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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Der Wert der Wahrheit

Veröffentlichung:1.1.2009

Das Medium „Der Wert der Wahrheit“ setzt sich mit der Bedeutung von Wahrheit für Wissen, Freiheit und menschliches Handeln auseinander und richtet sich dabei insbesondere gegen relativistische und konstruktivistische Auffassungen von Wahrheit. Der Autor vertritt die Position, dass Menschen auf Wahrheit angewiesen sind, um sich vernünftig in der Wirklichkeit orientieren und diese erfolgreich verändern zu können. An Beispielen wie der historischen Tatsache der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki, den wissenschaftlichen Erkenntnissen über Kernspaltung sowie der Newtonschen Physik verdeutlicht er, dass zwischen wahren Aussagen über die Wirklichkeit und bloßen Konstruktionen unterschieden werden müsse. Wissenschaftliche Theorien bewähren sich nach seiner Argumentation unter anderem dadurch, dass auf ihrer Grundlage funktionierende Technologien entwickelt werden können. Wahrheit erscheint damit als notwendige Voraussetzung von Wissen, wobei Wissen als wahre und begründete Meinung verstanden wird. Zugleich kritisiert der Autor eine Philosophie, die wissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse Erzählungen gleichermaßen als Konstruktionen betrachtet, ohne deren unterschiedliche Beziehung zur empirischen Wirklichkeit ausreichend berücksichtigen zu können. Für den Religionsunterricht ist besonders diese Gegenüberstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Märchen und religiösen Erzählungen bedeutsam, da sie die Frage aufwirft, ob und nach welchen Kriterien unterschiedliche Formen von Wahrheitsansprüchen beurteilt werden können.

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Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 besonders zur Auseinandersetzung mit den Themen Wahrheit, Wirklichkeit, Wissen, Glaube, Wissenschaft und Religion. Der Text besitzt ein hohes didaktisches Potenzial, weil er eine klare und zugleich provokante Position vertritt. Die Lernenden können dadurch nicht nur einen philosophischen Gedankengang rekonstruieren, sondern dessen Voraussetzungen und Konsequenzen kritisch untersuchen. Ein wesentliches Lernziel besteht darin, zwischen der Frage nach der Wahrheit einer Aussage, der Begründung einer Aussage und der praktischen Nützlichkeit einer Erkenntnis unterscheiden zu können.

Als Einstieg können den Lernenden einzelne Aussagen aus unterschiedlichen Bereichen präsentiert werden, beispielsweise „Die Erde bewegt sich um die Sonne“, „Über Hiroshima wurde 1945 eine Atombombe abgeworfen“, „Gott hat die Welt geschaffen“, „Das Leben hat einen Sinn“ und „Dieser Film ist schön“. Die Lernenden ordnen die Aussagen danach, wie deren Wahrheit begründet oder überprüft werden könnte. Dabei können Kategorien wie empirische Überprüfung, historische Quellen, logische Argumentation, persönliche Erfahrung, religiöser Glaube und subjektive Bewertung entwickelt werden. Die Übung führt unmittelbar zu der Frage, ob für alle Aussagen derselbe Wahrheitsbegriff und dieselben Kriterien der Begründung gelten können.

In der anschließenden Texterschließung sollte zunächst die Hauptthese herausgearbeitet werden. Die Lernenden können Textstellen markieren, in denen der Autor die Bedeutung von Wahrheit begründet. Danach werden die einzelnen Beispiele untersucht. Besonders geeignet ist eine Tabelle mit den Kategorien „Beispiel“, „Behauptung“, „Begründung“, „Funktion im Argument“ und „möglicher Einwand“. Auf diese Weise erkennen die Lernenden, dass die Beispiele nicht lediglich der Veranschaulichung dienen, sondern bestimmte argumentative Aufgaben erfüllen.

Besondere Aufmerksamkeit verdient das Beispiel der Atombombe. Der Autor verbindet hier wissenschaftliche Erkenntnis, technische Anwendung und historische Wirklichkeit. Die Lernenden können den Gedankengang in einer Argumentationskette rekonstruieren: Wissenschaftliche Theorien beschreiben bestimmte Strukturen der Wirklichkeit. Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse wird Technik entwickelt. Die Technik funktioniert und verändert die Wirklichkeit. Daraus folgert der Autor, dass nicht beliebige Theorien dieselbe Erklärungskraft besitzen können. Anschließend sollte kritisch geprüft werden, ob das Funktionieren einer Technologie tatsächlich ausreicht, um die Wahrheit einer Theorie zu beweisen, oder ob dadurch zunächst ihre empirische Bewährung und Erklärungskraft gestützt wird. Diese Unterscheidung verhindert eine zu vereinfachte Gleichsetzung von technischer Nützlichkeit und Wahrheit.

