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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Sigmund Freud: Religion und Psychologie (1927)

Veröffentlichung:1.1.2014

Das Medium enthält Auszüge aus Sigmund Freuds Schrift Die Zukunft einer Illusion aus dem Jahr 1927 und stellt seine psychologische Erklärung und Kritik von Religion vor. Freud fragt nicht vorrangig danach, ob Gott existiert, sondern danach, aus welchen psychischen Bedürfnissen religiöse Vorstellungen entstehen. Ausgangspunkt ist für ihn die Erfahrung menschlicher Hilflosigkeit gegenüber Natur, Schicksal, Tod und gesellschaftlich bedingtem Leiden. Nach Freud entwickeln Menschen religiöse Vorstellungen, um diese Hilflosigkeit erträglicher zu machen. Eine besondere Bedeutung besitzt dabei die kindliche Erfahrung von Schutz und Abhängigkeit. Zunächst vermittelt die Mutter Schutz, später übernimmt nach Freuds Darstellung vor allem der Vater diese Funktion. Der erwachsene Mensch überträgt seine fortbestehende Sehnsucht nach Schutz auf eine göttliche Vatergestalt. Religion erscheint damit als Fortsetzung eines psychischen Bedürfnisses aus der Kindheit. Religiöse Vorstellungen bezeichnet Freud als Illusionen, weil für ihre Entstehung und Annahme nach seiner Auffassung die Erfüllung menschlicher Wünsche eine entscheidende Rolle spielt. Dabei unterscheidet er die Illusion von einer bloßen falschen Behauptung. Eine religiöse Vorstellung ist für Freud nicht allein deshalb eine Illusion, weil sie möglicherweise unwahr ist, sondern weil sie wesentlich durch Wünsche motiviert ist. Zugleich stellt er fest, dass viele religiöse Aussagen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Der wissenschaftlichen Erkenntnis weist er dagegen eine besondere Stellung zu, da sie für ihn den verlässlichsten Zugang zur äußeren Realität darstellt.

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Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Themenbereich Religionskritik, Gottesfrage, Glaube und Vernunft sowie Religion und Psychologie. Der Text ermöglicht Lernenden die Begegnung mit einer religionskritischen Position, die sich deutlich von der Religionskritik Friedrich Nietzsches oder Ludwig Feuerbachs unterscheidet. Freud betrachtet Religion aus einer psychologischen Perspektive. Damit eröffnet sich die grundlegende Frage, ob religiöser Glaube Ausdruck einer Begegnung mit einer göttlichen Wirklichkeit ist oder zumindest teilweise aus menschlichen Bedürfnissen, Ängsten und Wünschen erklärt werden kann.

Als Einstieg bietet sich die Frage an, warum Menschen überhaupt an Gott oder Götter glauben. Die Lernenden können mögliche Antworten zunächst sammeln und Kategorien wie Hoffnung, Erziehung, Gemeinschaft, Erfahrung, Angst, Sinnsuche, Tradition, Trost oder Schutz bilden. Anschließend wird untersucht, welche dieser Erklärungen sich bei Freud wiederfinden. Dadurch wird seine Theorie nicht isoliert vermittelt, sondern an bereits vorhandene Vorstellungen der Lernenden angebunden.

Für die Texterschließung empfiehlt sich eine Gliederung in mehrere Argumentationsschritte. Zunächst kann Freuds Beschreibung menschlicher Hilflosigkeit untersucht werden. Die Lernenden arbeiten heraus, welchen Bedrohungen Menschen nach Freud ausgesetzt sind. Dazu gehören Naturkräfte, Schicksal, Tod und Belastungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. In einem zweiten Schritt wird die Bedeutung der Kindheit untersucht. Die Lernenden können die Entwicklung von der Schutzfunktion der Eltern zur Vorstellung eines schützenden Gottes nachvollziehen. In einem dritten Schritt wird Freuds Begriff der Illusion erschlossen. Schließlich wird seine Bewertung des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft untersucht.

