Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 im Zusammenhang mit den Themen Wahrheit, Wirklichkeit, Erkenntnis, Religion und Wissenschaft sowie religiöse Weltdeutung. Der Text besitzt den didaktischen Vorteil, dass ein abstraktes erkenntnistheoretisches Problem anhand einer konkreten Alltagssituation dargestellt wird. Die Lernenden können dadurch nachvollziehen, dass unterschiedliche Wahrnehmungen desselben Gegenstandes nicht zwangsläufig bedeuten, dass der Gegenstand selbst nicht existiert oder dass jede Wahrnehmung gleichermaßen zutreffend sein muss.
Als Einstieg kann ein Gegenstand im Klassenraum aus unterschiedlichen Positionen betrachtet werden. Mehrere Lernende beschreiben beispielsweise denselben Gegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln. Anschließend wird gefragt, ob die unterschiedlichen Beschreibungen bedeuten, dass mehrere Gegenstände existieren, ob nur eine Beschreibung richtig sein kann oder ob unterschiedliche Beschreibungen desselben Gegenstandes gleichzeitig zutreffen können. Auf diese Weise wird das philosophische Grundproblem zunächst ohne Fachbegriffe erschlossen.
Anschließend kann das Vesuvbeispiel gelesen werden. Die Lernenden erhalten den Auftrag, die drei dargestellten philosophischen Positionen herauszuarbeiten. Dabei empfiehlt sich eine Gegenüberstellung der klassischen Position, des Konstruktivismus und des Neuen Realismus. Die Lernenden formulieren jeweils in eigenen Worten, was nach der betreffenden Position als wirklich angesehen wird. Entscheidend ist dabei, dass der Neue Realismus nicht einfach behauptet, jede Perspektive sei gleich wahr. Vielmehr erkennt er sowohl die Existenz eines Gegenstandes als auch die Existenz verschiedener tatsächlicher Perspektiven auf diesen Gegenstand an.
Zur Sicherung kann das Vesuvbeispiel visualisiert werden. In der Mitte steht der Vesuv. Um ihn herum werden Astrid in Sorrent sowie die beiden betrachtenden Personen in Neapel dargestellt. Pfeile symbolisieren die jeweiligen Wahrnehmungen. Die Lernenden ergänzen anschließend, welche Elemente nach den drei philosophischen Positionen jeweils zur Wirklichkeit gehören. Dadurch werden die Unterschiede zwischen den Positionen sichtbar und können leichter sprachlich beschrieben werden.
Eine vertiefende Aufgabe kann sich mit dem Begriff der Perspektivität beschäftigen. Die Lernenden sammeln Beispiele dafür, dass ein und derselbe Sachverhalt aus verschiedenen Perspektiven unterschiedlich erscheinen kann. Geeignet sind alltägliche Erfahrungen, Konflikte, historische Ereignisse oder ästhetische Wahrnehmungen. Dabei sollte zwischen der Tatsache, dass unterschiedliche Perspektiven existieren, und der weitergehenden Behauptung unterschieden werden, alle Aussagen seien deshalb gleichermaßen wahr. Diese Differenzierung ist für die Auseinandersetzung mit Relativismus besonders wichtig.
Für den Religionsunterricht bietet sich anschließend eine Übertragung auf religiöse Wirklichkeitsdeutungen an. Die Lernenden können beispielsweise die Frage untersuchen, ob die Welt ausschließlich als naturwissenschaftlich beschreibbare Wirklichkeit betrachtet werden muss oder ob Menschen dieselbe Wirklichkeit zusätzlich religiös deuten können. Ein Mensch kann einen Sonnenaufgang als physikalischen Vorgang beschreiben und zugleich als religiös bedeutsame Erfahrung wahrnehmen. Beide Aussagen beziehen sich auf denselben Vorgang, behandeln jedoch unterschiedliche Aspekte. Daraus ergibt sich die Frage, ob naturwissenschaftliche und religiöse Perspektiven grundsätzlich miteinander konkurrieren oder unterschiedliche Dimensionen von Wirklichkeit erschließen können.