Das Beispiel der Newtonschen Physik eignet sich besonders zur Differenzierung des Wahrheitsbegriffs. Die Lernenden können untersuchen, weshalb eine wissenschaftliche Theorie auch dann Erkenntniswert besitzen kann, wenn ihr Geltungsbereich später eingeschränkt wird. Der Text macht deutlich, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht zwingend bedeutet, dass frühere Theorien vollständig bedeutungslos werden. Vielmehr können Aussagen unter bestimmten Bedingungen weiterhin zutreffen oder als hinreichend genaue Beschreibungen verwendet werden. Damit kann zugleich einem vereinfachten Verständnis entgegengewirkt werden, nach dem Wissenschaft entweder endgültige Wahrheit liefere oder aufgrund wissenschaftlicher Veränderungen grundsätzlich keine verlässlichen Erkenntnisse ermöglichen könne.

Für den Religionsunterricht ist vor allem die abschließende Gegenüberstellung von Wissenschaft, Märchen und religiösen Erzählungen ergiebig. Diese Passage sollte nicht lediglich übernommen, sondern selbst zum Gegenstand der Analyse gemacht werden. Die Lernenden können prüfen, ob religiöse Erzählungen tatsächlich dieselbe Funktion erfüllen wollen wie naturwissenschaftliche Theorien. Dazu bietet sich beispielsweise ein Vergleich zwischen einer biblischen Schöpfungserzählung und einer naturwissenschaftlichen Erklärung der Entstehung des Universums oder des Lebens an. Die Lernenden untersuchen, welche Fragen die jeweiligen Texte beantworten, welche Sprache sie verwenden, welchen Wahrheitsanspruch sie erheben und welche Funktion sie für Menschen besitzen.

Dabei sollte eine vorschnelle Alternative zwischen „wissenschaftlich wahr“ und „religiös falsch“ vermieden werden. Entscheidend ist zunächst die Klärung des jeweiligen Wahrheitsanspruchs. Wenn eine religiöse Aussage eine empirische Behauptung über einen naturwissenschaftlich untersuchbaren Sachverhalt erhebt, kann sie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verglichen werden. Religiöse Aussagen können jedoch auch Fragen nach Sinn, Hoffnung, Verantwortung, Schuld, Gott oder der Stellung des Menschen in der Welt behandeln. Die Lernenden sollen deshalb erkennen, dass die Kritik des Autors an relativistischen Wahrheitsvorstellungen nicht automatisch die These begründet, religiöse Aussagen seien grundsätzlich falsch oder bedeutungslos.

Methodisch bietet sich hierzu eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Eine Gruppe rekonstruiert die Kritik des Autors am Relativismus. Eine zweite Gruppe untersucht das Beispiel der Atombombe. Eine dritte Gruppe beschäftigt sich mit der Newtonschen Physik. Eine vierte Gruppe analysiert die Aussagen über Märchen und religiöse Erzählungen. Die Ergebnisse werden anschließend zusammengeführt und hinsichtlich der Frage ausgewertet, welche Voraussetzungen der Wahrheitsbegriff des Autors besitzt.

Eine weitere Möglichkeit besteht in einem philosophischen Streitgespräch. Eine Position verteidigt die These, dass Menschen objektive Wahrheit benötigen, um sich in der Wirklichkeit orientieren zu können. Eine andere Position betont, dass menschliche Erkenntnis immer von Sprache, Perspektiven und historischen Bedingungen beeinflusst wird. Eine dritte Position untersucht, ob objektive Wahrheit und menschliche Perspektivität miteinander vereinbar sein können. Die Lernenden müssen ihre Positionen mit Argumenten und Beispielen begründen und auf Einwände reagieren. Dadurch wird verhindert, dass Relativismus und Realismus lediglich als Definitionen gelernt werden.

