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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Herbert Schnädelbach, Was ist Atheismus?

Veröffentlichung:1.1.1988

Das Medium enthält einen Auszug aus Herbert Schnädelbachs Text „Was ist Atheismus?“, in dem er den Begriff Atheismus untersucht und unterschiedliche Formen des Nichtglaubens voneinander unterscheidet. Ausgangspunkt ist seine Feststellung, dass Atheismus kein eindeutig bestimmter Begriff ist. Schnädelbach kritisiert zunächst die Vorstellung, Atheisten seien Gegner Gottes, da eine Gegnerschaft gegen Gott nach seiner Argumentation bereits voraussetzen würde, dass Gott existiert. Sinnvoller sei es, Atheismus zunächst als ein Leben ohne Gottesglauben zu verstehen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die einfache Gegenüberstellung von Theismus und Atheismus nicht alle religiösen Möglichkeiten erfasst, da beispielsweise Polytheismus, Pantheismus und Buddhismus nicht problemlos in dieses Schema eingeordnet werden können. Besonders wichtig ist Schnädelbachs Unterscheidung zwischen der Aussage „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“ und der Aussage „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt“. Die erste Position bezeichnet er als eine ausdrückliche Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes, während die zweite lediglich das Fehlen eines Gottesglaubens ausdrückt. Davon unterscheidet er wiederum den Agnostizismus, bei dem keine Aussage über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes getroffen wird. Schnädelbach beschreibt außerdem einen nicht kämpferischen Atheismus und entwickelt die Vorstellung eines „frommen Atheisten“, der selbst nicht glauben kann, religiösen Glauben jedoch ernst nimmt und seinen Verlust möglicherweise bedauert. Schließlich weist er darauf hin, dass die Gottesfrage für viele Menschen so sehr an Bedeutung verloren haben könne, dass sie sich selbst weder ausdrücklich als glaubend noch als atheistisch verstehen. Der Text eröffnet damit Fragen nach Atheismus, Theismus, Agnostizismus, Gottesglaube, Nichtglaube, religiöser Identität und der Bedeutung der Gottesfrage in der modernen Gesellschaft.

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Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Gottesfrage, Atheismus, Agnostizismus, Religionskritik, religiöse und nicht religiöse Weltanschauungen, Glaube und Wissen sowie Religion in der modernen Gesellschaft. Eine besondere didaktische Stärke des Textes besteht darin, dass Schnädelbach nicht einfach zwischen Glaubenden und Atheisten unterscheidet. Er zeigt vielmehr verschiedene Formen religiöser und nicht religiöser Positionierung auf und ermöglicht dadurch eine differenzierte Auseinandersetzung mit Weltanschauungen.

Als Einstieg bietet sich eine Sammlung verschiedener Aussagen zur Gottesfrage an. Den Lernenden können beispielsweise die Aussagen „Ich glaube an Gott“, „Ich glaube, dass Gott nicht existiert“, „Ich glaube nicht an Gott“, „Ich weiß nicht, ob Gott existiert“ und „Die Frage nach Gott interessiert mich nicht“ vorgelegt werden. Die Lernenden ordnen die Aussagen zunächst nach ihrer vermuteten Bedeutung. Anschließend wird diskutiert, ob alle nicht religiösen Aussagen einfach unter dem Begriff Atheismus zusammengefasst werden können. Damit wird Schnädelbachs Ausgangsproblem unmittelbar erfahrbar.

Ein zentraler Schwerpunkt sollte auf der begrifflichen Klärung liegen. Die Begriffe Theismus, Monotheismus, Polytheismus, Pantheismus, Atheismus und Agnostizismus sollten erläutert und voneinander unterschieden werden. Dabei ist wichtig, dass diese Begriffe nicht vorschnell als starre Kategorien persönlicher Identität behandelt werden. Menschen können ihre eigenen Überzeugungen differenzierter beschreiben, als philosophische Begriffe dies ermöglichen. Die Kategorien dienen deshalb zunächst der Orientierung und Analyse.