Eine zentrale Schwierigkeit besteht erfahrungsgemäß im Verständnis des Begriffs „Illusion“. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird eine Illusion häufig unmittelbar mit Irrtum oder Täuschung gleichgesetzt. Freud verwendet den Begriff differenzierter. Entscheidend ist für ihn die Herkunft einer Vorstellung aus einem Wunsch. Deshalb sollte im Unterricht ausdrücklich zwischen den Begriffen Illusion, Irrtum und bewusste Täuschung unterschieden werden. Die Lernenden können hierzu eine Definition aus dem Text formulieren und diese anschließend auf Beispiele anwenden.

Besonders anschaulich lässt sich Freuds Argumentation als gedankliche Abfolge darstellen: Der Mensch erfährt Hilflosigkeit. Hilflosigkeit erzeugt ein Bedürfnis nach Schutz. In der Kindheit erfüllen zunächst Eltern diese Schutzfunktion. Die Erfahrung elterlichen Schutzes wird auf eine übermenschliche Instanz übertragen. Gott erhält Eigenschaften einer schützenden und zugleich Autorität verkörpernden Vatergestalt. Religiöse Vorstellungen erfüllen dadurch menschliche Wünsche nach Schutz, Gerechtigkeit und Bewältigung von Angst. Religion wird von Freud folglich psychologisch als Reaktion auf menschliche Bedürfnisse erklärt.

Methodisch kann diese Argumentation von den Lernenden in einem Schaubild dargestellt werden. Eine solche Visualisierung eignet sich besonders, um die verschiedenen Stufen der Argumentation nachvollziehbar zu machen. Anschließend können die Lernenden einzelne Textstellen den jeweiligen Schritten zuordnen und dadurch ihre Interpretation am Text belegen.

Eine weitere Möglichkeit ist eine arbeitsteilige Gruppenarbeit. Eine Gruppe untersucht Freuds Verständnis menschlicher Hilflosigkeit, eine zweite Gruppe die Bedeutung der Eltern und insbesondere der Vaterfigur, eine dritte Gruppe den Begriff der Illusion und eine vierte Gruppe das Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Die Gruppen präsentieren ihre Ergebnisse anschließend und entwickeln gemeinsam ein Gesamtmodell der freudschen Religionskritik.

Für die religionspädagogische Arbeit ist besonders wichtig, zwischen der Erklärung der Entstehung eines Glaubens und der Frage nach dessen Wahrheit zu unterscheiden. Wenn ein Mensch beispielsweise aus einem Bedürfnis nach Schutz an Gott glaubt, folgt daraus logisch noch nicht, dass Gott nicht existiert. Ebenso beweist ein menschliches Bedürfnis nach Gott nicht dessen Existenz. Diese Unterscheidung ermöglicht eine kritische Prüfung der Reichweite von Freuds Argumentation. Die Lernenden können daher fragen, ob Freud lediglich erklärt, warum Menschen glauben, oder ob seine psychologische Erklärung zugleich eine Widerlegung religiöser Aussagen darstellt.

An dieser Stelle eignet sich eine Gegenüberstellung mit einer möglichen religiösen Antwort. Ein gläubiger Mensch könnte einräumen, dass Religion Trost, Sicherheit und Orientierung vermittelt, aber bestreiten, dass damit die Existenz Gottes widerlegt sei. Ebenso könnte kritisch gefragt werden, ob jede religiöse Erfahrung ausschließlich als Wunscherfüllung erklärt werden kann. Umgekehrt sollten die Lernenden die Stärke von Freuds Ansatz wahrnehmen: Religiöse Vorstellungen können psychische Funktionen besitzen, unabhängig davon, wie die Wahrheitsfrage beantwortet wird.

