Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Religionskritik, Gottesfrage, Glaube und Vernunft, religiöse Sprache, Theodizee, Gottesbilder sowie Möglichkeiten und Grenzen religiöser Aussagen. Eine besondere didaktische Stärke des Textes besteht in Flews Gleichnis vom unsichtbaren Gärtner. Das abstrakte philosophische Problem der Falsifikation wird in eine konkrete und leicht nachvollziehbare Geschichte übersetzt und ermöglicht damit auch Lernenden ohne umfangreiche philosophische Vorkenntnisse einen Zugang.
Als Einstieg sollte zunächst ausschließlich das Gleichnis vom Gärtner verwendet werden, ohne Flews anschließende religionskritische Deutung vorwegzunehmen. Die Lernenden können die Geschichte bis zu einem bestimmten Punkt lesen und anschließend überlegen, welche Beobachtung für oder gegen die Existenz des Gärtners sprechen könnte. Danach kann die Geschichte schrittweise fortgesetzt werden. Bei jeder Veränderung der Behauptung wird gefragt, was nun noch als Gegenbeweis gelten könnte. Dadurch entdecken die Lernenden möglichst selbstständig das Problem, das Flew anschließend philosophisch formuliert.
Eine mögliche Leitfrage für die Einstiegsphase lautet: „Wann wird eine Behauptung so verändert, dass man sie überhaupt nicht mehr widerlegen kann?“ Dazu können zunächst alltägliche Beispiele entwickelt werden. Behauptet beispielsweise eine Person, ein bestimmtes Tier befinde sich in einem Raum, müsste grundsätzlich geklärt werden können, welche Beobachtung gegen diese Behauptung sprechen würde. Wird bei jedem fehlenden Nachweis eine zusätzliche Erklärung eingeführt, kann die ursprüngliche Behauptung zunehmend gegen jede Kritik geschützt werden.
In der ersten Erarbeitungsphase sollte der Begriff Falsifikation geklärt werden. Für die Jahrgangsstufe 10 kann zunächst mit „Widerlegbarkeit“ gearbeitet werden. Eine Behauptung ist in diesem Sinne falsifizierbar, wenn grundsätzlich angegeben werden kann, welche Beobachtung oder Erfahrung gegen sie sprechen würde. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen einer tatsächlich widerlegten Aussage und einer grundsätzlich widerlegbaren Aussage. Eine Behauptung muss nicht falsch sein, nur weil sie falsifizierbar ist. Vielmehr bedeutet Falsifizierbarkeit zunächst, dass Bedingungen angegeben werden können, unter denen man sie als falsch anerkennen müsste.
Diese Unterscheidung ist für das Verständnis von Flews Argument von zentraler Bedeutung. Flew behauptet im vorliegenden Text nicht einfach, er habe bewiesen, dass Gott nicht existiert. Seine Kritik richtet sich zunächst gegen bestimmte Formen religiöser Aussagen. Er fragt, ob Aussagen wie „Gott liebt uns“ überhaupt einen bestimmbaren Behauptungsgehalt besitzen, wenn kein denkbares Ereignis als Gegenargument akzeptiert wird. Die Lernenden sollten daher zwischen der Aussage „Gott existiert nicht“ und der Aussage „Bestimmte Aussagen über Gott sind möglicherweise nicht falsifizierbar“ unterscheiden können.
Methodisch bietet sich für die Erarbeitung des Gärtnergleichnisses ein Schaubild an. Auf einer Seite wird die ursprüngliche Behauptung „Es gibt einen Gärtner“ eingetragen. Anschließend werden die verschiedenen Prüfversuche ergänzt. Daneben notieren die Lernenden jeweils die Reaktion des Glaubenden. Dadurch wird sichtbar, wie die ursprüngliche Aussage nach Flews Darstellung schrittweise verändert wird. Am Ende können die Lernenden erklären, was Flew mit dem bildhaften Ausdruck vom „Tod durch 1000 Modifikationen“ meint.
