen und Fähigkeiten, muss diese jedoch entwickeln und verantwortlich gebrauchen.


Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren

Analysieren Sie die Bedeutung von Erziehung und Kultur für Kants Menschenbild.

Musterantwort:

Erziehung und Kultur besitzen in Kants Menschenbild eine zentrale Bedeutung, weil der Mensch seine Bestimmung nicht allein durch natürliche Anlagen erreicht. Er muss lernen, seine Fähigkeiten zu entwickeln und mit anderen Menschen zusammenzuleben.

Kultur ermöglicht die Ausbildung menschlicher Fähigkeiten. Wissen und Erfahrungen können über Generationen weitergegeben werden. Dadurch entwickelt sich nicht nur ein einzelner Mensch, sondern die Menschheit insgesamt.

Erziehung unterstützt diesen Prozess. Der Mensch muss nach Kant zum Guten erzogen werden. Gleichzeitig entsteht daraus ein Problem, weil auch die Erziehenden selbst unvollkommene Menschen sind. Erziehung ist deshalb notwendig, kann aber keine automatische moralische Vervollkommnung garantieren.

Kant versteht menschliche Entwicklung somit als einen offenen Prozess, an dem Vernunft, Erziehung, Kultur, Gesellschaft und individuelle Freiheit beteiligt sind.


Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen

Vergleichen Sie die technische, pragmatische und moralische Anlage des Menschen bei Kant.

Musterantwort:

Die technische Anlage betrifft die Fähigkeit des Menschen, Dinge zu gebrauchen, Fähigkeiten zu erwerben und seine Umwelt bewusst zu gestalten. Sie zeigt den Menschen als lernendes und handelndes Wesen.

Die pragmatische Anlage betrifft das gesellschaftliche Leben. Der Mensch entwickelt Umgangsformen, Bildung und gesellschaftliche Strukturen. Er wird dadurch zu einem kultivierten und zivilisierten Wesen.

Die moralische Anlage geht darüber hinaus. Sie ermöglicht es dem Menschen, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden und sein Verhalten nach moralischen Grundsätzen auszurichten.

Die drei Anlagen beschreiben somit unterschiedliche Dimensionen menschlicher Entwicklung. Technische Fähigkeiten machen einen Menschen noch nicht automatisch gesellschaftlich verantwortungsvoll, und gesellschaftliche Zivilisierung bedeutet noch nicht automatisch moralisches Handeln. Gerade diese Unterscheidung ist für Kants Menschenbild wesentlich.


Aufgabe 6, Anforderungsbereich II, Operator: Herausarbeiten

Arbeiten Sie heraus, wie Kant die scheinbar widersprüchlichen Aussagen begründet, der Mensch sei von Natur aus gut und zugleich zum Bösen geneigt.

Musterantwort:

Kant bezeichnet den Menschen hinsichtlich seiner moralischen Anlage als zum Guten bestimmt. Der Mensch besitzt Vernunft, Freiheit und ein Bewusstsein moralischer Verpflichtung. Er kann erkennen, dass bestimmte Handlungen richtig oder falsch sind. In diesem Sinn besitzt er eine Anlage zum Guten.

Gleichzeitig beobachtet Kant, dass Menschen gegen moralische Einsichten handeln können. Ein Mensch kann wissen, dass eine Handlung unerlaubt ist, und sie trotzdem ausführen. Dies bezeichnet Kant als einen Hang zum Bösen.

Die Aussagen widersprechen sich für Kant deshalb nicht vollständig. Die Anlage zum Guten beschreibt die moralische Fähigkeit und Bestimmung des Menschen. Der Hang zum Bösen beschreibt dagegen die Möglichkeit und tatsächliche Neigung, trotz moralischer Einsicht falsch zu handeln. Die Aufgabe des Menschen besteht deshalb in einer fortschreitenden Entwicklung zum Besseren.


Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen

Beurteilen Sie unter Bezugnahme auf Kant die Aussage: „Bildung und technischer Fortschritt machen Menschen automatisch moralisch besser.“

Musterantwort:

Aus Kants Anthropologie lässt sich diese Aussage nicht ohne Einschränkung begründen. Kant unterscheidet zwischen technischer, pragmatischer und moralischer Entwicklung. Ein Mensch kann technisch sehr geschickt und gesellschaftlich gebildet sein, ohne deshalb automatisch moralisch gut zu handeln.

Technischer Fortschritt erweitert die menschlichen Handlungsmöglichkeiten. Er beantwortet jedoch nicht automatisch die Frage, wofür diese Möglichkeiten eingesetzt werden sollen. Eine technische Fähigkeit kann sowohl zu hilfreichen als auch zu schädlichen Zwecken verwendet werden.

Auch Bildung allein garantiert kein moralisch richtiges Verhalten. Menschen können wissen, dass eine Handlung falsch ist, und sie trotzdem ausführen. Moralischer Fortschritt verlangt deshalb mehr als Wissen und technische Fähigkeiten. Er setzt die verantwortliche Nutzung von Freiheit und Vernunft voraus.

Kants Unterscheidung der drei Anlagen macht somit deutlich, dass technischer, gesellschaftlicher und moralischer Fortschritt nicht gleichgesetzt werden sollten.


Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern

Erörtern Sie die Frage, ob der Mensch zum Guten erzogen werden kann. Beziehen Sie Kants Menschenbild und eigene Überlegungen ein.

Musterantwort:

Für die Möglichkeit einer Erziehung zum Guten spricht zunächst, dass Menschen moralische Vorstellungen nicht unabhängig von ihrer Umwelt entwickeln. Familie, Schule, Freundschaften, Gesellschaft und religiöse oder kulturelle Traditionen vermitteln Werte, Regeln und Vorstellungen von Verantwortung. Menschen können lernen, die Folgen ihres Handelns zu berücksichtigen und andere Menschen zu respektieren.