Als Sicherung kann ein Begriffsnetz zu „Wahrheit“ erstellt werden. Die Lernenden verbinden die Begriffe Wahrheit, Wirklichkeit, Wissen, Begründung, Meinung, Wissenschaft, Religion, Konstruktion, Erfahrung und Handeln miteinander und erläutern die Beziehungen. Als abschließende Urteilsaufgabe eignet sich die These „Ohne Wahrheit kein Wissen und ohne Wissen keine erfolgreiche Veränderung der Wirklichkeit“. Die Lernenden sollen zunächst die Bedeutung dieser Aussage erklären, anschließend Argumente und mögliche Gegenargumente formulieren und schließlich zu einem begründeten eigenen Urteil gelangen.

Das Medium ermöglicht damit eine anspruchsvolle Verbindung von philosophischer Textarbeit und religionspädagogischer Reflexion. Es fördert die Fähigkeit, Wahrheitsansprüche nicht vorschnell gleichzusetzen oder zurückzuweisen, sondern nach ihrem Gegenstand, ihrer Begründung, ihrer Überprüfbarkeit und ihrer Funktion zu unterscheiden. Gerade für die Jahrgangsstufe 10 bietet der Text damit eine gute Grundlage, um den Unterschied zwischen Meinung und Wissen sowie das Verhältnis von religiösem Glauben und wissenschaftlicher Erkenntnis differenziert zu erschließen.


Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie die zentrale Auffassung des Autors über den Wert der Wahrheit.

Musterantwort:

Der Autor vertritt die Auffassung, dass Wahrheit für das menschliche Leben unverzichtbar ist. Menschen benötigen wahre Erkenntnisse, um sich in der Wirklichkeit orientieren und erfolgreich handeln zu können. Deshalb kritisiert er relativistische Auffassungen, nach denen Wahrheiten lediglich menschliche Konstruktionen seien. Für den Autor gibt es Tatsachen, die unabhängig davon bestehen, was Menschen über sie denken. Wahrheit ermöglicht Wissen und Wissen ermöglicht wiederum einen vernünftigen und erfolgreichen Umgang mit der Wirklichkeit.


Aufgabe 2: Erläutern Sie die Aussage „Ohne Wahrheit kein Wissen und ohne Wissen keine erfolgreiche Veränderung der Wirklichkeit“.

Musterantwort:

Die Aussage bringt einen zentralen Gedankengang des Textes zum Ausdruck. Wissen setzt nach der im Text vertretenen Auffassung Wahrheit voraus. Eine Person kann etwas nicht wissen, wenn ihre Überzeugung falsch ist. Darüber hinaus muss eine wahre Überzeugung begründet sein. Wissen wird deshalb als wahre begründete Meinung verstanden.


Dieses Wissen ermöglicht nach Auffassung des Autors eine gezielte Veränderung der Wirklichkeit. Technische Entwicklungen funktionieren beispielsweise deshalb, weil sie auf Erkenntnissen über tatsächliche Eigenschaften der Welt beruhen. Eine Brücke kann nur zuverlässig konstruiert werden, wenn bestimmte physikalische Gesetzmäßigkeiten zutreffend erfasst worden sind. Wahrheit besitzt somit nicht nur einen theoretischen, sondern auch einen praktischen Wert.


Aufgabe 3: Analysieren Sie, welche Funktion das Beispiel der Atombombe für die Argumentation des Autors besitzt.

Musterantwort:

Das Beispiel der Atombombe soll den Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Theorie, technischer Anwendung und Wirklichkeit verdeutlichen. Der Abwurf einer Atombombe ist zunächst ein historisches Ereignis, dessen Folgen tatsächlich stattgefunden haben. Die Herstellung einer solchen Bombe war jedoch nur auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse über Kernspaltung und radioaktive Prozesse möglich.

Der Autor nutzt dieses Beispiel als Argument gegen die Vorstellung, wissenschaftliche Theorien seien lediglich beliebige Konstruktionen ohne Bezug zu einer von Menschen unabhängigen Wirklichkeit. Wenn eine auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Technologie tatsächlich funktioniert und reale Folgen hervorruft, spricht dies nach seiner Argumentation dafür, dass die zugrunde liegenden Theorien relevante Strukturen der Wirklichkeit zutreffend erfassen.

Das Beispiel besitzt daher eine doppelte Funktion. Es verdeutlicht zum einen die praktische Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnisse und soll zum anderen die relativistische Gleichsetzung wissenschaftlicher Theorien mit beliebigen Erzählungen infrage stellen.