Besonders produktiv ist die Übertragung auf die Frage nach Gott. Die Lernenden können untersuchen, ob unterschiedliche religiöse Vorstellungen von Gott mit den verschiedenen Perspektiven auf den Vesuv vergleichbar sind und wo die Grenzen dieses Vergleichs liegen. Beim Vesuv ist die Existenz eines empirisch wahrnehmbaren Gegenstandes vorausgesetzt. Bei der Gottesfrage ist dagegen gerade umstritten, ob und in welcher Weise sich der Gegenstand religiöser Aussagen als Wirklichkeit bestimmen lässt. Die Analogie darf deshalb nicht vorschnell dazu verwendet werden, die Existenz Gottes zu beweisen. Sie kann jedoch verdeutlichen, dass unterschiedliche Wahrnehmungen oder Deutungen nicht allein deshalb beliebig sein müssen, weil sie perspektivisch sind.
Eine weitere Möglichkeit besteht in der Anwendung auf religiöse Pluralität. Christentum, Judentum, Islam und andere Religionen formulieren unterschiedliche Aussagen über Gott, Mensch und Welt. Die Lernenden können prüfen, ob diese Unterschiede als verschiedene Perspektiven auf dieselbe Wirklichkeit verstanden werden können. Dabei muss zugleich berücksichtigt werden, dass religiöse Aussagen einander teilweise widersprechen können. Der Neue Realismus kann deshalb als Ausgangspunkt für die Frage dienen, wie Perspektivenvielfalt und Wahrheitsanspruch miteinander verbunden werden können, ohne automatisch in einen vollständigen Relativismus zu führen.
Methodisch bietet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Eine Gruppe erschließt die im Text dargestellte klassische Position, eine zweite den Konstruktivismus und eine dritte den Neuen Realismus. Eine weitere Gruppe entwickelt mögliche Konsequenzen des Neuen Realismus für religiöse Wahrheitsansprüche. Anschließend präsentieren die Gruppen ihre Ergebnisse und prüfen gemeinsam, welche Stärken und Schwierigkeiten die jeweiligen Positionen besitzen.
Als Vertiefung kann eine philosophische Diskussion durchgeführt werden. Ausgangsthese ist beispielsweise die Aussage „Dass Menschen die Wirklichkeit unterschiedlich wahrnehmen, bedeutet nicht, dass es keine Wirklichkeit unabhängig von ihnen gibt“. Die Lernenden sammeln Argumente, beziehen die Positionen des Mediums ein und entwickeln ein begründetes Urteil. Alternativ kann die These „Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit“ untersucht werden. Dabei sollten die Lernenden zwischen eigener Perspektive, eigener Meinung und Wahrheit unterscheiden.
Das Medium lässt sich zudem gut mit der Frage nach religiöser Sprache verbinden. Aussagen wie „Gott ist Schöpfer“, „Die Welt ist Schöpfung“ oder „Der Mensch ist Ebenbild Gottes“ können daraufhin untersucht werden, welchen Wirklichkeitsanspruch sie besitzen. Die Lernenden können fragen, ob solche Aussagen Tatsachen im selben Sinne beschreiben wie die Aussage „Der Vesuv ist ein Vulkan“ oder ob sie Wirklichkeit auf eine andere Weise deuten. Dadurch entsteht eine Verbindung zwischen Erkenntnistheorie und Theologie.
Als Ergebnissicherung können die Lernenden ein Begriffsnetz mit den Begriffen Wirklichkeit, Tatsache, Perspektive, Wahrnehmung, Wahrheit, Konstruktion, Realismus, Konstruktivismus und Religion erstellen. Abschließend formulieren sie in wenigen Sätzen, was sie unter dem Neuen Realismus verstehen und welche Bedeutung diese Position für die Frage nach unterschiedlichen religiösen und nicht religiösen Wirklichkeitsdeutungen besitzen könnte.
Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1: Beschreiben Sie das Vesuvbeispiel, mit dem Markus Gabriel den Neuen Realismus veranschaulicht.
Musterantwort:
Gabriel stellt sich eine Situation vor, in der Astrid den Vesuv von Sorrent aus betrachtet, während zwei andere Personen ihn von Neapel aus betrachten. Dadurch gibt es den Vesuv selbst sowie unterschiedliche Perspektiven auf ihn. Der Vesuv sieht von Sorrent anders aus als von Neapel. Zusätzlich können verschiedene Menschen bei seiner Betrachtung unterschiedliche Wahrnehmungen und Empfindungen haben. Gabriel nutzt dieses Beispiel, um zu zeigen, dass sowohl der Gegenstand selbst als auch die verschiedenen Perspektiven auf diesen Gegenstand zur Wirklichkeit gehören können.
