Der Text eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 innerhalb der Themenbereiche Gottesfrage, Gottesvorstellungen, Gottesbeweise, Glaube und Vernunft sowie Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Gotteserkenntnis. Seine besondere didaktische Qualität liegt in der dialogischen Struktur. Die Lernenden erhalten nicht eine einzelne philosophische Position, sondern begegnen unterschiedlichen Auffassungen, die miteinander in einen argumentativen Austausch treten. Dadurch eignet sich das Medium besonders zur Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit, Deutungsfähigkeit, Argumentationsfähigkeit und Urteilskompetenz.
Als Einstieg bietet sich eine problemorientierte Fragestellung an: „Kann man von der Ordnung der Welt auf die Existenz Gottes schließen?“ Die Lernenden können zunächst spontan Argumente für unterschiedliche Antworten sammeln. Alternativ kann ein komplexer Gegenstand betrachtet werden, beispielsweise eine Uhr. Die Lernenden überlegen, aufgrund welcher Merkmale sie davon ausgehen, dass dieser Gegenstand geplant und hergestellt wurde. Anschließend kann die Frage gestellt werden, ob sich eine vergleichbare Argumentation auf die Natur oder das Universum übertragen lässt. Damit wird die Grundstruktur von Cleanthes Argumentation vorbereitet, ohne seine Position bereits vorzugeben.
Bei der Textarbeit sollte aufgrund der anspruchsvollen Sprache eine schrittweise Erschließung erfolgen. Die Lernenden können den Text zunächst in Sinnabschnitte gliedern und anschließend die Positionen von Demea, Cleanthes und Philo getrennt herausarbeiten. Eine Tabelle mit den Kategorien Position zur Erkenntnis Gottes, zentrale Begründung, verwendetes Beispiel und mögliche Einwände kann die Ergebnisse sichern. Entscheidend ist, dass die Lernenden erkennen, dass die Gesprächspartner unterschiedliche Antworten auf dieselbe Grundfrage geben.
Demeas Position ermöglicht eine Beschäftigung mit der Frage nach der angemessenen Rede von Gott. Die Lernenden können herausarbeiten, dass Begriffe wie Weisheit, Denken und Erkenntnis ursprünglich menschliche Begriffe sind. Wenn solche Begriffe auf Gott angewendet werden, stellt sich die Frage, ob damit tatsächlich Gottes Wesen beschrieben wird oder lediglich eine begrenzte menschliche Vorstellung zum Ausdruck kommt. Hier bietet sich eine Verbindung zur theologischen Frage nach der Unbegreiflichkeit Gottes und zu Möglichkeiten metaphorischer Rede von Gott an.
Besondere Aufmerksamkeit sollte Cleanthes Argumentation erhalten. Seine Überlegung kann zunächst in einzelne Argumentationsschritte zerlegt werden. Die Welt weist Ordnung und eine Zuordnung von Mitteln und Zwecken auf. Von Menschen geschaffene Gegenstände weisen ebenfalls Ordnung und Zweckmäßigkeit auf. Bei menschlichen Erzeugnissen lässt sich diese Ordnung auf einen intelligenten Urheber zurückführen. Aufgrund der angenommenen Ähnlichkeit der Wirkungen schließt Cleanthes auf eine Ähnlichkeit der Ursachen. Daraus ergibt sich die Annahme eines intelligenten Urhebers der Natur. Die Lernenden können diesen Gedankengang in eigenen Worten formulieren und anschließend grafisch darstellen.
In diesem Zusammenhang sollte der Begriff des Analogieschlusses eingeführt und gesichert werden. Die Lernenden erkennen, dass Cleanthes nicht unmittelbar von der Natur auf Gott schließt, sondern einen Vergleich zwischen menschlichen Erzeugnissen und der natürlichen Welt verwendet. Dies eröffnet die Möglichkeit, die Voraussetzungen eines solchen Schlusses kritisch zu überprüfen.
Anschließend wird Philos Kritik untersucht. Dabei ist besonders die Bedeutung der Erfahrung herauszuarbeiten. Philo bestreitet nicht grundsätzlich, dass Menschen aufgrund wiederholter Erfahrungen Schlüsse ziehen können. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen die Übertragung dieser Methode auf einen Fall, für den keine vergleichbare Erfahrung vorhanden ist. Während Menschen wiederholt beobachten können, dass Feuer brennt oder ein Stein fällt, verfügen sie nicht über wiederholte Erfahrungen von der Entstehung von Universen. Nach Philo wird ein Analogieschluss umso unsicherer, je geringer die Ähnlichkeit der verglichenen Fälle ist.