Besondere Aufmerksamkeit sollte der Frage gelten, weshalb Flew die ständige Veränderung einer Behauptung problematisch findet. Für ihn besitzt eine Behauptung nur dann einen klaren Inhalt, wenn auch deutlich ist, was sie ausschließt. Wer beispielsweise sagt „Der Gärtner kommt jeden Morgen sichtbar auf die Lichtung“, schließt damit bestimmte Beobachtungen aus. Bleibt der Gärtner dauerhaft unsichtbar, spricht dies gegen die Behauptung. Wird dagegen jede denkbare Beobachtung mit der Existenz des Gärtners vereinbar gemacht, stellt sich für Flew die Frage, was mit der Aussage überhaupt noch behauptet wird.
In einer zweiten Erarbeitungsphase kann dieses Prinzip auf religiöse Aussagen übertragen werden. Die Lernenden können Aussagen wie „Gott liebt die Menschen“, „Gott hört Gebete“ oder „Gott hat einen Plan“ untersuchen. Dabei sollte zunächst geklärt werden, welche Bedeutung die jeweilige Aussage haben könnte. Anschließend wird gefragt, welche Erfahrungen für oder gegen die Aussage sprechen könnten. Wichtig ist, dass diese Unterrichtsphase nicht darauf abzielt, religiöse Aussagen vorschnell zu widerlegen. Vielmehr sollen die Lernenden Flews Frage nachvollziehen und prüfen, ob seine Anforderungen auf religiöse Sprache angemessen angewendet werden können.
Das im Text verwendete Beispiel eines schwer erkrankten Kindes führt unmittelbar zur Theodizeefrage. Flew stellt die Behauptung von der väterlichen Liebe Gottes dem extremen Leiden eines Kindes gegenüber. Dadurch entsteht die Frage, wie die Vorstellung eines liebenden Gottes mit schwerem und scheinbar sinnlosem Leid vereinbart werden kann. Aufgrund der emotionalen Intensität dieses Beispiels sollte die Lehrkraft sensibel vorgehen. Persönliche Erfahrungen mit schwerer Krankheit oder Tod sollten von Lernenden nicht eingefordert werden. Für die sachliche Auseinandersetzung können fiktive Situationen oder allgemein bekannte Beispiele verwendet werden.
Die Lernenden sollten herausarbeiten, dass Flew nicht allein das Leid als Gegenargument verwendet. Entscheidend ist für ihn die Reaktion auf das Leid. Wird die Aussage „Gott liebt uns wie ein Vater“ angesichts des Leidens so verändert, dass Gottes Liebe grundsätzlich anders als menschliche Liebe und letztlich unerforschlich sei, fragt Flew, welchen konkreten Inhalt die ursprüngliche Aussage noch besitzt. Damit verbindet sich die Theodizeefrage mit einer sprachphilosophischen Fragestellung.
Für eine vertiefende Auseinandersetzung bietet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Eine Gruppe rekonstruiert Flews Gleichnis, eine zweite untersucht seine allgemeine Theorie über Behauptungen, eine dritte analysiert seine Anwendung auf die Aussage „Gott liebt uns“ und eine vierte entwickelt mögliche Antworten aus einer religiösen Perspektive. Anschließend werden die Ergebnisse zusammengeführt. Dabei sollte deutlich werden, dass die Gegenposition nicht lediglich behaupten darf, Flew habe keinen Glauben. Sie muss vielmehr auf seine argumentative Frage reagieren.
Eine mögliche Gegenposition könnte darin bestehen, religiöse Aussagen nicht ausschließlich als naturwissenschaftliche Hypothesen zu verstehen. Die Lernenden können untersuchen, ob „Gott liebt uns“ möglicherweise eine andere sprachliche Funktion besitzt als eine Aussage wie „Auf der Lichtung befindet sich ein sichtbarer Gärtner“. Religiöse Sprache kann beispielsweise als Ausdruck von Vertrauen, als Bekenntnis oder als Deutung von Wirklichkeit verstanden werden. Daraus ergibt sich die weiterführende Frage, ob Flews Falsifikationsforderung auf jede Form religiöser Sprache gleichermaßen angewendet werden kann.