In der ersten Erarbeitungsphase können die Lernenden Schnädelbachs unterschiedliche Formen des Atheismus aus dem Text herausarbeiten. Besonders wichtig ist die sprachlich kleine, philosophisch jedoch bedeutsame Differenz zwischen „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“ und „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt“. Die Lernenden sollten beide Aussagen in eigenen Worten erklären und untersuchen, ob sie tatsächlich dasselbe behaupten.

Zur Veranschaulichung kann ein Beispiel aus dem Alltag verwendet werden. Zwischen der Aussage „Ich glaube, dass sich kein Gegenstand in der verschlossenen Kiste befindet“ und der Aussage „Ich glaube nicht, dass sich ein Gegenstand in der Kiste befindet“ kann ein Unterschied bestehen. Die erste Aussage enthält eine positive Überzeugung über die Leere der Kiste. Die zweite kann lediglich ausdrücken, dass eine Person keinen ausreichenden Grund besitzt, an einen Gegenstand in der Kiste zu glauben. Dieses Beispiel kann anschließend auf die Gottesfrage übertragen werden.

Die Unterscheidung eröffnet zugleich die Frage nach der Beweislast. Schnädelbach vertritt die Auffassung, dass jemand, der lediglich keinen Gottesglauben besitzt, nicht automatisch die Nichtexistenz Gottes beweisen muss. Im Unterricht kann herausgearbeitet werden, dass die Beweislast davon abhängt, welche Behauptung tatsächlich vertreten wird. Wer ausdrücklich behauptet „Gott existiert nicht“, vertritt eine weitergehende Aussage als jemand, der lediglich sagt „Ich bin von der Existenz Gottes nicht überzeugt“. Die Lernenden können anhand verschiedener Aussagen untersuchen, wer jeweils eine Behauptung aufstellt und welche Gründe dafür verlangt werden könnten.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Schnädelbachs Kritik an der Vorstellung des Atheisten als „Gegner Gottes“. Die Lernenden können zunächst untersuchen, warum er darin einen begrifflichen Widerspruch sieht. Anschließend sollte differenziert werden, dass Menschen sehr wohl religiöse Vorstellungen, Institutionen oder bestimmte Gottesbilder kritisieren können, ohne an die Existenz Gottes zu glauben. Dadurch wird zwischen Kritik an Gott als angenommenem Wesen und Kritik an menschlichen Vorstellungen von Gott unterschieden.

Didaktisch ergiebig ist auch Schnädelbachs Hinweis auf andere Religionen. Die einfache Gegenüberstellung von Theismus und Atheismus wird problematisch, sobald Polytheismus, Pantheismus oder Religionen ohne eine zentrale Gottesvorstellung berücksichtigt werden. Die Lernenden können unterschiedliche religiöse Positionen auf einem Schaubild einordnen. Dabei sollte deutlich werden, dass Religion und Gottesglaube nicht vollständig identisch sind. Nicht jede Religion besitzt dieselbe Vorstellung von Gott, und religiöse Orientierung kann auch ohne einen personalen Schöpfergott auftreten.

Der Buddhismus kann hierbei als wichtiges Beispiel dienen. Allerdings sollte er nicht verkürzt als „atheistische Religion“ bezeichnet werden. Vielmehr kann herausgearbeitet werden, dass viele buddhistische Traditionen die Frage nach einem persönlichen Schöpfergott nicht in den Mittelpunkt stellen. Dadurch erkennen die Lernenden, dass westliche Begriffe wie Theismus und Atheismus nicht ohne Weiteres auf jede religiöse Tradition übertragen werden können.

Methodisch bietet sich eine Positionslinie an. Im Raum werden verschiedene Aussagen zur Gottesfrage verteilt. Die Lernenden ordnen fiktive Personen den Aussagen zu und begründen ihre Entscheidungen. Persönliche Positionierungen sollten dabei freiwillig bleiben. Ziel ist nicht die Erhebung der religiösen Überzeugungen der Lerngruppe, sondern das begriffliche Verständnis verschiedener Positionen.

