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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Immanuel Kant: Moral und Religion (1793)

Veröffentlichung:1.1.2014

Der vorliegende Textauszug aus Immanuel Kants Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 behandelt das Verhältnis von Moral, Vernunft und Religion. Kant vertritt zunächst die Auffassung, dass der Mensch weder Gott noch Religion benötigt, um moralische Pflichten zu erkennen und entsprechend zu handeln. Als freies und vernünftiges Wesen kann der Mensch durch seine praktische Vernunft erkennen, was moralisch geboten ist. Moralisches Handeln soll deshalb nicht aus der Hoffnung auf Belohnung, aus Angst vor Bestrafung oder zur Erreichung eines persönlichen Zwecks erfolgen, sondern aus Achtung vor dem moralischen Gesetz. Kant verdeutlicht dies am Beispiel der Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit vor Gericht und zur Treue im Umgang mit anvertrautem Eigentum. Zugleich erklärt er, dass die Moral dennoch zu einer religiösen Perspektive führen kann. Der Mensch fragt danach, was aus seinem moralischen Handeln letztlich hervorgeht und ob Tugend und Glück miteinander verbunden werden können. Diese Verbindung bezeichnet Kant als höchstes Gut. Um dessen Möglichkeit denken zu können, gelangt die praktische Vernunft zur Idee Gottes als eines vollkommenen moralischen Wesens. Religion bildet für Kant deshalb nicht die Grundlage der Moral. Vielmehr führt die Moral aus sich heraus zur Religion. Damit entwickelt der Text eine Verhältnisbestimmung, nach der moralisches Handeln unabhängig von religiösen Geboten begründet werden kann, die Gottesidee jedoch im Zusammenhang mit der Frage nach dem letzten Ziel moralischen Handelns Bedeutung erhält.

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Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 in den Themenbereichen Ethik, Gewissen, Freiheit und Verantwortung, Glaube und Vernunft, Gottesfrage sowie Religion und Moral. Von besonderer didaktischer Bedeutung ist Kants These, dass Moral nicht von Religion abhängig ist. Diese Position ermöglicht eine Auseinandersetzung mit einer für Lernende unmittelbar zugänglichen Grundfrage: Handelt ein Mensch nur dann moralisch, wenn er an Gott glaubt, oder kann moralisches Handeln unabhängig von Religion begründet werden?

Als problemorientierter Einstieg eignet sich ein konkreter moralischer Konflikt. Den Lernenden kann beispielsweise die Situation vorgelegt werden, dass eine Person die Möglichkeit hat zu lügen, ohne entdeckt oder bestraft zu werden. Die Lernenden überlegen, ob die Person trotzdem die Wahrheit sagen sollte und begründen ihre Antworten. Anschließend kann gefragt werden, ob sich die Begründung verändert, wenn es keine göttliche Belohnung und keine göttliche Bestrafung gibt. Auf diese Weise wird die zentrale Fragestellung Kants aus einer lebensnahen Situation entwickelt.

Ein weiterer Einstieg kann unmittelbar an Kants Beispiel der Zeugenaussage vor Gericht anknüpfen. Die Lernenden sammeln mögliche Gründe dafür, die Wahrheit zu sagen. Genannt werden könnten Angst vor Strafe, gesellschaftliche Anerkennung, persönlicher Nutzen, religiöse Gebote, Mitgefühl oder die grundsätzliche Überzeugung, dass Wahrhaftigkeit moralisch geboten ist. Anschließend werden die Begründungen danach geordnet, ob die Handlung wegen einer erwarteten Folge oder um der moralischen Verpflichtung selbst willen erfolgt. Dadurch lässt sich Kants Unterscheidung zwischen zweckorientiertem und aus Pflicht erfolgendem Handeln vorbereiten.

Aufgrund der sprachlichen Schwierigkeit des Originaltextes sollte die Erarbeitung schrittweise erfolgen. Der Text kann in Sinnabschnitte gegliedert werden. Die Lernenden markieren zunächst Aussagen über Moral, anschließend Aussagen über Religion und schließlich Aussagen über das Verhältnis von Moral und Religion. Schwierige Begriffe wie Freiheit, Vernunft, Pflicht, Gesetz, Zweck, höchstes Gut und moralischer Gesetzgeber sollten gemeinsam geklärt und in einer Begriffssammlung gesichert werden.