Dabei sollte allerdings vermieden werden, religiöse Aussagen durch die Bezeichnung als symbolische Sprache automatisch gegen jede Kritik abzuschirmen. Genau hier kann Flews Herausforderung erneut aufgegriffen werden: Wenn eine religiöse Aussage keinerlei Aussage über die Wirklichkeit enthält, stellt sich die Frage, welche Bedeutung sie dann besitzt. Die Lernenden können somit zwischen zwei Extremen arbeiten. Auf der einen Seite steht die Vorstellung, religiöse Aussagen seien genauso überprüfbar wie einfache naturwissenschaftliche Behauptungen. Auf der anderen Seite steht die Auffassung, religiöse Aussagen könnten grundsätzlich durch keine Erfahrung infrage gestellt werden. Zwischen diesen Positionen können differenzierte Deutungen entwickelt werden.
Methodisch eignet sich außerdem ein philosophisches Streitgespräch. Eine Gruppe vertritt Flews Position und stellt wiederholt die Frage: „Was müsste geschehen, damit du diese Aussage als falsch anerkennen würdest?“ Eine zweite Gruppe entwickelt mögliche Antworten aus religiöser Perspektive. Eine dritte Gruppe beobachtet, ob die Beteiligten tatsächlich aufeinander eingehen, Begriffe klären und ihre Voraussetzungen offenlegen. Auf diese Weise wird die philosophische Methode der kritischen Prüfung praktisch eingeübt.
Für die abschließende Urteilsbildung kann die Leitfrage verwendet werden: „Muss eine Aussage über Gott widerlegbar sein, damit sie sinnvoll ist?“ Die Lernenden sollten zunächst Flews Argument rekonstruieren, anschließend mögliche Einwände berücksichtigen und schließlich ein eigenes begründetes Urteil formulieren. Das Medium fördert damit Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz und Urteilskompetenz und ermöglicht zugleich eine vertiefte Beschäftigung mit der Frage, wie sinnvoll und verantwortbar über Gott gesprochen werden kann.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterlösungen
Aufgabe 1, Anforderungsbereich I, Operator: Zusammenfassen
Fasse das Gleichnis vom unsichtbaren Gärtner und die damit verbundene Fragestellung Flews in eigenen Worten zusammen.
Musterlösung:
Flew erzählt von zwei Forschern, die auf einer Lichtung Blumen und Unkraut entdecken. Einer der Forscher vermutet, dass ein Gärtner die Lichtung pflegt. Der andere bestreitet dies. Beide versuchen deshalb, die Existenz des Gärtners zu überprüfen. Sie beobachten die Lichtung, errichten einen Zaun und setzen weitere Mittel ein, ohne jemals einen Gärtner nachweisen zu können.
Der glaubende Forscher verändert daraufhin seine Behauptung. Der Gärtner sei unsichtbar, unkörperlich und könne mit den eingesetzten Mitteln nicht entdeckt werden. Schließlich fragt der skeptische Forscher, worin sich ein solcher Gärtner noch von einem nicht existierenden Gärtner unterscheidet.
Flew möchte mit dem Gleichnis zeigen, dass eine Behauptung ihren überprüfbaren Inhalt verlieren kann, wenn sie bei jedem möglichen Gegenargument so verändert wird, dass sie weiterhin als wahr gelten kann.
Aufgabe 2, Anforderungsbereich I bis II, Operator: Erläutern
Erläutere anhand des Gärtnergleichnisses, was Flew unter dem „Tod durch 1000 Modifikationen“ versteht.
Musterlösung:
Mit dem Ausdruck beschreibt Flew einen Vorgang, bei dem eine ursprüngliche Behauptung immer weiter verändert wird, um sie gegen mögliche Widerlegungen zu schützen.
Zu Beginn lautet die Behauptung, dass ein Gärtner die Lichtung pflegt. Da kein Gärtner beobachtet wird, wird ergänzt, dass er unsichtbar sei. Weitere erfolglose Prüfungen führen zu zusätzlichen Eigenschaften. Der Gärtner sei unkörperlich und könne nicht durch die eingesetzten Mittel entdeckt werden.