Aufgabe 4: Erläutern Sie am Beispiel der Newtonschen Physik, wie der Autor mit dem Einwand umgeht, dass wissenschaftliche Erkenntnisse verändert oder korrigiert werden können.

Musterantwort:

Der Einwand lautet, dass wissenschaftliche Theorien später durch bessere Theorien ersetzt oder korrigiert werden können. Daraus könnte gefolgert werden, dass wissenschaftliche Theorien nicht wahr seien.

Der Autor widerspricht dieser Schlussfolgerung anhand der Newtonschen Physik. Nach seiner Auffassung ist diese nicht einfach falsch. Vielmehr besitzt sie einen bestimmten Geltungsbereich. Unter bestimmten Bedingungen liefert sie weiterhin zutreffende Ergebnisse und kann deshalb beispielsweise im technischen Bereich verwendet werden. Die Relativitätstheorie hat gezeigt, dass die Newtonsche Physik nicht unter allen Bedingungen gleichermaßen gilt.

Das Beispiel soll verdeutlichen, dass wissenschaftlicher Fortschritt nicht zwangsläufig bedeutet, dass frühere Erkenntnisse vollständig falsch werden. Eine Theorie kann vielmehr innerhalb bestimmter Grenzen zuverlässige Aussagen ermöglichen.


Aufgabe 5: Vergleichen Sie wissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse Aussagen hinsichtlich ihres Wahrheitsanspruchs und ihrer Begründungsmöglichkeiten.

Musterantwort:

Wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen sich insbesondere auf empirisch untersuchbare Sachverhalte. Sie werden durch Beobachtungen, Experimente, Messungen und nachvollziehbare Schlussfolgerungen begründet. Wissenschaftliche Aussagen müssen grundsätzlich überprüfbar und korrigierbar sein.

Religiöse Aussagen können unterschiedliche Formen besitzen. Einige können Aussagen über historische oder empirische Sachverhalte enthalten. Andere beschäftigen sich mit Gott, Sinn, Hoffnung, Verantwortung oder der Deutung menschlicher Existenz. Ihre Begründung kann sich beispielsweise auf religiöse Überlieferungen, Glaubenserfahrungen und theologische Argumentationen beziehen.

Deshalb sollte bei einem Vergleich zunächst geklärt werden, welche Art von Aussage vorliegt. Wissenschaftliche und religiöse Aussagen können miteinander in Konflikt geraten, wenn sie widersprüchliche Aussagen über denselben empirisch untersuchbaren Sachverhalt treffen. Behandeln sie dagegen unterschiedliche Fragen, ist eine unmittelbare Konkurrenz nicht zwingend gegeben.


Aufgabe 6: Analysieren Sie die Gegenüberstellung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Märchen und religiösen Erzählungen im Text.

Musterantwort:

Der Autor stellt wissenschaftliche Erkenntnisse einerseits und Märchen sowie religiöse Erzählungen andererseits gegenüber. Sein wesentliches Unterscheidungskriterium ist die Möglichkeit, auf Grundlage von Erkenntnissen erfolgreich in die Wirklichkeit einzugreifen. Wissenschaftliche Theorien ermöglichen beispielsweise technische Entwicklungen. Der Autor sieht darin einen Hinweis auf ihren Wirklichkeitsbezug.

Diese Gegenüberstellung kann jedoch weiter differenziert werden. Märchen und religiöse Erzählungen müssen nicht dieselben Funktionen wie naturwissenschaftliche Theorien erfüllen. Eine religiöse Schöpfungserzählung kann beispielsweise Aussagen über das Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Welt vermitteln, ohne eine naturwissenschaftliche Theorie über physikalische Prozesse darstellen zu wollen.

Für die Bewertung der Gegenüberstellung ist deshalb entscheidend, welchen Wahrheitsanspruch eine religiöse Aussage erhebt. Wird sie als empirische Tatsachenbehauptung verstanden, kann sie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verglichen werden. Wird sie dagegen als religiöse Deutung verstanden, müssen zusätzlich andere Kriterien berücksichtigt werden.


Aufgabe 7: Beurteilen Sie die These, dass eine Aussage nur dann wahr sein kann, wenn sie technisch oder praktisch nutzbar ist. Beziehen Sie den Text in Ihre Überlegungen ein.