Besonders interessant ist Schnädelbachs Begriff des „frommen Atheisten“. Diese zunächst widersprüchlich wirkende Formulierung eignet sich hervorragend als Denkimpuls. Die Lernenden können zunächst Vermutungen darüber anstellen, was damit gemeint sein könnte. Anschließend wird anhand des Textes herausgearbeitet, dass Schnädelbach damit einen Menschen beschreibt, der nicht an Gott glauben kann, Religion jedoch ernst nimmt und das Fehlen des eigenen Glaubens möglicherweise als Verlust empfindet. Dadurch wird die Vorstellung problematisiert, Atheismus müsse grundsätzlich mit Ablehnung, Gleichgültigkeit oder Feindschaft gegenüber Religion verbunden sein.

Diese Überlegung kann mit der Frage verbunden werden, ob Glaube vollständig willentlich gewählt werden kann. Die Lernenden können diskutieren, ob ein Mensch einfach beschließen kann, ab morgen an Gott zu glauben oder nicht mehr an Gott zu glauben. Dadurch wird deutlich, dass religiöse Überzeugungen nicht immer mit bewussten Entscheidungen gleichgesetzt werden können. Erfahrungen, Erziehung, Argumente, Zweifel und persönliche Lebensgeschichte können Einfluss darauf haben, ob ein Mensch glauben kann.

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Textes ist religiöse Gleichgültigkeit. Schnädelbach beschreibt Menschen, für die die Gottesfrage kaum noch Bedeutung besitzt. Diese Position unterscheidet sich sowohl vom kämpferischen Atheismus als auch vom bewussten Agnostizismus. Für den Unterricht bietet sich hier die Frage an, ob die zunehmende Bedeutungslosigkeit der Gottesfrage eine stärkere Herausforderung für Religion darstellt als ausdrückliche Religionskritik. Eine kontroverse Diskussion kann dazu beitragen, den Unterschied zwischen Ablehnung und Gleichgültigkeit zu erkennen.

Der Text eignet sich außerdem für einen Vergleich mit klassischen religionskritischen Positionen. Während manche Religionskritiker konkrete Argumente gegen religiöse Vorstellungen entwickeln, beschreibt Schnädelbach auch einen Atheismus, der gar keinen missionarischen oder kämpferischen Anspruch besitzt. Die Lernenden können deshalb untersuchen, ob Atheismus notwendigerweise Religionskritik bedeutet.

Für eine vertiefende Gruppenarbeit können unterschiedliche fiktive Personen entwickelt werden. Eine Person glaubt an einen persönlichen Gott, eine zweite ist überzeugt, dass Gott nicht existiert, eine dritte besitzt keinen Gottesglauben, eine vierte bezeichnet sich als agnostisch und eine fünfte interessiert sich überhaupt nicht für die Gottesfrage. Die Gruppen erarbeiten jeweils, welche Aussagen die Person über Gott treffen kann, welche Aussagen sie nicht treffen muss und welche Begründungspflichten entstehen könnten. Anschließend werden die Ergebnisse miteinander verglichen.

Eine abschließende Urteilsbildung kann sich an der Frage orientieren: „Ist Atheismus selbst ein Glaube?“ Die Lernenden sollten dabei Schnädelbachs Differenzierung berücksichtigen. Wer ausdrücklich glaubt, dass Gott nicht existiert, vertritt eine bestimmte Überzeugung. Wer dagegen lediglich keinen Gottesglauben besitzt, formuliert nach Schnädelbach keine entsprechende Gegenüberzeugung. Die Lernenden sollten deshalb erkennen, dass eine pauschale Antwort ohne vorherige Klärung des verwendeten Atheismusbegriffs problematisch ist.

Das Medium fördert damit Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz, Dialogkompetenz und Urteilskompetenz. Es unterstützt die Lernenden insbesondere dabei, religiöse und nicht religiöse Positionen begrifflich präzise zu unterscheiden und unterschiedliche weltanschauliche Selbstverständnisse ohne vorschnelle Gleichsetzungen zu analysieren.