Jede einzelne Veränderung soll die ursprüngliche Behauptung retten. Zusammengenommen führen die Veränderungen nach Flew jedoch dazu, dass kaum noch deutlich ist, welche Beobachtung gegen die Existenz dieses Gärtners sprechen könnte. Die Behauptung verliert dadurch nach seiner Auffassung ihren ursprünglichen Aussagegehalt.
Aufgabe 3, Anforderungsbereich II, Operator: Analysieren
Analysiere Flews Argumentation zur Bedeutung einer Behauptung. Arbeite insbesondere heraus, welche Funktion die Möglichkeit eines Gegenbeweises für ihn besitzt.
Musterlösung:
Flew geht davon aus, dass eine Behauptung nicht nur aussagt, was der Fall ist, sondern gleichzeitig bestimmte Möglichkeiten ausschließt. Wenn jemand beispielsweise behauptet, dass sich ein bestimmter Gegenstand in einem Raum befindet, muss es grundsätzlich Bedingungen geben, unter denen diese Aussage als falsch gelten würde.
Deshalb fragt Flew danach, welche Beobachtung oder Erfahrung einen Menschen dazu bringen würde, seine Behauptung zurückzunehmen. Wenn überhaupt kein denkbares Ereignis gegen eine Aussage sprechen kann, stellt sich für ihn die Frage, ob tatsächlich noch etwas behauptet wird.
Diese Überlegung überträgt Flew auf religiöse Aussagen. Wenn die Behauptung „Gott liebt uns“ bei jeder möglichen Erfahrung weiterhin unverändert als wahr gelten soll, möchte Flew wissen, welchen konkreten Sachverhalt die Aussage noch ausschließt. Die Möglichkeit eines Gegenbeweises dient ihm somit als Kriterium für den bestimmbaren Inhalt einer Behauptung.
Aufgabe 4, Anforderungsbereich II, Operator: Übertragen
Übertrage Flews Gärtnergleichnis auf die religiöse Aussage „Gott liebt die Menschen“.
Musterlösung:
Im Gärtnergleichnis wird eine Behauptung trotz ausbleibender Bestätigung immer weiter verändert. Flew sieht eine ähnliche Struktur bei bestimmten religiösen Aussagen.
Die Behauptung „Gott liebt die Menschen“ kann zunächst so verstanden werden, dass Gottes Liebe Auswirkungen auf das menschliche Leben besitzt. Menschen erleben jedoch schweres Leid, Krankheit, Gewalt und Tod. Diese Erfahrungen könnten zunächst gegen die Vorstellung eines liebenden Gottes zu sprechen scheinen.
Wird darauf geantwortet, dass Gottes Liebe grundsätzlich anders sei als menschliche Liebe oder dass sie für Menschen unerforschlich bleibe, kann die ursprüngliche Aussage trotz jeder möglichen Erfahrung beibehalten werden. Flew fragt deshalb, was geschehen müsste, damit ein Mensch die Aussage „Gott liebt die Menschen“ als falsch anerkennen würde. Wenn es keine denkbare Antwort gibt, sieht Flew den konkreten Behauptungsgehalt der Aussage gefährdet.
Aufgabe 5, Anforderungsbereich II, Operator: Unterscheiden
Unterscheide zwischen den Aussagen „Eine Behauptung ist falsifizierbar“ und „Eine Behauptung ist falsifiziert“.
Musterlösung:
Eine Behauptung ist falsifizierbar, wenn grundsätzlich angegeben werden kann, welche Beobachtung oder Erfahrung gegen sie sprechen würde. Dies bedeutet noch nicht, dass die Aussage tatsächlich falsch ist.
Eine Behauptung ist dagegen falsifiziert, wenn ein entsprechendes Gegenargument oder eine Beobachtung tatsächlich vorliegt und die Behauptung dadurch widerlegt wurde.