Zur methodischen Vertiefung können die Lernenden Cleanthes und Philo in einem strukturierten Streitgespräch vertreten. Eine Gruppe rekonstruiert Cleanthes Argumentation, eine zweite Gruppe entwickelt Philos Einwände und eine dritte Gruppe beobachtet die Diskussion anhand vorher festgelegter Kriterien. Im Mittelpunkt sollte nicht die persönliche religiöse Überzeugung stehen, sondern die Frage nach der Qualität und Reichweite der jeweiligen Argumente.
Der Text bietet sich außerdem für einen Vergleich mit klassischen Gottesbeweisen an. Cleanthes Argumentation kann mit dem teleologischen Gottesbeweis in Beziehung gesetzt werden. Die Lernenden können untersuchen, inwiefern Ordnung, Zweckmäßigkeit und Komplexität der Welt als Hinweise auf einen Schöpfer verstanden werden können. Zugleich sollte zwischen einem Beweis im strengen philosophischen Sinn und einem Argument unterschieden werden, das eine bestimmte Deutung der Welt plausibel machen soll.
Eine weitere Vertiefungsmöglichkeit besteht in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen. Die Lernenden können diskutieren, ob die Grenzen philosophischer Gotteserkenntnis zwangsläufig gegen religiösen Glauben sprechen. Gerade Demeas Position ermöglicht die Einsicht, dass die Behauptung der Unbegreiflichkeit Gottes selbst Bestandteil einer religiösen Position sein kann. Damit lässt sich herausarbeiten, dass die Frage, ob Gott existiert, von der Frage unterschieden werden muss, was Menschen über Gott wissen und aussagen können.
Für die Ergebnissicherung bietet sich ein Schaubild mit drei Positionen an. Demea steht für die Betonung der Unbegreiflichkeit Gottes, Cleanthes für den Schluss von der Ordnung der Welt auf einen intelligenten Urheber und Philo für die skeptische Prüfung der Reichweite eines solchen Schlusses. Abschließend können die Lernenden ein begründetes Sachurteil zur Tragfähigkeit des Analogieschlusses formulieren. Dabei sollte zwischen der persönlichen Glaubensentscheidung und der philosophischen Beurteilung eines Arguments unterschieden werden.
4. Prüfungsfragen für eine Klausur der Klasse 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1: Beschreiben Sie die unterschiedlichen Positionen von Demea, Cleanthes und Philo zur Möglichkeit menschlicher Gotteserkenntnis.
Operator: Beschreiben
Musterantwort:
Demea betont, dass Gott die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten grundsätzlich übersteigt. Zwar verwenden Menschen Begriffe wie Weisheit, Denken oder Erkenntnis, wenn sie von Gott sprechen, doch dürfen diese Begriffe seiner Auffassung nach nicht so verstanden werden, als seien Gottes Eigenschaften mit menschlichen Eigenschaften identisch.
Cleanthes vertritt dagegen die Auffassung, dass Menschen aufgrund ihrer Erfahrung zumindest bestimmte Aussagen über Gott treffen können. Er betrachtet die Ordnung und Zweckmäßigkeit der Natur und schließt daraus auf einen intelligenten Urheber. Da die Welt in ihrer Ordnung menschlichen Erzeugnissen ähnlich erscheine, könne auch ihre Ursache einem menschlichen Geist in bestimmter Hinsicht ähnlich sein.
Philo vertritt eine skeptische Position. Er betont, dass menschliche Vorstellungen auf Erfahrung beruhen. Da Menschen jedoch keine unmittelbare Erfahrung von Gottes Eigenschaften oder von der Entstehung des Universums besitzen, hält er weitreichende Aussagen über Gott für problematisch. Besonders kritisiert er den Analogieschluss von der Welt auf einen göttlichen Urheber.
Aufgabe 2: Arbeiten Sie den Argumentationsgang des von Cleanthes vertretenen Gottesbeweises heraus.
Operator: Herausarbeiten
Musterantwort:
Cleanthes geht zunächst von der Beobachtung der Welt aus. Die Natur erscheint ihm als ein geordnetes Ganzes, dessen einzelne Bestandteile aufeinander abgestimmt sind. Zur Verdeutlichung vergleicht er die Welt mit einer großen Maschine, die aus zahlreichen kleineren Maschinen besteht.
Im nächsten Schritt stellt Cleanthes eine Analogie zu menschlichen Erzeugnissen her. Maschinen und andere planmäßig hergestellte Gegenstände entstehen durch menschliche Absicht, Vernunft und Einsicht. Wenn die Natur eine vergleichbare, sogar noch größere Ordnung aufweist, liegt für Cleanthes der Schluss nahe, dass auch hinter der Natur eine intelligente Ursache steht.