Eine weitere Vertiefung ermöglicht Freuds Verhältnis zur Wissenschaft. Die Lernenden können herausarbeiten, weshalb Freud wissenschaftliche Forschung als bevorzugten Weg zur Erkenntnis der äußeren Realität betrachtet. Anschließend kann diskutiert werden, ob Wissenschaft und Religion tatsächlich dieselben Fragen beantworten wollen. Naturwissenschaft kann beispielsweise untersuchen, wie bestimmte Prozesse ablaufen, während Religion Fragen nach Sinn, Hoffnung oder einer letzten Wirklichkeit stellt. Daraus kann die weiterführende Frage entstehen, ob zwischen religiösen und wissenschaftlichen Aussagen grundsätzlich Konkurrenz bestehen muss.

Für leistungsheterogene Lerngruppen sollten zentrale Begriffe wie Libido, Narzissmus, Ambivalenz, Illusion und Wunscherfüllung sprachlich vorentlastet werden. Lernenden mit Unterstützungsbedarf kann eine vereinfachte Übersicht der Argumentationsschritte zur Verfügung gestellt werden. Leistungsstärkere Lernende können untersuchen, ob Freuds Erklärung einen Fehlschluss enthält, wenn von der psychologischen Entstehung einer Überzeugung auf deren Wahrheitsgehalt geschlossen wird.

Als Abschluss bietet sich ein Vergleich mit anderen Formen der Religionskritik an. Während beispielsweise Feuerbach Religion als Projektion menschlicher Wünsche und Eigenschaften interpretiert, legt Freud einen besonderen Schwerpunkt auf Hilflosigkeit, Schutzbedürfnis und frühkindliche Erfahrungen. Bei Nietzsche wiederum kann stärker nach den kulturellen Folgen des Verlustes des Gottesglaubens gefragt werden. Ein solcher Vergleich hilft den Lernenden, unterschiedliche Formen der Religionskritik begrifflich voneinander zu unterscheiden.

Das Medium fördert damit Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Dialogkompetenz und Urteilskompetenz. Besonders geeignet ist es für die Vorbereitung auf Klausuren, da Freuds Argumentationsgang klar rekonstruiert, mit anderen Positionen verglichen und hinsichtlich seiner Überzeugungskraft beurteilt werden kann.


4. Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1


Geben Sie Freuds Erklärung für die Entstehung religiöser Vorstellungen strukturiert wieder.


Operator: wiedergeben


Musterantwort:


Freud erklärt die Entstehung religiöser Vorstellungen aus der Erfahrung menschlicher Hilflosigkeit. Menschen erleben Naturkräfte, Schicksal, Tod und gesellschaftliches Leiden als Bedrohungen, denen sie nicht vollständig entkommen können. Deshalb entwickeln sie nach Freud ein Bedürfnis nach Schutz.


Dieses Schutzbedürfnis führt Freud auf Erfahrungen aus der Kindheit zurück. Das Kind erlebt zunächst die Mutter und später besonders den Vater als schützende Personen. Gleichzeitig kann der Vater sowohl bewundert als auch gefürchtet werden. Diese Erfahrung bezeichnet Freud als ambivalent.


Auch der erwachsene Mensch bleibt gegenüber vielen Kräften hilflos. Nach Freud überträgt er deshalb die Eigenschaften des schützenden Vaters auf Gott. Die Vorstellung eines mächtigen Gottes ermöglicht es ihm, sich gegenüber Natur, Schicksal und Tod weniger hilflos zu fühlen. Religion entsteht für Freud somit wesentlich aus dem menschlichen Bedürfnis nach Schutz und der Fortsetzung kindlicher Erfahrungen.


Aufgabe 2


Erläutern Sie die Bedeutung der Vatersehnsucht für Freuds Erklärung von Religion.