Die Unterscheidung ist für Flews Argument wichtig. Er verlangt nicht zunächst, dass religiöse Aussagen bereits widerlegt sein müssen. Er fragt vielmehr, ob überhaupt Bedingungen angegeben werden können, unter denen ihre Vertreter sie als widerlegt ansehen würden.
Aufgabe 6, Anforderungsbereich II bis III, Operator: Erörtern
Erörtere die Aussage: „Nur eine Aussage, die grundsätzlich widerlegt werden kann, ist eine sinnvolle Aussage.“ Beziehe Flews Argumentation ein.
Musterlösung:
Für diese Aussage spricht Flews Argument, dass eine Behauptung einen bestimmten Inhalt besitzen muss. Wenn eine Aussage mit jeder denkbaren Erfahrung vereinbar ist, wird unklar, was sie tatsächlich über die Wirklichkeit aussagt. Die Forderung nach Widerlegbarkeit zwingt deshalb dazu, Aussagen möglichst klar zu formulieren und Bedingungen anzugeben, unter denen sie als falsch gelten würden.
Gegen die Aussage kann eingewendet werden, dass nicht jede sinnvolle Äußerung eine empirisch überprüfbare Tatsachenbehauptung sein muss. Moralische Urteile, Hoffnungen, Vertrauensaussagen oder religiöse Bekenntnisse können für Menschen Bedeutung besitzen, obwohl sie nicht auf dieselbe Weise wie naturwissenschaftliche Hypothesen geprüft werden können.
Für die Beurteilung ist deshalb wichtig, welche Art von Aussage vorliegt. Wenn eine religiöse Aussage als konkrete Tatsachenbehauptung über die Wirklichkeit verstanden wird, besitzt Flews Forderung besondere Bedeutung. Wird sie dagegen als Bekenntnis, Symbol oder Ausdruck von Vertrauen verstanden, muss zusätzlich geklärt werden, ob das Kriterium der Falsifizierbarkeit überhaupt vollständig auf sie anwendbar ist.
Aufgabe 7, Anforderungsbereich III, Operator: Beurteilen
Beurteile Flews Kritik an der Aussage „Gott liebt uns wie ein Vater“. Berücksichtige dabei auch das von Flew angesprochene Problem menschlichen Leidens.
Musterlösung:
Flews Kritik macht auf eine Spannung zwischen der Vorstellung eines liebenden Gottes und der Erfahrung schweren Leidens aufmerksam. Wenn Gott wie ein liebender Vater verstanden wird, stellt sich die Frage, weshalb Menschen Leid erfahren, das nicht verhindert wird. Flews Beispiel eines schwer erkrankten Kindes verschärft diese Frage.
Sein Einwand gewinnt besondere Bedeutung, wenn die Aussage von Gottes väterlicher Liebe ähnlich verstanden wird wie menschliche Fürsorge. Von einem menschlichen Vater würde erwartet, dass er seinem leidenden Kind nach Möglichkeit hilft. Wenn Gottes Liebe dagegen angesichts jedes Leidens als unerforschlich bezeichnet wird, fragt Flew, welche Bedeutung der Vergleich mit einem Vater noch besitzt.
Gegen Flew kann eingewendet werden, dass religiöse Rede von Gott möglicherweise nicht als unmittelbare Beschreibung menschlichen Handelns verstanden werden soll. Gottes Liebe könnte theologisch anders gedeutet werden als die konkrete Hilfe eines menschlichen Elternteils.
Damit bleibt Flews Herausforderung jedoch bestehen. Wer von Gottes Liebe spricht, muss erklären können, was mit dieser Aussage gemeint ist und wie sie sich zur Erfahrung von Leid verhält.
Aufgabe 8, Anforderungsbereich III, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet zu der Frage Stellung: „Muss ein glaubender Mensch sagen können, welche Erfahrung seinen Glauben an Gott infrage stellen würde?“
Musterlösung:
Für diese Forderung spricht, dass Überzeugungen kritisch überprüfbar bleiben sollten. Wenn ein Mensch behauptet, Gott greife auf bestimmte Weise in die Welt ein, sollte grundsätzlich gefragt werden können, welche Erfahrungen für oder gegen diese Behauptung sprechen. Andernfalls besteht die von Flew beschriebene Gefahr, dass jede mögliche Erfahrung nachträglich mit der ursprünglichen Überzeugung vereinbar gemacht wird.