Seine Argumentation folgt damit der Struktur: Ähnliche Wirkungen lassen auf ähnliche Ursachen schließen. Da die geordnete Welt einem geplanten menschlichen Werk ähnlich sei, müsse ihre Ursache ebenfalls einem intelligenten Geist ähnlich sein. Diese Ursache bezeichnet Cleanthes als Gott.
Es handelt sich um einen Schluss a posteriori, weil die Argumentation bei der beobachtbaren Welt und damit bei der Erfahrung beginnt und von dort aus auf eine nicht unmittelbar beobachtbare Ursache schließt.
Aufgabe 3: Erläutern Sie die Bedeutung des Vergleichs der Welt mit einer Maschine für Cleanthes Argumentation.
Operator: Erläutern
Musterantwort:
Der Maschinenvergleich bildet den Mittelpunkt von Cleanthes Argumentation. Menschen wissen aus Erfahrung, dass eine komplizierte Maschine nicht zufällig entsteht, sondern geplant und hergestellt wird. Ihre einzelnen Bestandteile sind so angeordnet, dass sie gemeinsam eine bestimmte Funktion erfüllen. Aus dieser Ordnung schließen Menschen auf einen intelligenten Hersteller.
Cleanthes überträgt dieses Prinzip auf die Natur. Auch dort erkennt er eine Ordnung, in der einzelne Bestandteile aufeinander abgestimmt erscheinen. Weil die Wirkung ähnlich sei, nimmt er auch eine ähnliche Ursache an. Wenn eine Maschine einen intelligenten Konstrukteur voraussetzt, soll die noch komplexere Ordnung der Welt auf einen entsprechend mächtigeren intelligenten Urheber hinweisen.
Der Vergleich ist deshalb entscheidend, weil Cleanthes Gott nicht unmittelbar beobachtet. Die Existenz eines göttlichen Urhebers wird vielmehr aus einer Analogie zwischen menschlichen Erzeugnissen und der Natur erschlossen.
Aufgabe 4: Analysieren Sie Philos Kritik an dem von Cleanthes vertretenen Analogieschluss.
Operator: Analysieren
Musterantwort:
Philos Kritik setzt bei der Bedeutung der Erfahrung für menschliche Schlussfolgerungen an. Er akzeptiert grundsätzlich, dass Menschen aufgrund wiederholter Erfahrungen Erwartungen entwickeln können. Wenn Menschen beispielsweise immer wieder beobachten, dass ein Stein fällt oder Feuer brennt, können sie bei vergleichbaren Bedingungen mit großer Sicherheit einen ähnlichen Verlauf erwarten.
Entscheidend ist für Philo jedoch die Ähnlichkeit der Fälle. Je stärker ein neuer Fall von den bereits beobachteten Fällen abweicht, desto unsicherer wird der daraus gezogene Schluss. Genau darin sieht er das Problem von Cleanthes Argumentation.
Menschen besitzen Erfahrungen mit der Herstellung von Maschinen und anderen menschlichen Gegenständen. Sie besitzen jedoch keine vergleichbare Erfahrung von der Herstellung einer Welt. Deshalb ist für Philo nicht ausreichend begründet, menschliche Produkte und das gesamte Universum als hinreichend vergleichbare Fälle zu behandeln.
Philo greift damit vor allem die Grundlage des Analogieschlusses an. Selbst wenn eine gewisse Ähnlichkeit zwischen der Ordnung einer Maschine und der Ordnung der Natur angenommen wird, folgt daraus nach seiner Argumentation nicht mit derselben Sicherheit, dass auch die jeweiligen Ursachen ähnlich sein müssen. Der Schluss auf einen intelligenten göttlichen Urheber bleibt deshalb für ihn unsicher.
Aufgabe 5: Vergleichen Sie die Positionen von Demea und Philo hinsichtlich der Grenzen menschlicher Aussagen über Gott.
Operator: Vergleichen
Musterantwort:
Demea und Philo stimmen darin überein, dass die menschliche Erkenntnis Gottes begrenzt ist. Beide warnen davor, menschliche Vorstellungen unmittelbar auf Gott zu übertragen.
Die Begründungen unterscheiden sich jedoch. Demea argumentiert vor allem von der Erhabenheit und Unbegreiflichkeit Gottes her. Gott ist für ihn ein vollkommenes Wesen, das den begrenzten menschlichen Verstand übersteigt. Menschliche Begriffe können daher Gottes Eigenschaften nicht angemessen erfassen.
Philo argumentiert stärker erkenntnistheoretisch. Für ihn reichen menschliche Vorstellungen grundsätzlich nicht über die Erfahrung hinaus. Da Menschen keine Erfahrung von Gottes Eigenschaften und Handlungen besitzen, können sie darüber keine sicheren Aussagen treffen.