Für die zentrale Aussage des ersten Textabschnitts bietet sich eine Übersetzungsaufgabe in Alltagssprache an. Die Lernenden formulieren Kants Aussage, dass Moral der Religion nicht bedürfe, mit eigenen Worten. Als mögliche Kernaussage kann festgehalten werden: Der Mensch kann mit seiner Vernunft erkennen, was moralisch richtig ist, und benötigt dafür weder ein göttliches Gebot noch die Aussicht auf Belohnung. Diese sprachliche Reduktion erleichtert anschließend die Beschäftigung mit dem komplexeren Verhältnis von Moral und Religion.

Besondere Aufmerksamkeit sollte der Unterscheidung zwischen dem Grund moralischen Handelns und den möglichen Folgen moralischen Handelns gelten. Nach Kant darf Gott nicht zum Grund dafür werden, dass ein Mensch seine Pflicht erfüllt. Wer beispielsweise ausschließlich deshalb ehrlich handelt, weil er eine göttliche Belohnung erwartet oder eine Strafe fürchtet, handelt nicht aus der von Kant geforderten Achtung vor dem moralischen Gesetz. Die Lernenden können verschiedene Handlungsmotive untersuchen und prüfen, welche davon Kants Verständnis moralischen Handelns entsprechen.

Methodisch bietet sich hierfür eine Kartenarbeit mit unterschiedlichen Motiven an. Aussagen wie „Ich helfe, weil ich dafür gelobt werden möchte“, „Ich helfe, weil Gott es von mir verlangt“, „Ich helfe, weil ich sonst ein schlechtes Gewissen habe“ und „Ich helfe, weil ich erkenne, dass jeder Mensch in dieser Situation Hilfe erhalten sollte“ können miteinander verglichen werden. Die Lernenden begründen, welche Motivation Kant vermutlich als moralisch besonders bedeutsam ansehen würde. Anschließend überprüfen sie ihre Einschätzung anhand des Originaltextes.

Für ein vertieftes Verständnis sollte die Aussage „Moral also führt unumgänglich zur Religion“ nicht isoliert behandelt werden. Ohne den vorhergehenden Argumentationsgang könnte der Eindruck entstehen, Kant leite moralische Normen letztlich doch aus Religion ab. Entscheidend ist jedoch seine Aussage, dass die Gottesidee aus der Moral hervorgeht und nicht deren Grundlage bildet. Diese Reihenfolge kann durch ein einfaches Schema verdeutlicht werden: Vernunft führt zur Erkenntnis moralischer Pflicht, moralisches Handeln führt zur Frage nach dem Endzweck, die Frage nach dem Endzweck führt zur Idee des höchsten Guts und die Idee des höchsten Guts führt zur Gottesidee.

Die Vorstellung des höchsten Guts verlangt eine zusätzliche didaktische Klärung. Vereinfacht kann den Lernenden erklärt werden, dass Kant danach fragt, ob moralisches Handeln und Glück letztlich zusammenpassen. Im Alltag erleben Menschen, dass moralisch handelnde Personen nicht zwangsläufig glücklich werden und unmoralisch handelnde Personen nicht zwangsläufig unglücklich sind. Dennoch entwickelt die praktische Vernunft nach Kant die Vorstellung eines Zustands, in dem moralische Würdigkeit und Glück miteinander verbunden sind. In diesem Zusammenhang erhält die Gottesidee ihre Bedeutung.

Hier bietet sich ein Gedankenexperiment an: „Ein Mensch handelt sein ganzes Leben gerecht, erleidet dadurch aber erhebliche Nachteile. Ein anderer handelt wiederholt ungerecht und lebt dennoch glücklich. Ist es für die Frage, ob man moralisch handeln soll, entscheidend, wie das Leben der beiden ausgeht?“ Die Lernenden können zunächst eigene Antworten entwickeln und anschließend untersuchen, welche Antwort Kant auf Grundlage des Textes geben könnte.

Für die Sicherung bietet sich ein Schaubild mit zwei deutlich voneinander getrennten Fragen an: „Warum soll ich moralisch handeln?“ und „Was darf ich als Folge moralischen Handelns vernünftigerweise hoffen?“ Bei der ersten Frage stehen Freiheit, Vernunft, Pflicht und moralisches Gesetz im Mittelpunkt. Bei der zweiten Frage werden höchstes Gut, Glück und Gottesidee zugeordnet. Dadurch wird ein häufiges Missverständnis vermieden, nämlich dass Kant Gott zur Voraussetzung moralischen Verhaltens erkläre.