4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen

Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen

Fasse Schnädelbachs zentrale Überlegungen zum Begriff Atheismus in eigenen Worten zusammen.

Musterlösung:

Schnädelbach hält Atheismus für einen mehrdeutigen Begriff. Er kritisiert zunächst die Vorstellung, Atheisten seien Gegner Gottes. Wer nicht an die Existenz Gottes glaubt, kann nach seiner Argumentation nicht sinnvoll gegen Gott selbst kämpfen. Kritik richtet sich vielmehr gegen den Glauben an Gott oder gegen Religion.

Besonders wichtig ist Schnädelbachs Unterscheidung zwischen der Überzeugung „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“ und der Aussage „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt“. Die erste Aussage vertritt ausdrücklich die Nichtexistenz Gottes. Die zweite drückt lediglich aus, dass eine Person keinen Gottesglauben besitzt.

Daneben unterscheidet Schnädelbach den Agnostizismus und beschreibt Menschen, für die die Gottesfrage keine besondere Bedeutung mehr besitzt. Sein Text zeigt damit, dass unter dem Begriff Atheismus unterschiedliche Haltungen zusammengefasst werden können.


Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern

Erläutere den Unterschied zwischen den Aussagen „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“ und „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt“.

Musterlösung:

Die Aussage „Ich glaube, dass es Gott nicht gibt“ enthält eine ausdrückliche Überzeugung über die Wirklichkeit. Die Person hält die Aussage „Gott existiert nicht“ für wahr. Schnädelbach beschreibt diese Position als eine Form des Atheismus, die selbst eine bestimmte Behauptung vertritt.

Die Aussage „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt“ kann dagegen lediglich bedeuten, dass eine Person keinen Glauben an Gott besitzt. Sie behauptet damit nicht automatisch, sicher zu wissen oder zu glauben, dass Gott nicht existiert.

Der Unterschied liegt deshalb zwischen der ausdrücklichen Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes und dem bloßen Fehlen eines Gottesglaubens.


Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren

Analysiere, wie Schnädelbach verschiedene Formen des Atheismus voneinander unterscheidet.

Musterlösung:

Schnädelbach beginnt mit der allgemeinen Schwierigkeit, Atheismus eindeutig zu definieren. Anschließend unterscheidet er verschiedene mögliche Bedeutungen.

Eine erste Form ist eine Position, die ausdrücklich behauptet, dass Gott nicht existiert. Diese Haltung kann mit Religionskritik verbunden sein und versucht möglicherweise, andere Menschen von ihrer Position zu überzeugen.

Davon unterscheidet Schnädelbach einen Atheismus, der lediglich im fehlenden Gottesglauben besteht. Ein solcher Mensch behauptet nicht notwendig, dass Gott nicht existiert. Er besitzt lediglich selbst keinen Glauben an Gott.

Daneben beschreibt Schnädelbach die Möglichkeit eines „frommen Atheisten“. Dieser kann nicht glauben, nimmt Religion aber weiterhin ernst und empfindet seinen fehlenden Glauben möglicherweise als Verlust.

Schließlich erwähnt Schnädelbach Menschen, für die die Gottesfrage kaum noch eine Rolle spielt. Ihr Nichtglaube ist nicht das Ergebnis eines bewussten Kampfes gegen Religion, sondern Ausdruck religiöser Gleichgültigkeit.


Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Vergleichen

Vergleiche Atheismus und Agnostizismus anhand von Schnädelbachs Überlegungen.

Musterlösung:

Atheismus bezeichnet bei Schnädelbach unterschiedliche Formen des Lebens ohne Gottesglauben. Dabei kann eine Person ausdrücklich von der Nichtexistenz Gottes überzeugt sein oder lediglich keinen Glauben an Gott besitzen.

Der Agnostizismus betont dagegen das Nichtwissen in der Gottesfrage. Ein agnostischer Mensch legt sich nicht darauf fest, dass Gott existiert oder nicht existiert. Er hält die Frage möglicherweise für unbeantwortet oder nicht sicher entscheidbar.

