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Fachverband Ethik Baden Württemberg

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Gleichwertigkeitsdoktrin

Veröffentlichung:1.1.2013

Das Medium thematisiert anhand eines Konflikts zwischen archäologischen Erkenntnissen und Schöpfungsvorstellungen amerikanischer Ureinwohner die Frage, ob unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit als gleichermaßen gültig angesehen werden können. Ausgangspunkt ist die wissenschaftliche Erklärung, nach der die ersten Menschen über Asien nach Amerika gelangten. Dieser stehen indigene Schöpfungserzählungen gegenüber, nach denen die Vorfahren bestimmter indigener Völker aus einer unterirdischen Geisterwelt hervorgegangen seien. Im Zentrum des Textes steht die von Paul Boghossian als „Gleichwertigkeitsdoktrin“ bezeichnete Auffassung, nach der es verschiedene grundlegend unterschiedliche Weisen gibt, die Welt zu verstehen, die von gleichem Wert seien und unter denen die Wissenschaft lediglich eine Möglichkeit darstelle. Boghossian setzt sich kritisch mit dieser Position auseinander. Er argumentiert, dass bei Sachfragen von einer von menschlichen Meinungen unabhängigen Wirklichkeit ausgegangen werden müsse und dass wissenschaftliche Methoden eine besondere Bedeutung für die begründete Entscheidung darüber besitzen, welche Tatsachenbehauptungen als wahr gelten können. Das Medium führt damit in grundlegende Fragen nach Wahrheit, Wirklichkeit, Wissenschaft, Religion, Relativismus und der Begründung von Wahrheitsansprüchen ein.

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Das Medium eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10, da es eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Religion und Wissenschaft sowie mit unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen ermöglicht. Im Mittelpunkt sollte dabei nicht vorschnell die Frage stehen, ob Wissenschaft oder Religion grundsätzlich Recht haben. Vielmehr können die Lernenden untersuchen, welche Arten von Aussagen Wissenschaft und Religion treffen, welche Methoden zur Begründung dieser Aussagen verwendet werden und wann unterschiedliche Aussagen tatsächlich miteinander in Konkurrenz geraten. Damit bietet der Text die Möglichkeit, Sachkompetenz, Deutungskompetenz, Argumentationskompetenz und Urteilskompetenz miteinander zu verbinden.

Als Einstieg eignet sich die Gegenüberstellung zweier Aussagen zur Herkunft des Menschen. Die Lernenden können zunächst überlegen, woran sie erkennen würden, ob eine Aussage über ein vergangenes historisches Ereignis zutrifft. Anschließend werden mögliche Kriterien gesammelt, beispielsweise Beobachtungen, archäologische Funde, logische Schlussfolgerungen, Überlieferungen, religiöse Erfahrungen und Erzähltraditionen. Dabei sollte zunächst keine Bewertung vorgenommen werden. Die Lernenden sollen erkennen, dass unterschiedliche Formen von Aussagen mit unterschiedlichen Begründungsweisen verbunden sein können.

Anschließend kann das im Medium dargestellte Beispiel erschlossen werden. Die Lernenden arbeiten die beiden Positionen zur Herkunft amerikanischer Ureinwohner heraus und vergleichen deren jeweilige Grundlagen. Auf der einen Seite steht eine wissenschaftliche Rekonstruktion der Vergangenheit, die sich auf empirische Befunde und wissenschaftliche Methoden stützt. Auf der anderen Seite stehen religiöse beziehungsweise kulturelle Herkunftserzählungen, die für Gemeinschaften identitätsstiftende und religiöse Bedeutung besitzen können. Für den Religionsunterricht ist es wichtig, zwischen der kulturellen und religiösen Bedeutung einer Erzählung und ihrem Anspruch als empirisch überprüfbare Tatsachenbeschreibung zu unterscheiden. Eine Erzählung kann für die Identität einer Gemeinschaft von großer Bedeutung sein, ohne dass daraus bereits folgt, dass ihre Aussagen mit wissenschaftlichen Methoden als historische Tatsachen bestätigt werden können.

In einer zweiten Arbeitsphase sollten die Lernenden die „Gleichwertigkeitsdoktrin“ in eigenen Worten formulieren. Dabei kann herausgearbeitet werden, dass Boghossian nicht lediglich die Existenz verschiedener Weltbilder kritisiert. Seine Kritik richtet sich vielmehr gegen die weitergehende Behauptung, unterschiedliche Verfahren zur Erkenntnis von Sachverhalten müssten hinsichtlich ihres Wahrheitsanspruchs als gleichwertig betrachtet werden. Diese Unterscheidung ist für das Textverständnis zentral. Die Lernenden können dazu die Begriffe „Wahrheit“, „Wert“, „Bedeutung“ und „Begründung“ voneinander unterscheiden. Dadurch lässt sich verdeutlichen, dass die Aussage, zwei Traditionen seien kulturell gleichermaßen respektwürdig, nicht zwangsläufig bedeutet, dass zwei widersprüchliche Tatsachenbehauptungen gleichermaßen gut begründet sind.