Operator: erläutern


Musterantwort:


Die Vatersehnsucht besitzt eine zentrale Bedeutung für Freuds Religionskritik. Nach Freud erlebt sich das Kind als abhängig und schutzbedürftig. Es benötigt Erwachsene, um Gefahren zu bewältigen und seine Bedürfnisse zu erfüllen. Besonders der Vater wird in Freuds Modell zu einer mächtigen Schutzfigur. Gleichzeitig kann das Kind ihn fürchten und bewundern.


Wenn der Mensch erwachsen wird, verschwindet seine Hilflosigkeit nach Freud nicht vollständig. Naturkatastrophen, Krankheit, Tod und andere Schicksalsschläge bleiben seiner Kontrolle entzogen. Der erwachsene Mensch sucht deshalb weiterhin nach Schutz. Nach Freud überträgt er das aus der Kindheit bekannte Vaterbild auf Gott. Gott wird zu einer übermächtigen Vaterfigur, die schützen, bestrafen und Ordnung herstellen kann.


Die Vatersehnsucht erklärt für Freud somit, weshalb Menschen eine persönliche und mächtige göttliche Instanz entwickeln und an ihr festhalten.


Aufgabe 3


Arbeiten Sie heraus, welche Funktionen Religion nach Freud für den Menschen erfüllt.


Operator: herausarbeiten


Musterantwort:


Freud nennt mehrere Funktionen religiöser Vorstellungen. Erstens helfen sie dem Menschen dabei, mit den Gefahren der Natur umzugehen. Naturkräfte erscheinen dadurch nicht mehr lediglich als unkontrollierbare Mächte, sondern werden in eine religiöse Ordnung eingeordnet.


Zweitens hilft Religion nach Freud bei der Bewältigung des Schicksals und besonders des Todes. Religiöse Vorstellungen können Hoffnung vermitteln und das menschliche Leiden in einen größeren Zusammenhang stellen.


Drittens können religiöse Vorstellungen einen Ausgleich für Leiden und Einschränkungen versprechen, die durch das gesellschaftliche Zusammenleben entstehen. Religion erfüllt damit nach Freud eine psychologische Schutzfunktion. Sie macht menschliche Hilflosigkeit erträglicher und befriedigt Bedürfnisse nach Sicherheit, Schutz, Gerechtigkeit und Hoffnung.


Aufgabe 4


Erklären Sie Freuds Begriff der „Illusion“ und grenzen Sie ihn von einem einfachen Irrtum ab.


Operatoren: erklären, abgrenzen


Musterantwort:


Freud bezeichnet eine Überzeugung als Illusion, wenn bei ihrer Entstehung die Erfüllung eines menschlichen Wunsches eine entscheidende Rolle spielt. Entscheidend ist deshalb zunächst nicht, ob die Vorstellung wahr oder falsch ist, sondern weshalb ein Mensch sie für wahr hält.


Eine Illusion ist daher nicht mit einem einfachen Irrtum gleichzusetzen. Ein Irrtum bezeichnet eine falsche Annahme über die Wirklichkeit. Eine Illusion wird dagegen durch einen Wunsch motiviert. Für Freud sind religiöse Vorstellungen Illusionen, weil sie beispielsweise Wünsche nach Schutz, Gerechtigkeit, Sinn und Überwindung menschlicher Hilflosigkeit erfüllen.


Freud behauptet an dieser Stelle daher nicht einfach, dass jede religiöse Aussage nachweisbar falsch sei. Er betont selbst, dass viele religiöse Aussagen weder bewiesen noch widerlegt werden können. Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die psychologische Grundlage des religiösen Glaubens.


Aufgabe 5


Analysieren Sie Freuds Argumentation zum Verhältnis von kindlicher Hilflosigkeit und Gottesvorstellung.


Operator: analysieren


Musterantwort:


Freuds Argumentation beginnt mit der Abhängigkeit des Kindes. Das Kind kann seine Bedürfnisse nicht selbstständig befriedigen und ist auf den Schutz anderer Menschen angewiesen. Zunächst übernimmt besonders die Mutter diese Funktion. Später hebt Freud die Bedeutung des Vaters hervor.