Auch Kant misst der Erziehung eine große Bedeutung bei. Der Mensch ist für ihn ein entwicklungsfähiges Wesen. Seine Vernunftfähigkeit muss ausgebildet werden, und er muss lernen, verantwortlich mit seiner Freiheit umzugehen. In diesem Sinn kann Erziehung moralische Entwicklung fördern.

Allerdings kann Erziehung moralisch gutes Handeln nicht garantieren. Kant betont, dass der Mensch trotz seiner Anlage zum Guten auch einen Hang zum Bösen besitzt. Ein Mensch kann wissen, was richtig ist, und sich dennoch bewusst anders entscheiden. Gerade weil der Mensch frei ist, kann er nicht einfach durch Erziehung zu moralischem Verhalten programmiert werden.

Hinzu kommt das von Kant selbst angesprochene Problem, dass Erziehende ebenfalls unvollkommene Menschen sind. Auch ihre Vorstellungen und ihr Verhalten können fehlerhaft sein. Erziehung benötigt deshalb selbst kritische Reflexion.

Der Mensch kann somit zum Guten erzogen werden, wenn darunter verstanden wird, seine Fähigkeit zu vernünftigem und verantwortlichem Handeln zu fördern. Ob er tatsächlich moralisch handelt, bleibt jedoch auch von seinem eigenen Umgang mit Freiheit und Verantwortung abhängig.


Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Vergleichen und beurteilen

Vergleichen Sie Kants Menschenbild mit einem christlichen Menschenbild im Hinblick auf Freiheit, Gut und Böse sowie Verantwortung. Beurteilen Sie anschließend, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede für die Frage nach moralischem Handeln besonders bedeutsam sind.

Musterantwort:

Kants Menschenbild und ein christliches Menschenbild können zunächst darin Gemeinsamkeiten besitzen, dass der Mensch nicht ausschließlich als biologisches Wesen betrachtet wird. Bei Kant zeichnet sich der Mensch insbesondere durch Vernunft, Freiheit und moralische Verantwortung aus. Auch im christlichen Menschenbild wird dem Menschen eine besondere Würde und Verantwortung zugesprochen. Diese wird unter anderem mit seiner Beziehung zu Gott und seiner Geschöpflichkeit verbunden.

Eine weitere Gemeinsamkeit besteht in der Spannung zwischen der Fähigkeit zum Guten und der tatsächlichen Möglichkeit des Bösen. Kant beschreibt eine moralische Anlage zum Guten und zugleich einen Hang zum Bösen. Auch christliche Vorstellungen thematisieren, dass der Mensch zum Guten berufen ist, zugleich aber schuldig werden und sich gegen das Gute entscheiden kann.

Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Begründung. Kant entwickelt sein Menschenbild wesentlich aus Vernunft, Freiheit und moralischem Bewusstsein. Das christliche Menschenbild bezieht sich zusätzlich auf Gott, Schöpfung, Sünde, Vergebung und die Beziehung des Menschen zu Gott und seinen Mitmenschen.

Für die Frage nach moralischem Handeln ist besonders bedeutsam, dass beide Perspektiven menschliche Verantwortung ernst nehmen. Sie begründen diese Verantwortung jedoch unterschiedlich. Der Vergleich zeigt deshalb, dass philosophische und religiöse Anthropologie ähnliche Grundfragen behandeln können, ohne zu denselben Begründungen zu gelangen.


Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern

Erörtern Sie ausgehend von Kant die Aussage: „Der Mensch ist nicht fertig, sondern muss erst zum Menschen werden.“

Musterantwort:

Die Aussage entspricht in wesentlichen Punkten Kants Menschenbild. Der Mensch besitzt zwar von Natur aus bestimmte Anlagen, doch diese müssen entwickelt werden. Besonders deutlich wird dies an Kants Unterscheidung zwischen dem vernunftfähigen und dem tatsächlich vernünftig handelnden Menschen. Die Fähigkeit zur Vernunft ist vorhanden, ihr verantwortlicher Gebrauch muss jedoch gelernt und eingeübt werden.

Dafür sprechen auch die technische, pragmatische und moralische Anlage. Menschen entwickeln Fähigkeiten, lernen gesellschaftliches Zusammenleben und bilden moralische Vorstellungen aus. Erziehung, Kultur, Wissenschaft und gesellschaftliche Erfahrungen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Gegen eine zu starke Formulierung könnte eingewandt werden, dass ein Mensch selbstverständlich bereits Mensch ist und seine Würde nicht erst durch Bildung oder moralische Leistung erwerben muss. Kants Aussage über Entwicklung sollte deshalb nicht so verstanden werden, dass Menschen mit geringerer Bildung weniger menschlich wären. Gemeint ist vielmehr die Entfaltung menschlicher Möglichkeiten.

Die Aussage lässt sich daher sinnvoll als Beschreibung einer Aufgabe verstehen. Menschsein bedeutet bei Kant nicht nur, bestimmte natürliche Eigenschaften zu besitzen, sondern die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und Freiheit sowie Vernunft verantwortlich zu gebrauchen. Der Mensch ist in diesem Sinn ein Wesen, das an seiner eigenen Entwicklung und zugleich an der Entwicklung der Menschheit mitwirkt.

Hessen

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Sekundarstufe II | E1 Religion und Mensch in einer pluralen Welt

E1.2 Anthropologie und Religion.

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Rheinland-Pfalz

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