Methodisch bietet sich eine arbeitsteilige Gruppenarbeit an. Eine Gruppe rekonstruiert die wissenschaftliche Position, eine zweite untersucht die dargestellten indigenen Herkunftserzählungen, eine dritte erarbeitet die Gleichwertigkeitsdoktrin und eine vierte rekonstruiert Boghossians Kritik. Anschließend präsentieren die Gruppen ihre Ergebnisse. Im Plenum kann daraus ein Schaubild mit den Kategorien „Aussage“, „Wahrheitsanspruch“, „Begründungsmethode“, „Funktion“ und „Überprüfbarkeit“ entwickelt werden. Ein solches Vorgehen erleichtert den Lernenden die systematische Unterscheidung zwischen empirischen Aussagen, religiösen Aussagen und kulturellen Deutungen.

Für eine vertiefende Auseinandersetzung bietet sich die Übertragung auf das Verhältnis von biblischen Schöpfungserzählungen und naturwissenschaftlichen Evolutionstheorien an. Die Lernenden können beispielsweise untersuchen, welche Fragen die Evolutionstheorie beantworten möchte und welche Fragen in biblischen Schöpfungstexten im Mittelpunkt stehen. Dabei sollte vermieden werden, Wissenschaft und Religion pauschal als Gegensätze darzustellen. Ein Konflikt entsteht insbesondere dort, wo religiöse Aussagen als naturwissenschaftlich oder historisch überprüfbare Tatsachenbehauptungen verstanden werden und wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen. Werden Schöpfungserzählungen dagegen beispielsweise als theologische Deutungen der Beziehung zwischen Gott, Mensch und Welt verstanden, verändert sich das Verhältnis zur naturwissenschaftlichen Erklärung.

Eine weitere Vertiefung kann durch die Frage erfolgen, ob unterschiedliche Arten von Wahrheit unterschieden werden müssen. Die Lernenden können diskutieren, ob eine naturwissenschaftliche Aussage, eine historische Aussage, eine moralische Aussage und eine religiöse Glaubensaussage nach denselben Kriterien beurteilt werden können. Dadurch wird deutlich, dass die Kritik an einer Gleichwertigkeit aller Erkenntniswege nicht zwingend bedeutet, dass ausschließlich naturwissenschaftliche Aussagen sinnvoll oder bedeutsam sind. Wissenschaft besitzt besondere Möglichkeiten zur Untersuchung empirischer Sachverhalte. Fragen nach Sinn, moralischer Orientierung, Hoffnung oder Gottesbeziehung können dagegen andere Formen der Reflexion und Begründung erfordern.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die kulturelle Sensibilität des Materials. Die im Text genannten indigenen Überlieferungen sollten nicht als Beispiel für vermeintlich irrationales Denken präsentiert werden. Die Lernenden sollten vielmehr zwischen der Achtung vor Menschen und religiösen Traditionen einerseits und der kritischen Prüfung konkreter Wahrheitsansprüche andererseits unterscheiden lernen. Respekt gegenüber einer religiösen oder kulturellen Tradition verpflichtet nicht dazu, jede aus dieser Tradition hervorgehende Tatsachenbehauptung als wissenschaftlich bestätigt anzuerkennen. Umgekehrt entscheidet die naturwissenschaftliche Überprüfbarkeit einer Erzählung nicht über ihren gesamten religiösen, kulturellen oder identitätsstiftenden Wert.

Zum Abschluss eignet sich eine strukturierte Diskussion über die Aussage „Alle Wege, die Welt zu verstehen, sind gleichwertig“. Die Lernenden können zunächst klären, was mit „gleichwertig“ gemeint sein könnte. Anschließend unterscheiden sie zwischen kulturellem Wert, persönlicher Bedeutung, religiöser Bedeutung und der Eignung einer Methode zur Klärung empirischer Tatsachenfragen. Auf dieser Grundlage entwickeln sie ein eigenes begründetes Sachurteil. Das Medium eignet sich damit besonders dazu, Lernende zu einer differenzierten Position zu führen, bei der weder ein pauschaler Relativismus noch eine pauschale Abwertung religiöser Weltdeutungen übernommen wird.