Der Text ermöglicht darüber hinaus einen Vergleich mit anderen ethischen Begründungsmodellen. Kants Pflichtethik kann beispielsweise einer konsequenzorientierten Ethik gegenübergestellt werden. Während Kant die moralische Qualität einer Handlung nicht primär von ihren erwarteten Folgen abhängig macht, beurteilen andere ethische Ansätze Handlungen stärker danach, welche Konsequenzen sie für die Beteiligten haben. An konkreten Fallbeispielen können die Lernenden untersuchen, zu welchen unterschiedlichen Bewertungen die jeweiligen Ansätze führen können.

Für den Religionsunterricht bietet sich außerdem ein Vergleich mit einer religiös begründeten Ethik an. Die Lernenden können beispielsweise das Doppelgebot der Liebe oder ausgewählte Aussagen der Bergpredigt mit Kants Vernunftethik vergleichen. Dabei sollte nicht vorschnell nach Übereinstimmung oder Widerspruch gefragt werden. Produktiver ist die Frage, wie moralische Verpflichtungen jeweils begründet werden und welche Rolle Gott, Vernunft, Freiheit, Mitmenschlichkeit und Verantwortung dabei spielen.

Als Abschluss eignet sich eine strukturierte Diskussion zur Frage: „Braucht Moral Religion?“ Die Lernenden sollten dabei zwischen mehreren Fragen unterscheiden: Können Menschen ohne religiösen Glauben moralische Normen erkennen? Kann Religion Menschen zum moralischen Handeln motivieren? Benötigt Moral eine letzte Sinnperspektive? Kann die Vorstellung Gottes moralischem Handeln Orientierung geben, ohne dessen eigentliche Grundlage zu sein? Durch diese Differenzierung wird verhindert, dass die Diskussion auf einfache Zustimmung oder Ablehnung reduziert wird.

Für eine schriftliche Sicherung können die Lernenden schließlich Kants Verhältnisbestimmung in einem Merksatz formulieren. Zentral ist die Erkenntnis: Nicht Religion begründet für Kant die Moral, sondern die autonome Vernunft begründet die moralische Verpflichtung. Die Moral kann jedoch zur Frage nach einem letzten Ziel und damit zur Gottesidee führen.


4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterantworten

Aufgabe 1: Beschreiben Sie Kants Verständnis vom Menschen als moralisch handelndem Wesen.

Operator: Beschreiben

Musterantwort:

Kant versteht den Menschen als freies und vernunftbegabtes Wesen. Aufgrund seiner Vernunft kann der Mensch moralische Gesetze erkennen und sich selbst an diese binden. Für die Erkenntnis seiner moralischen Pflicht benötigt er nach Kant weder eine göttliche Anweisung noch die Aussicht auf eine Belohnung.

Der Mensch soll moralisch handeln, weil er durch seine Vernunft erkennt, dass eine Handlung moralisch geboten ist. Entscheidend ist somit die Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Der Mensch übernimmt Verantwortung für sein Handeln und richtet sich am moralischen Gesetz aus.

Kants Menschenbild verbindet deshalb Freiheit und Verpflichtung. Gerade weil der Mensch frei ist, kann er sich für ein Handeln aus moralischer Pflicht entscheiden.


Aufgabe 2: Arbeiten Sie heraus, warum die Moral nach Kant zunächst keiner Religion bedarf.

Operator: Herausarbeiten

Musterantwort:

Kant geht davon aus, dass der Mensch aufgrund seiner Vernunft selbst erkennen kann, was moralisch geboten ist. Deshalb muss er nicht auf göttliche Gebote zurückgreifen, um zwischen richtigem und falschem Handeln unterscheiden zu können.

Ebenso benötigt der Mensch nach Kant keine zusätzliche Motivation wie eine Belohnung durch Gott oder die Angst vor einer göttlichen Bestrafung. Moralisches Handeln soll aufgrund des moralischen Gesetzes selbst erfolgen.

Dies verdeutlicht Kant am Beispiel einer Zeugenaussage vor Gericht. Um zu erkennen, dass man wahrheitsgemäß aussagen soll, muss man nicht zuerst überlegen, welchen persönlichen Vorteil die Wahrheit bringt. Die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit soll unabhängig von solchen Zwecken gelten.

Moral ist für Kant deshalb zunächst selbstständig. Ihre Grundlage liegt in Freiheit und Vernunft und nicht in Religion.


Aufgabe 3: Erläutern Sie anhand eines eigenen Beispiels den Unterschied zwischen einem Handeln aus Pflicht und einem Handeln aufgrund eines persönlichen Zwecks.