Aufgabe 2: Erläutern Sie die Unterschiede zwischen klassischem Realismus, Konstruktivismus und Neuem Realismus anhand des Vesuvbeispiels.
Musterantwort:
Der im Text dargestellte klassische Realismus konzentriert sich auf den Vesuv als einen unabhängig von seinen Betrachtern existierenden Gegenstand. Unterschiedliche Perspektiven verändern nach dieser Position nichts an der Existenz des Vesuvs.
Der Konstruktivismus betont dagegen die unterschiedlichen Perspektiven der Menschen. Im Text wird diese Position so dargestellt, dass es den Vesuv für Astrid und jeweils einen Vesuv für die anderen betrachtenden Personen gibt. Ein unabhängig davon bestehender Gegenstand wird entweder bestritten oder als für Menschen nicht erkennbar angesehen.
Der Neue Realismus versucht nach Gabriel, beide Seiten miteinander zu verbinden. Der Vesuv existiert als Gegenstand. Gleichzeitig existieren aber auch die unterschiedlichen Perspektiven auf ihn. Es ist eine Tatsache, dass der Vesuv existiert, und ebenfalls eine Tatsache, dass er von verschiedenen Orten oder Personen unterschiedlich wahrgenommen wird. Wirklichkeit umfasst damit sowohl den Gegenstand als auch tatsächliche Perspektiven auf diesen Gegenstand.
Aufgabe 3: Analysieren Sie, wie Gabriel seine Position des Neuen Realismus gegenüber den beiden anderen Positionen begründet.
Musterantwort:
Gabriel kritisiert zunächst die Vereinfachung der Wirklichkeit durch die beiden anderen Positionen. Die von ihm dargestellte klassische Position konzentriert sich seiner Auffassung nach zu stark auf eine Wirklichkeit unabhängig vom Betrachter. Der Konstruktivismus konzentriert sich dagegen zu stark auf die Perspektiven der betrachtenden Menschen.
Gabriel versucht diese Gegenüberstellung zu überwinden. Am Vesuvbeispiel zeigt er, dass unterschiedliche Arten von Tatsachen gleichzeitig bestehen können. Es ist eine Tatsache, dass der Vesuv ein Vulkan ist. Gleichzeitig ist es eine Tatsache, dass er von Sorrent anders aussieht als von Neapel. Auch die Wahrnehmungen und Empfindungen eines Menschen sind nach Gabriel Tatsachen.
Seine Argumentation zielt deshalb darauf, Gegenstand und Perspektive nicht gegeneinander auszuspielen. Wirklichkeit besteht für ihn nicht ausschließlich unabhängig von Menschen, sie wird aber auch nicht vollständig durch menschliche Vorstellungen erzeugt. Der Neue Realismus soll beide Dimensionen berücksichtigen.
Aufgabe 4: Erläutern Sie die Aussage „Die Welt ist weder ausschließlich die Welt ohne Zuschauer noch ausschließlich die Welt der Zuschauer“.
Musterantwort:
Mit der „Welt ohne Zuschauer“ ist eine Vorstellung von Wirklichkeit gemeint, bei der ausschließlich die von menschlichen Wahrnehmungen unabhängigen Gegenstände berücksichtigt werden. Die „Welt der Zuschauer“ bezeichnet dagegen eine Auffassung, bei der die menschlichen Perspektiven und Vorstellungen in den Mittelpunkt gestellt werden.
Gabriel kritisiert beide Einseitigkeiten. Menschen begegnen einer Wirklichkeit, die nicht vollständig von ihnen erzeugt wird. Gleichzeitig gehören ihre tatsächlichen Wahrnehmungen, Gedanken und Empfindungen ebenfalls zur Wirklichkeit. Wenn ein Mensch den Vesuv betrachtet, existiert daher nicht nur der Vulkan. Es existiert auch die Tatsache, dass dieser Mensch den Vulkan aus einer bestimmten Perspektive wahrnimmt.
Die Aussage fasst damit einen Grundgedanken des Neuen Realismus zusammen: Eine angemessene Beschreibung der Wirklichkeit muss sowohl die Gegenstände als auch die tatsächlichen menschlichen Perspektiven berücksichtigen.
Aufgabe 5: Vergleichen Sie die Aussagen „Der Vesuv ist ein Vulkan“ und „Der Vesuv wirkt auf mich bedrohlich“ hinsichtlich ihres Wahrheitsanspruchs.