Gemeinsam ist beiden Positionen, dass sie nicht mit einem positiven Gottesglauben identisch sind. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass der Agnostizismus stärker die fehlende Erkenntnis beziehungsweise das Nichtwissen betont, während Atheismus zunächst das Fehlen des Gottesglaubens oder die Überzeugung von der Nichtexistenz Gottes bezeichnen kann.


Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Erläutern

Erläutere Schnädelbachs Argument, weshalb ein Mensch, der lediglich nicht an Gott glaubt, nach seiner Auffassung keine Beweislast für die Nichtexistenz Gottes trägt.

Musterlösung:

Schnädelbach unterscheidet zwischen einer Behauptung und dem Fehlen einer Überzeugung. Wer sagt „Gott existiert nicht“, stellt eine Behauptung über die Wirklichkeit auf. Für eine solche Behauptung können Gründe verlangt werden.

Wer dagegen lediglich sagt „Ich glaube nicht, dass Gott existiert“, behauptet nach Schnädelbach nicht automatisch, die Nichtexistenz Gottes beweisen zu können. Die Person erklärt zunächst nur, dass sie selbst keinen Gottesglauben besitzt.

Deshalb sieht Schnädelbach hier keine automatische Verpflichtung, die Nichtexistenz Gottes zu beweisen. Seine Argumentation hängt somit entscheidend davon ab, welche Aussage der betreffende Mensch tatsächlich vertritt.


Aufgabe 6, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern

Erörtere die Aussage: „Atheismus ist auch nur ein Glaube.“

Musterlösung:

Für diese Aussage könnte sprechen, dass ein Mensch, der ausdrücklich sagt „Ich glaube, dass Gott nicht existiert“, eine Überzeugung über die Wirklichkeit vertritt. Da die Nichtexistenz Gottes ebenfalls nicht einfach durch unmittelbare Beobachtung festgestellt werden kann, könnte diese Position als eine bestimmte Form des Fürwahrhaltens bezeichnet werden.

Schnädelbach wendet sich jedoch gegen die pauschale Gleichsetzung von Atheismus und Glauben. Ein Mensch kann lediglich keinen Gottesglauben besitzen, ohne deshalb zu glauben, dass Gott sicher nicht existiert. Das Fehlen einer Überzeugung ist nicht automatisch eine gegenteilige Überzeugung.

Die Aussage „Atheismus ist auch nur ein Glaube“ ist deshalb zu allgemein. Sie könnte auf eine Position zutreffen, die ausdrücklich die Nichtexistenz Gottes behauptet. Auf einen Atheismus, der lediglich im fehlenden Gottesglauben besteht, trifft sie nach Schnädelbach dagegen nicht zu.


Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen

Beurteile Schnädelbachs These, dass die einfache Gegenüberstellung von Theismus und Atheismus nicht ausreicht, um unterschiedliche religiöse und nicht religiöse Positionen zu beschreiben.

Musterlösung:

Schnädelbachs These lässt sich dadurch begründen, dass es neben dem Glauben an einen einzigen persönlichen Gott und der Ablehnung eines solchen Glaubens zahlreiche weitere Positionen gibt. Polytheistische Religionen gehen beispielsweise von mehreren Gottheiten aus, während pantheistische Vorstellungen Gott und Wirklichkeit auf andere Weise miteinander verbinden.

Hinzu kommen religiöse Traditionen wie der Buddhismus, in denen ein persönlicher Schöpfergott nicht dieselbe zentrale Bedeutung besitzt wie in den monotheistischen Religionen. Außerdem existieren agnostische Positionen und Formen religiöser Gleichgültigkeit.

Die einfache Gegenüberstellung von Theismus und Atheismus erfasst diese Vielfalt deshalb nur unvollständig. Für eine differenzierte Beschreibung religiöser und nicht religiöser Weltanschauungen sind weitere Begriffe notwendig.


Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Erläutern und beurteilen

Erläutere Schnädelbachs Begriff des „frommen Atheisten“ und beurteile, ob diese Bezeichnung sinnvoll ist.