Operator: Erläutern

Musterantwort:

Ein Schüler findet beispielsweise auf dem Schulhof eine Geldbörse und gibt sie im Sekretariat ab. Dafür können unterschiedliche Gründe bestehen.

Wenn er die Geldbörse nur deshalb zurückgibt, weil er auf einen Finderlohn hofft, verfolgt er einen persönlichen Zweck. Die Handlung dient dann der Erreichung eines Vorteils. Auch die Angst, durch eine Kamera entdeckt zu werden, wäre ein äußerer Grund für sein Verhalten.

Ein Handeln aus Pflicht liegt im Sinne Kants dagegen vor, wenn die Person die Geldbörse zurückgibt, weil sie erkennt, dass es grundsätzlich richtig ist, fremdes Eigentum zu achten. Entscheidend ist dann nicht der persönliche Vorteil, sondern die moralische Verpflichtung.

Der Unterschied besteht somit vor allem in der Begründung beziehungsweise Motivation der Handlung. Äußerlich kann dieselbe Handlung stattfinden, während ihr moralischer Beweggrund unterschiedlich ist.


Aufgabe 4: Analysieren Sie, wie Kant das Verhältnis von Moral und Religion im Text entwickelt.

Operator: Analysieren

Musterantwort:

Kants Argumentation erfolgt in mehreren Schritten. Zunächst trennt er die Begründung der Moral von der Religion. Der Mensch kann durch seine Vernunft erkennen, was seine Pflicht ist. Deshalb benötigt die Moral weder Gott zur Erkenntnis moralischer Normen noch eine religiöse Belohnung oder Bestrafung als Motivation.

Im zweiten Schritt beschäftigt sich Kant mit den Folgen moralischen Handelns. Auch wenn der Mensch keinen Zweck benötigt, um moralisch zu handeln, stellt sich für ihn die Frage, worauf moralisches Handeln letztlich hinausläuft.

Dadurch gelangt Kant zur Idee des höchsten Guts. Moralisches Handeln und Glück sollen in einer letzten Perspektive miteinander verbunden gedacht werden können. Da diese Verbindung in der erfahrbaren Welt nicht zuverlässig gegeben ist, gelangt Kant zur Annahme eines höheren moralischen Wesens.

Damit erhält die Gottesidee eine besondere Funktion. Gott begründet nicht die moralische Verpflichtung, sondern wird im Zusammenhang mit der Frage nach dem letzten Ziel moralischen Handelns gedacht.

Die Reihenfolge von Kants Argumentation ist daher entscheidend: Nicht Religion führt zur Moral, sondern Moral führt nach Kant letztlich zur Religion.


Aufgabe 5: Erklären Sie Kants Aussage, dass die Idee Gottes „aus der Moral hervorgeht und nicht die Grundlage derselben“ ist.

Operator: Erklären

Musterantwort:

Mit dieser Aussage grenzt Kant zwei unterschiedliche Funktionen der Gottesidee voneinander ab. Gott ist für Kant nicht notwendig, damit Menschen erkennen können, was moralisch richtig oder falsch ist. Diese Erkenntnis ermöglicht die Vernunft.

Ein Mensch soll beispielsweise nicht deshalb die Wahrheit sagen, weil Gott es verlangt oder weil er auf eine Belohnung hofft. Er soll die Wahrheit sagen, weil er erkennt, dass Wahrhaftigkeit moralisch geboten ist.

Dennoch entsteht aus dem moralischen Denken eine weiterführende Frage. Der Mensch kann danach fragen, ob moralisches Handeln und Glück letztlich miteinander vereinbar sind. Kant bezeichnet diese Verbindung als höchstes Gut. In diesem Zusammenhang gelangt die praktische Vernunft zur Gottesidee.

Gott steht deshalb nicht am Anfang der Moralbegründung. Die Gottesidee entsteht vielmehr im weiteren Nachdenken über das Ziel und die Folgen moralischen Handelns.


Aufgabe 6: Vergleichen Sie Kants Verständnis moralischen Handelns mit einer religiösen Begründung von Moral, beispielsweise dem Doppelgebot der Liebe.

Operator: Vergleichen

Musterantwort:

Kant und das christliche Doppelgebot der Liebe können zu ähnlichen Forderungen für das konkrete Handeln führen. Beide können beispielsweise die Achtung anderer Menschen und verantwortungsvolles Handeln begründen.

Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch in der Begründung. Kant geht von der menschlichen Vernunft und Freiheit aus. Der Mensch soll moralische Verpflichtungen mit seiner Vernunft erkennen und aus Achtung vor dem moralischen Gesetz erfüllen. Ein göttliches Gebot ist für die grundlegende Erkenntnis der Pflicht nicht erforderlich.