Musterantwort:
Die Aussage „Der Vesuv ist ein Vulkan“ beschreibt eine Eigenschaft des Vesuvs, die unabhängig von der persönlichen Empfindung eines einzelnen Menschen untersucht werden kann. Die Aussage erhebt damit einen objektivierbaren Anspruch.
Die Aussage „Der Vesuv wirkt auf mich bedrohlich“ beschreibt dagegen die Wahrnehmung oder Empfindung einer bestimmten Person. Sie sagt zunächst nicht aus, dass der Vesuv für jeden Menschen bedrohlich sein muss. Dennoch kann auch diese Aussage wahr sein. Wenn eine Person beim Anblick des Vesuvs tatsächlich Bedrohung empfindet, ist ihre Empfindung eine Tatsache.
Der Neue Realismus ermöglicht damit die Anerkennung unterschiedlicher Arten von Tatsachen. Objektive Eigenschaften eines Gegenstandes und tatsächliche subjektive Empfindungen müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.
Aufgabe 6: Wenden Sie Gabriels Überlegungen zur Perspektivität auf das Verhältnis von naturwissenschaftlicher und religiöser Weltdeutung an.
Musterantwort:
Die Naturwissenschaft kann beispielsweise einen Sonnenaufgang anhand der Bewegung der Erde und physikalischer Vorgänge erklären. Ein religiöser Mensch kann denselben Sonnenaufgang zugleich als Erfahrung der Schönheit der Schöpfung deuten. Beide Perspektiven beschäftigen sich mit demselben Ereignis, richten ihre Aufmerksamkeit aber auf unterschiedliche Aspekte.
Mit Gabriels Überlegungen lässt sich argumentieren, dass die Existenz verschiedener Perspektiven nicht automatisch bedeutet, dass eine davon bedeutungslos ist. Allerdings folgt daraus auch nicht, dass alle Aussagen unabhängig von ihrem Inhalt gleichermaßen wahr sind.
Bei einem Vergleich von Religion und Naturwissenschaft muss deshalb geprüft werden, welche konkrete Aussage getroffen wird. Eine naturwissenschaftliche Erklärung und eine religiöse Sinndeutung können unterschiedliche Fragen beantworten. Treffen beide jedoch widersprüchliche Aussagen über denselben empirischen Sachverhalt, müssen die jeweiligen Begründungen untersucht werden.
Aufgabe 7: Beurteilen Sie die Aussage „Wenn Menschen einen Gegenstand unterschiedlich wahrnehmen, hat jeder seine eigene Wahrheit“. Beziehen Sie den Neuen Realismus in Ihre Begründung ein.
Musterantwort:
Die Tatsache, dass Menschen einen Gegenstand unterschiedlich wahrnehmen, bedeutet zunächst, dass unterschiedliche Perspektiven existieren. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jeder Mensch eine vollständig eigene Wahrheit besitzt.
Das Vesuvbeispiel verdeutlicht diesen Unterschied. Astrid kann den Vesuv von Sorrent anders sehen als eine Person in Neapel. Beide Perspektiven können tatsächlich existieren. Dennoch beziehen sie sich auf denselben Vesuv. Eine Person könnte außerdem eine falsche Aussage über ihn treffen, beispielsweise behaupten, der Vesuv sei kein Vulkan. Perspektivenvielfalt bedeutet deshalb nicht, dass jede Behauptung wahr ist.
Der Neue Realismus ermöglicht eine Unterscheidung zwischen der Wirklichkeit eines Gegenstandes und unterschiedlichen tatsächlichen Perspektiven auf ihn. Deshalb erscheint die Formulierung „Jeder hat seine eigene Perspektive“ genauer als die pauschale Aussage „Jeder hat seine eigene Wahrheit“.
Aufgabe 8: Erörtern Sie, ob der Neue Realismus einen geeigneten Ansatz für den Umgang mit unterschiedlichen religiösen Wahrheitsansprüchen bietet.
Musterantwort:
Für eine Anwendung des Neuen Realismus auf religiöse Wahrheitsansprüche spricht zunächst, dass diese Position unterschiedliche Perspektiven ernst nimmt, ohne daraus unmittelbar einen vollständigen Relativismus abzuleiten. Menschen können aufgrund ihrer Religion, ihrer Erfahrungen und ihrer kulturellen Prägung Wirklichkeit unterschiedlich wahrnehmen und deuten. Diese Perspektiven gehören zur menschlichen Wirklichkeit und können deshalb Gegenstand ernsthafter Auseinandersetzung sein.