Dagegen kann eingewendet werden, dass religiöser Glaube mehr umfasst als einzelne überprüfbare Aussagen. Er kann Vertrauen, Hoffnung, Lebensdeutung und persönliche Beziehung zu Gott einschließen. Solche Formen des Glaubens lassen sich möglicherweise nicht durch ein einzelnes Ereignis eindeutig bestätigen oder widerlegen.
Trotzdem erscheint Flews Frage für die kritische Selbstreflexion bedeutsam. Sie fordert Glaubende dazu heraus, zu klären, welche Aussagen sie tatsächlich über Gott und die Wirklichkeit machen und ob diese Aussagen grundsätzlich für Gegenargumente offen sind.
Aufgabe 9, Anforderungsbereich III, Operator: Prüfen
Prüfe die Aussage: „Flew beweist mit dem Gleichnis vom unsichtbaren Gärtner, dass Gott nicht existiert.“
Musterlösung:
Die Aussage gibt Flews Argumentation nicht korrekt wieder. Das Gleichnis liefert keinen unmittelbaren Beweis für die Nichtexistenz Gottes. Flews zentrale Fragestellung betrifft vielmehr die Bedeutung und Widerlegbarkeit religiöser Aussagen.
Er zeigt anhand des Gärtners, dass eine Behauptung nach seiner Auffassung ihren konkreten Inhalt verlieren kann, wenn sie durch immer neue Veränderungen gegen jede mögliche Widerlegung geschützt wird. Diese Überlegung überträgt er auf Aussagen über Gott.
Damit kritisiert Flew eine bestimmte Form des religiösen Sprechens. Aus der möglichen fehlenden Falsifizierbarkeit einer Aussage folgt jedoch nicht unmittelbar, dass das in ihr bezeichnete Wesen nicht existiert. Flews Argument richtet sich deshalb zunächst gegen die sprachliche und logische Struktur bestimmter Gottesbehauptungen und nicht unmittelbar als Beweis gegen die Existenz Gottes.
Aufgabe 10, Anforderungsbereich III, Operator: Erörtern
Erörtere abschließend die Frage: „Was müsste geschehen, damit die Aussage ,Gott liebt die Menschen‘ als falsch angesehen werden könnte?“
Musterlösung:
Aus Flews Perspektive muss eine echte Behauptung grundsätzlich Bedingungen besitzen, unter denen sie als falsch gelten könnte. Deshalb fordert seine Frage dazu auf, konkrete Erwartungen zu formulieren, die mit der Aussage von Gottes Liebe verbunden sind. Wenn Gottes Liebe beispielsweise bedeuten soll, dass Gott Menschen vor jedem schweren Leid schützt, würde das tatsächliche Auftreten solchen Leidens gegen diese konkrete Aussage sprechen.
Religiöse Positionen können jedoch einwenden, dass Gottes Liebe nicht bedeutet, dass Menschen niemals Leid erfahren. Sie können Gottes Liebe beispielsweise mit Freiheit, Begleitung im Leid, Hoffnung oder einer über das irdische Leben hinausreichenden Perspektive verbinden. Dann müsste genauer bestimmt werden, welche konkrete Behauptung mit dem Satz verbunden ist.
Genau darin liegt die bleibende Herausforderung von Flews Frage. Je stärker die Bedeutung von Gottes Liebe verändert wird, um sie mit jeder möglichen Erfahrung vereinbar zu machen, desto schwieriger wird es zu erklären, was die Aussage konkret über die Wirklichkeit behauptet. Umgekehrt muss geprüft werden, ob religiöse Glaubensaussagen überhaupt vollständig nach denselben Kriterien beurteilt werden können wie empirische Hypothesen. Die Frage führt deshalb nicht automatisch zu einer Widerlegung des Gottesglaubens, sondern zu einer grundlegenden Prüfung der Bedeutung religiöser Sprache.