Das Doppelgebot der Liebe stellt dagegen die Beziehung zu Gott und zum Mitmenschen in einen unmittelbaren Zusammenhang. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Mitmenschen bilden gemeinsam eine religiöse Orientierung für das Handeln.

Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass sowohl Kants Ethik als auch das Doppelgebot Handlungen verlangen können, die nicht ausschließlich dem eigenen Vorteil dienen. Der entscheidende Unterschied liegt in der Begründungsstruktur. Kant setzt bei der autonomen Vernunft an, während das Doppelgebot ausdrücklich in einem religiösen Zusammenhang steht.


Aufgabe 7: Beurteilen Sie die Aussage: „Ohne den Glauben an Gott gibt es keine Moral.“ Beziehen Sie Kants Position in Ihre Argumentation ein.

Operator: Beurteilen

Musterantwort:

Aus Kants Perspektive ist die Aussage abzulehnen. Für ihn ist der Mensch aufgrund seiner Vernunft grundsätzlich in der Lage, moralische Pflichten unabhängig von einem Glauben an Gott zu erkennen. Moralisches Handeln benötigt deshalb weder die Erwartung einer göttlichen Belohnung noch die Angst vor einer Bestrafung.

Für Kants Position spricht, dass moralische Normen dadurch grundsätzlich für Menschen mit unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen begründbar werden. Ein Mensch kann beispielsweise erkennen, dass Lügen oder Betrug problematisch sind, ohne diese Bewertung unmittelbar aus einem religiösen Gebot abzuleiten.

Gleichzeitig bedeutet dies nicht, dass Religion für moralisches Handeln bedeutungslos sein muss. Religiöse Überzeugungen können Menschen moralische Orientierung geben und sie zu verantwortungsvollem Handeln motivieren. Kant selbst verbindet die Moral schließlich mit einer religiösen Perspektive, indem er von der Idee des höchsten Guts zur Gottesidee gelangt.

Daher muss zwischen der Begründung von Moral und einer möglichen religiösen Motivation unterschieden werden. Nach Kant ist der Glaube an Gott keine notwendige Voraussetzung dafür, moralische Pflichten zu erkennen. Religion kann jedoch eine weiterführende Bedeutung für die Frage nach Sinn, Hoffnung und dem letzten Ziel moralischen Handelns besitzen.

Aufgabe 8: Erörtern Sie ausgehend von Kants Text die Frage, ob Menschen moralisch handeln sollten, auch wenn sie dadurch Nachteile erfahren und keine Belohnung erwarten können.


Operator: Erörtern

Musterantwort:

Für die Auffassung, moralisches Handeln müsse sich lohnen, könnte sprechen, dass Menschen häufig nach den Folgen ihres Handelns fragen. Wer durch Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft oder Gerechtigkeit ständig Nachteile erfährt, könnte sich fragen, warum er weiterhin entsprechend handeln sollte. Belohnungen können außerdem eine starke Motivation für erwünschtes Verhalten darstellen.

Kant wendet sich jedoch gegen eine solche Abhängigkeit der Moral von ihren Folgen. Wenn eine Handlung nur deshalb ausgeführt wird, weil sie einen Vorteil verspricht, wird sie nicht allein aufgrund ihrer moralischen Verpflichtung ausgeführt. Moralische Pflichten sollen nach Kant unabhängig davon gelten, ob ihre Erfüllung angenehm, vorteilhaft oder erfolgreich ist.

Gerade daran zeigt sich für Kant die Bedeutung menschlicher Freiheit. Ein Mensch kann sich für das moralisch Gebotene entscheiden, obwohl eine andere Handlung für ihn persönlich vorteilhafter wäre.

Allerdings ignoriert Kant die Frage nach den Folgen nicht vollständig. Seine Vorstellung des höchsten Guts zeigt, dass die Vernunft danach fragt, wie moralisches Handeln und Glück letztlich zusammenpassen können. Diese Hoffnung darf jedoch nicht zum eigentlichen Grund des moralischen Handelns werden.

Aus Kants Position ergibt sich somit eine anspruchsvolle Vorstellung von Moral: Die moralische Verpflichtung besteht unabhängig von persönlicher Belohnung. Die Frage nach Glück und einem sinnvollen Endzweck bleibt dennoch berechtigt und führt Kant schließlich zur religiösen Dimension seiner Ethik.

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