Beide Positionen begrenzen somit die menschliche Gotteserkenntnis, gehen dabei jedoch von unterschiedlichen Voraussetzungen aus. Demea betont die Transzendenz Gottes, während Philo die Grenzen menschlicher Erfahrung und Erkenntnis hervorhebt.
Aufgabe 6: Beurteilen Sie die Tragfähigkeit von Cleanthes Schluss von der Ordnung der Welt auf einen intelligenten göttlichen Urheber. Berücksichtigen Sie dabei Philos Kritik.
Operator: Beurteilen
Musterantwort:
Für Cleanthes Argument spricht zunächst, dass Menschen im Alltag tatsächlich häufig von einer erkennbaren Ordnung auf eine planende Ursache schließen. Bei einer komplizierten Maschine erscheint die Annahme eines Konstrukteurs aufgrund unserer Erfahrung nachvollziehbar. Cleanthes überträgt dieses bekannte Erklärungsmuster auf die Natur und macht damit seine Vorstellung eines intelligenten Schöpfers anschaulich.
Philos Kritik zeigt jedoch eine wesentliche Schwierigkeit dieses Schlusses. Der Analogieschluss setzt eine hinreichende Ähnlichkeit zwischen den verglichenen Gegenständen voraus. Eine von Menschen hergestellte Maschine und das gesamte Universum unterscheiden sich jedoch erheblich. Zudem besitzen Menschen Erfahrungen mit der Herstellung von Maschinen, nicht aber mit der Entstehung von Universen. Deshalb kann die bekannte Ursache einer Maschine nicht ohne weitere Begründung auf die Ursache des Universums übertragen werden.
Ein weiteres Problem besteht darin, dass selbst die Annahme einer intelligenten Ursache noch nicht automatisch alle Eigenschaften beweist, die Religionen Gott zuschreiben. Aus der wahrgenommenen Ordnung der Natur folgt beispielsweise nicht unmittelbar, dass deren Ursache allmächtig, vollkommen oder persönlich sein muss.
Cleanthes Argument kann somit als Versuch verstanden werden, die Ordnung der Welt religiös zu deuten. Philos Einwände zeigen jedoch, dass der Analogieschluss allein keinen zwingenden Nachweis für die Existenz und die konkreten Eigenschaften Gottes liefert.
Aufgabe 7: Erörtern Sie ausgehend von Humes Text die Frage, ob Gott mit den Mitteln der menschlichen Vernunft erkannt werden kann.
Operator: Erörtern
Musterantwort:
Für die Möglichkeit einer vernünftigen Erkenntnis Gottes lässt sich Cleanthes Argument anführen. Der Mensch kann die Natur beobachten und versuchen, aus ihren Eigenschaften Rückschlüsse auf ihre Ursache zu ziehen. Ordnung, Gesetzmäßigkeit und Zweckmäßigkeit können dabei als Hinweise auf einen intelligenten Ursprung interpretiert werden. Ein solcher Ansatz ermöglicht es, religiöse Aussagen mit vernünftigen Überlegungen zu verbinden.
Dagegen sprechen die von Philo aufgezeigten Grenzen der Erfahrung. Menschliche Erkenntnis beruht wesentlich auf Erfahrungen innerhalb der Welt. Aussagen über den Ursprung der gesamten Welt überschreiten diesen gewöhnlichen Erfahrungsbereich. Ein Schluss von menschlichen Gegenständen auf das Universum kann deshalb nur dann überzeugen, wenn die vorausgesetzte Ähnlichkeit hinreichend begründet werden kann.
Demeas Position eröffnet eine weitere Perspektive. Wenn Gott als ein Wesen verstanden wird, das die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten grundsätzlich übersteigt, könnte bereits der Versuch problematisch sein, Gott mit menschlichen Kategorien vollständig zu erfassen. In diesem Fall wären Begriffe wie Denken, Weisheit und Absicht nur begrenzte menschliche Möglichkeiten, über Gott zu sprechen.
Die Frage nach der vernünftigen Erkenntnis Gottes hängt somit auch davon ab, was unter Erkenntnis verstanden wird. Die Vernunft kann Argumente für und gegen bestimmte Vorstellungen von Gott untersuchen und deren Voraussetzungen überprüfen. Ob sie damit Gottes Existenz und Wesen vollständig erkennen kann, bleibt im Dialog gerade Gegenstand der philosophischen Auseinandersetzung. Humes Text eignet sich deshalb dazu, zwischen philosophischer Begründung, religiöser Deutung und persönlichem Glauben zu unterscheiden.