Problematisch wäre jedoch die Schlussfolgerung, unterschiedliche Religionen seien lediglich verschiedene Blickwinkel auf denselben eindeutig vorausgesetzten Gegenstand. Beim Vesuv steht fest, dass die verschiedenen Personen denselben empirisch wahrnehmbaren Vulkan betrachten. Bei religiösen Aussagen ist dagegen teilweise gerade umstritten, worauf sich diese Aussagen beziehen und wie ihr Wahrheitsanspruch begründet werden kann. Außerdem können religiöse Überzeugungen einander in bestimmten Punkten widersprechen.
Der Neue Realismus kann daher dabei helfen, zwischen Wirklichkeit und Perspektivität zu unterscheiden. Für die Beurteilung konkreter religiöser Wahrheitsansprüche reicht diese Unterscheidung allein jedoch nicht aus. Zusätzlich müssen die jeweiligen Aussagen, Begründungen und religiösen Deutungen untersucht werden.
Aufgabe 9: Erörtern Sie die These „Unterschiedliche Perspektiven auf die Wirklichkeit schließen objektive Wahrheit nicht aus“.
Musterantwort:
Für die These spricht das Vesuvbeispiel. Menschen können denselben Gegenstand aus unterschiedlichen räumlichen Positionen betrachten und deshalb unterschiedliche Eindrücke gewinnen. Diese Unterschiede verändern jedoch nicht automatisch die Eigenschaften des betrachteten Gegenstandes. Der Vesuv bleibt beispielsweise ein Vulkan, unabhängig davon, ob er aus Sorrent oder Neapel betrachtet wird.
Auch im menschlichen Alltag gibt es zahlreiche perspektivische Aussagen. Ein Gebäude kann von einer Seite groß und von einer anderen Seite schmal erscheinen. Unterschiedliche Beschreibungen können sich ergänzen, sofern sie tatsächlich verschiedene Aspekte desselben Gegenstandes erfassen.
Allerdings können Perspektiven auch zu Fehlern führen. Nicht jede Behauptung wird dadurch wahr, dass eine Person sie aus ihrer persönlichen Perspektive vertritt. Deshalb müssen Perspektivität und Wahrheit unterschieden werden.
Die Existenz unterschiedlicher Perspektiven stellt die Möglichkeit objektiver Wahrheit somit nicht grundsätzlich infrage. Sie macht vielmehr deutlich, dass menschlicher Zugang zur Wirklichkeit häufig perspektivisch erfolgt und verschiedene zutreffende Beschreibungen miteinander verbunden werden können.
Aufgabe 10: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Frage, welche Bedeutung der Neue Realismus für das Verhältnis von Glauben und Wissen haben kann.
Musterantwort:
Der Neue Realismus kann für das Verhältnis von Glauben und Wissen bedeutsam sein, weil er darauf aufmerksam macht, dass Wirklichkeit nicht auf eine einzige menschliche Perspektive reduziert werden sollte. Wissenschaftliche Erkenntnisse beschreiben bestimmte Aspekte der Wirklichkeit mit wissenschaftlichen Methoden. Religiöser Glaube kann dagegen Wirklichkeit unter Fragen nach Gott, Sinn, Hoffnung und Verantwortung deuten.
Daraus folgt allerdings nicht automatisch, dass Glauben und Wissen immer widerspruchsfrei nebeneinanderstehen. Wenn religiöse und wissenschaftliche Aussagen denselben empirischen Sachverhalt unterschiedlich beschreiben, muss der konkrete Widerspruch untersucht werden. Ebenso darf eine religiöse Aussage nicht allein deshalb als wahr angesehen werden, weil sie eine bestimmte Perspektive ausdrückt.
Der Neue Realismus kann deshalb vor allem als Anregung dienen, weder die objektive Wirklichkeit noch die Bedeutung menschlicher Perspektiven zu vernachlässigen. Für das Verhältnis von Glauben und Wissen eröffnet dies die Möglichkeit, unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit ernst zu nehmen und zugleich ihre jeweiligen Wahrheitsansprüche kritisch zu prüfen.