Musterlösung:

Mit dem „frommen Atheisten“ beschreibt Schnädelbach einen Menschen, der selbst nicht an Gott glauben kann, Religion jedoch weiterhin ernst nimmt. Eine solche Person kann den fehlenden Glauben sogar als Verlust empfinden. Sie ist damit weder religiös gleichgültig noch notwendigerweise eine Gegnerin oder ein Gegner von Religion.

Die Bezeichnung wirkt zunächst widersprüchlich, weil Frömmigkeit normalerweise mit religiösem Glauben verbunden wird. Gerade diese Spannung macht den Begriff jedoch aussagekräftig. Schnädelbach möchte zeigen, dass fehlender Gottesglaube nicht automatisch Ablehnung oder Gleichgültigkeit gegenüber Religion bedeutet.

Der Begriff kann daher sinnvoll sein, wenn er nicht als traditionelle religiöse Frömmigkeit verstanden wird, sondern als Ausdruck einer ernsthaften und respektvollen Beziehung zu einer religiösen Tradition, deren Glauben die betreffende Person selbst nicht teilen kann.


Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Prüfen

Prüfe die Aussage: „Jeder Atheist behauptet, dass Gott nicht existiert.“

Musterlösung:

Die Aussage lässt sich mit Schnädelbachs Unterscheidungen nicht aufrechterhalten. Manche Menschen, die als Atheisten bezeichnet werden, vertreten tatsächlich die Überzeugung, dass Gott nicht existiert.

Andere Menschen besitzen dagegen lediglich keinen Gottesglauben. Sie sagen nicht unbedingt „Gott existiert nicht“, sondern nur „Ich glaube nicht an Gott“. Damit treffen sie keine gleich starke Aussage über die Wirklichkeit.

Darüber hinaus beschreibt Schnädelbach Menschen, für die die Gottesfrage kaum noch eine Rolle spielt. Auch sie können ohne Gottesglauben leben, ohne ausdrücklich die Nichtexistenz Gottes zu behaupten.

Der Begriff Atheismus umfasst nach Schnädelbach deshalb unterschiedliche Positionen. Nicht jeder Atheist muss die ausdrückliche Behauptung vertreten, dass Gott nicht existiert.


Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern

Erörtere die Frage: „Ist religiöse Gleichgültigkeit für Religion eine größere Herausforderung als ausdrücklicher Atheismus?“

Musterlösung:

Dafür spricht, dass ein ausdrücklicher Atheismus die Gottesfrage weiterhin ernst nimmt. Wer Argumente gegen die Existenz Gottes entwickelt oder Religion kritisiert, beschäftigt sich intensiv mit religiösen Fragen. Religion bleibt damit ein wichtiger Bezugspunkt, auch wenn sie abgelehnt wird.

Religiöse Gleichgültigkeit bedeutet dagegen, dass die Gottesfrage für einen Menschen kaum noch Bedeutung besitzt. Ein solcher Mensch muss Religion weder bekämpfen noch verteidigen. Sie spielt für die eigene Lebensgestaltung möglicherweise einfach keine wichtige Rolle. Für religiöse Gemeinschaften kann dies eine besondere Herausforderung darstellen, weil zunächst überhaupt erklärt werden muss, weshalb religiöse Fragen relevant sein könnten.

Andererseits kann ausdrücklicher Atheismus ebenfalls eine starke Herausforderung darstellen, wenn er konkrete Argumente gegen Gottesglauben oder Religion vorbringt. Religiöse Menschen müssen sich dann mit diesen Einwänden auseinandersetzen.

Beide Positionen stellen deshalb unterschiedliche Herausforderungen dar. Ausdrücklicher Atheismus fordert Religion argumentativ heraus, während religiöse Gleichgültigkeit grundsätzlich infrage stellt, ob die Gottesfrage für das Leben eines Menschen überhaupt noch von Bedeutung sein muss.

Hessen

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Sekundarstufe II | Q2 Gott – verborgen und offenbar

Q2.3 Religionskritik – Bestreitung der Vernünftigkeit des Gottesglaubens.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 2. Gottesbestreitungen und Religionskritik.

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