Musterantwort:

Der Text stellt einen engen Zusammenhang zwischen Wahrheit, Wissen und erfolgreicher Veränderung der Wirklichkeit her. Das Funktionieren von Technik kann ein starkes Argument dafür sein, dass bestimmte wissenschaftliche Theorien wichtige Eigenschaften der Wirklichkeit zutreffend beschreiben. Wenn Berechnungen beispielsweise wiederholt erfolgreiche technische Anwendungen ermöglichen, spricht dies für die Zuverlässigkeit der zugrunde liegenden Erkenntnisse.

Daraus folgt jedoch nicht zwingend, dass jede wahre Aussage technisch nutzbar sein muss. Die Aussage, dass ein bestimmtes historisches Ereignis stattgefunden hat, kann wahr sein, ohne dass sich daraus eine Technologie entwickeln lässt. Auch die Wahrheit einer Aussage über ein vergangenes persönliches Erlebnis hängt nicht davon ab, ob diese praktisch verwertbar ist.

Die praktische Bewährung kann deshalb ein wichtiges Argument für den Wirklichkeitsbezug bestimmter Erkenntnisse darstellen. Sie ist jedoch nicht für jede Art von Aussage ein notwendiges Wahrheitskriterium.


Aufgabe 8: Erörtern Sie die Aussage „Wissenschaftliche Erkenntnisse und religiöse Erzählungen müssen nach denselben Wahrheitskriterien beurteilt werden“.

Musterantwort:

Für die Aussage spricht, dass sowohl wissenschaftliche als auch religiöse Aussagen einen Wahrheitsanspruch erheben können. Wenn beispielsweise eine religiöse Aussage und eine wissenschaftliche Theorie dasselbe historische oder naturwissenschaftliche Ereignis beschreiben, muss untersucht werden können, welche Aussage durch die vorhandenen Erkenntnisse besser begründet ist. Religiöse Überzeugungen können in einem solchen Fall nicht allein deshalb einer kritischen Prüfung entzogen werden, weil sie religiös sind.

Gegen die Aussage spricht jedoch, dass wissenschaftliche und religiöse Texte unterschiedliche Fragen und Funktionen besitzen können. Eine naturwissenschaftliche Theorie versucht empirische Vorgänge zu erklären. Eine religiöse Erzählung kann dagegen die Bedeutung der Welt und des menschlichen Lebens deuten. Beispielsweise kann die Aussage, dass der Mensch Geschöpf Gottes sei, eine theologische Aussage über das Verhältnis des Menschen zu Gott darstellen und muss nicht als biologische Erklärung der Entstehung des Menschen verstanden werden.

Eine differenzierte Betrachtung muss deshalb zunächst den jeweiligen Wahrheitsanspruch bestimmen. Wo Wissenschaft und Religion Aussagen über denselben empirischen Sachverhalt treffen, ist ein Vergleich möglich und notwendig. Wo religiöse Aussagen Sinn und Wirklichkeit theologisch deuten, können andere Formen der Begründung relevant sein.


Aufgabe 9: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Aussage „Wer die Wahrheit aufgibt, verliert die Möglichkeit, zwischen Wissen und bloßer Meinung zu unterscheiden“.

Musterantwort:

Die Aussage macht auf ein grundlegendes Problem aufmerksam. Wenn jede Behauptung unabhängig von ihrer Begründung als gleichermaßen gültig angesehen würde, wäre es schwierig, zwischen Wissen, Irrtum und bloßer Meinung zu unterscheiden. Gerade im Alltag sind Menschen jedoch darauf angewiesen, Aussagen zu prüfen und zwischen besser und schlechter begründeten Überzeugungen zu unterscheiden.

Der Text betont deshalb die Verbindung von Wahrheit und Begründung. Wissen besteht demnach nicht darin, irgendeine Meinung zu vertreten. Eine Überzeugung muss wahr und begründet sein. Wissenschaftliche Methoden sind ein Beispiel dafür, wie Behauptungen systematisch geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden können.

Gleichzeitig bedeutet die Anerkennung von Wahrheit nicht, dass Menschen immer sicher wissen, welche Aussage wahr ist. Menschen können sich irren und ihre Erkenntnisse korrigieren. Gerade die Unterscheidung zwischen Wahrheit und der eigenen gegenwärtigen Überzeugung ermöglicht es jedoch, Fehler überhaupt anzuerkennen. Die Orientierung an Wahrheit ist deshalb eine wichtige Voraussetzung dafür, zwischen Wissen, begründeter Überzeugung und bloßer Meinung unterscheiden zu können.

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