Im nächsten Schritt überträgt Freud diese Erfahrung auf den Erwachsenen. Auch der erwachsene Mensch erkennt, dass er gegenüber Natur, Tod und Schicksal nicht vollständig selbstständig und mächtig ist. Die ursprüngliche Erfahrung der Hilflosigkeit bleibt somit in veränderter Form bestehen.


Daraus entwickelt Freud seine Erklärung der Gottesvorstellung. Der Mensch überträgt Eigenschaften der elterlichen Schutzfiguren auf eine übermenschliche Instanz. Gott wird als mächtig, schützend und zugleich Autorität verkörpernd vorgestellt. Die religiöse Gottesvorstellung interpretiert Freud deshalb als psychische Antwort auf eine dauerhaft bestehende menschliche Hilflosigkeit.


Die Argumentation führt somit von der kindlichen Abhängigkeit über das fortbestehende Schutzbedürfnis des Erwachsenen zur Entstehung beziehungsweise Annahme einer schützenden Gottesvorstellung.


Aufgabe 6


Vergleichen Sie Freuds Verständnis von Religion mit Nietzsches Religionskritik in „Der tolle Mensch“.


Operator: vergleichen


Musterantwort:


Freud und Nietzsche setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Freud fragt vor allem danach, warum Menschen religiöse Vorstellungen entwickeln. Seine Erklärung ist psychologisch. Religion entsteht nach seiner Auffassung aus menschlicher Hilflosigkeit, Schutzbedürftigkeit und Vatersehnsucht. Religiöse Vorstellungen bezeichnet er als Illusionen, weil Wünsche bei ihrer Entstehung eine entscheidende Bedeutung besitzen.


Nietzsche beschäftigt sich in „Der tolle Mensch“ dagegen besonders mit dem Verlust des Gottesglaubens und dessen Folgen. Seine Aussage vom Tod Gottes beschreibt einen kulturellen und geistigen Umbruch. Wenn Gott als bisheriger Bezugspunkt von Sinn, Orientierung und Werten seine Bedeutung verliert, stellt sich die Frage nach neuen Grundlagen menschlicher Orientierung.


Beide Denker betrachten Religion kritisch und erklären sie nicht einfach aus einer göttlichen Offenbarung. Der Unterschied besteht vor allem in ihrer Fragestellung. Freud untersucht stärker die psychischen Ursachen und Funktionen des Glaubens. Nietzsche richtet den Blick stärker auf die Folgen des Bedeutungsverlustes des Gottesglaubens für Mensch und Gesellschaft.


Aufgabe 7


Beurteilen Sie, ob Freuds psychologische Erklärung der Religion zugleich die Existenz Gottes widerlegt.


Operator: beurteilen


Musterantwort:


Freuds Theorie kann erklären, weshalb Menschen ein Bedürfnis nach religiösen Vorstellungen entwickeln könnten. Seine Beobachtung, dass Religion Schutz, Hoffnung und Trost vermitteln kann, liefert eine mögliche psychologische Erklärung für religiösen Glauben.


Daraus folgt jedoch nicht unmittelbar, dass Gott nicht existiert. Die Frage nach der Entstehung einer Überzeugung und die Frage nach ihrer Wahrheit müssen unterschieden werden. Auch wenn ein Mensch etwas glaubt, weil er es sich wünscht, kann daraus allein nicht geschlossen werden, dass der Inhalt seines Glaubens falsch ist. Umgekehrt beweist ein Wunsch selbstverständlich auch nicht, dass die entsprechende Vorstellung wahr ist.


Freuds psychologische Religionskritik stellt daher eine Herausforderung für religiösen Glauben dar, weil sie nach dessen menschlichen Motiven fragt. Sie liefert aber für sich genommen keinen logischen Beweis für die Nichtexistenz Gottes.


Aufgabe 8


Erörtern Sie die Aussage: „Religion ist vor allem eine Antwort auf die menschliche Angst und Hilflosigkeit.“ Beziehen Sie Freuds Position sowie mögliche Gegenargumente ein.


Operator: erörtern


Musterantwort:


Für die Aussage spricht Freuds Beobachtung, dass Menschen mit Erfahrungen konfrontiert werden, die sie nicht vollständig kontrollieren können. Krankheit, Tod, Naturereignisse und persönliche Schicksalsschläge können Angst und Hilflosigkeit hervorrufen. Religion kann in solchen Situationen Hoffnung, Trost und Orientierung vermitteln. Freuds Erklärung macht deshalb auf eine wichtige psychologische Funktion von Religion aufmerksam.


Gegen die Aussage spricht jedoch die Formulierung „vor allem“. Religion lässt sich möglicherweise nicht ausschließlich oder überwiegend auf Angst und Hilflosigkeit reduzieren. Menschen können religiösen Glauben beispielsweise mit Dankbarkeit, Gemeinschaft, moralischer Verantwortung, religiösen Erfahrungen, Tradition oder der Suche nach Wahrheit verbinden. Außerdem erklärt die Feststellung, dass Religion bestimmte menschliche Bedürfnisse erfüllt, noch nicht, ob ihre Aussagen über Gott wahr oder falsch sind.


Freuds Position besitzt daher einen wichtigen Erklärungswert für psychologische Funktionen religiösen Glaubens. Ob sie Religion insgesamt erklären kann, bleibt jedoch diskutierbar. Für eine umfassende Beurteilung müssen neben psychologischen Funktionen auch das Selbstverständnis religiöser Menschen und weitere Erklärungen von Religion berücksichtigt werden.


Aufgabe 9


Nehmen Sie begründet Stellung zu Freuds Auffassung, wissenschaftliche Arbeit sei der verlässlichste Weg zur Erkenntnis der äußeren Realität. Berücksichtigen Sie dabei das Verhältnis von Religion und Wissenschaft.


Operator: Stellung nehmen


Musterantwort:


Für Freuds Position spricht, dass wissenschaftliche Aussagen überprüfbar sein sollen und durch neue Erkenntnisse korrigiert werden können. Wissenschaftliche Methoden ermöglichen es, Aussagen über die beobachtbare Welt anhand von Erfahrungen, Untersuchungen und nachvollziehbaren Verfahren zu prüfen. Für Fragen nach den Vorgängen der äußeren Realität besitzt die Wissenschaft deshalb eine besondere Bedeutung.


Allerdings stellt sich die Frage, ob Religion und Wissenschaft immer dieselben Fragen behandeln. Naturwissenschaft kann beispielsweise untersuchen, wie das Universum entstanden ist und nach welchen Gesetzmäßigkeiten sich natürliche Prozesse entwickeln. Religiöse Aussagen können dagegen Fragen nach Sinn, Hoffnung, Verantwortung und einer möglichen Beziehung zwischen Mensch und Gott behandeln.


Deshalb ist eine Unterscheidung sinnvoll. Wenn Religion überprüfbare Aussagen über die natürliche Welt macht, können diese mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verglichen werden. Bei Fragen nach Sinn oder einer letzten Wirklichkeit ist dagegen zu prüfen, ob sie überhaupt mit denselben Methoden beantwortet werden können. Freuds Betonung wissenschaftlicher Erkenntnis ist für Aussagen über die empirisch untersuchbare Wirklichkeit nachvollziehbar. Ob dadurch sämtliche religiösen Fragen beantwortet werden können, ist damit jedoch noch nicht entschieden.

Hessen

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Sekundarstufe II | Q2 Gott – verborgen und offenbar

Q2.3 Religionskritik – Bestreitung der Vernünftigkeit des Gottesglaubens.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 2. Gottesbestreitungen und Religionskritik.

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