Prüfungsfragen für eine Klausur in der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten


Aufgabe 1: Beschreiben Sie den im Text dargestellten Konflikt zwischen der wissenschaftlichen und der religiösen Erklärung zur Herkunft amerikanischer Ureinwohner.

Musterantwort:

Der Text stellt zwei unterschiedliche Erklärungen zur Herkunft amerikanischer Ureinwohner gegenüber. Die wissenschaftliche Position geht davon aus, dass die ersten Menschen aus Asien nach Amerika gelangten. Diese Auffassung beruht auf archäologischen Erkenntnissen und wissenschaftlichen Untersuchungsmethoden. Demgegenüber stehen Herkunftserzählungen indigener Gemeinschaften. Im Text wird beispielsweise die Vorstellung genannt, dass die Vorfahren aus einer unterirdischen Geisterwelt an die Erdoberfläche gelangten. Der Konflikt entsteht, wenn beide Erklärungen als Tatsachenbehauptungen über dasselbe historische Geschehen verstanden werden. Dann stellt sich die Frage, ob beide Erklärungen als gleichwertige Erkenntnisse gelten können oder ob wissenschaftlich begründeten Aussagen bei empirischen Sachfragen eine besondere Bedeutung zukommt.


Aufgabe 2: Erläutern Sie die von Boghossian so bezeichnete „Gleichwertigkeitsdoktrin“.

Musterantwort:

Unter der Gleichwertigkeitsdoktrin versteht Boghossian die Auffassung, dass es verschiedene grundlegend unterschiedliche Möglichkeiten gibt, die Welt zu verstehen, die als gleichwertig angesehen werden. Die Wissenschaft wäre nach dieser Auffassung lediglich eine dieser Möglichkeiten und hätte keinen grundsätzlichen Vorrang gegenüber anderen Weltdeutungen. Auf das Beispiel des Textes übertragen würde dies bedeuten, dass die archäologische Erklärung der Herkunft amerikanischer Ureinwohner und eine religiöse Herkunftserzählung hinsichtlich ihres Erkenntniswertes als gleichwertig betrachtet werden. Boghossian problematisiert diese Auffassung insbesondere dann, wenn es um überprüfbare Tatsachenfragen geht.


Aufgabe 3: Analysieren Sie Boghossians Kritik an der Gleichwertigkeitsdoktrin.

Musterantwort:

Boghossians Argumentation geht von der Annahme aus, dass bestimmte Tatsachen unabhängig von menschlichen Meinungen bestehen. Ob und wie die ersten Menschen nach Amerika gelangten, hängt demnach nicht davon ab, welche Erklärung Menschen bevorzugen. Es handelt sich für ihn um eine Frage nach einem vergangenen Sachverhalt. Menschen können sich über diesen Sachverhalt irren oder unterschiedliche Überzeugungen besitzen, ohne dass dadurch mehrere unterschiedliche Vergangenheiten entstehen.

Boghossian betont anschließend die besondere Bedeutung wissenschaftlicher Methoden. Beobachtung, logische Schlussfolgerungen und die Suche nach der besten Erklärung ermöglichen nach seiner Auffassung eine rationale Prüfung von Tatsachenbehauptungen. Andere Verfahren besitzen für empirische Sachfragen nicht automatisch dieselbe Begründungskraft. Deshalb wendet er sich gegen die Vorstellung, wissenschaftliche Erkenntnisse und andere Erklärungsweisen müssten hinsichtlich empirischer Wahrheitsfragen grundsätzlich als gleichwertig behandelt werden.

Seine Kritik richtet sich somit nicht allein gegen die Existenz verschiedener kultureller oder religiöser Weltbilder. Entscheidend ist vielmehr seine Ablehnung der Behauptung, unterschiedliche Erkenntnismethoden seien bei der Feststellung empirischer Tatsachen gleichermaßen geeignet.


Aufgabe 4: Vergleichen Sie wissenschaftliche und religiöse Zugänge zur Wirklichkeit hinsichtlich ihrer Fragestellungen und Begründungsmöglichkeiten.

Musterantwort:

Wissenschaftliche und religiöse Zugänge zur Wirklichkeit können sich sowohl in ihren Fragestellungen als auch in ihren Begründungsmethoden unterscheiden. Naturwissenschaftliche Aussagen beschäftigen sich insbesondere mit empirisch untersuchbaren Sachverhalten. Sie verwenden beispielsweise Beobachtungen, Experimente, Messungen und überprüfbare Schlussfolgerungen. Wissenschaftliche Aussagen müssen grundsätzlich kritisch überprüft und aufgrund neuer Erkenntnisse verändert werden können.

Religiöse Weltdeutungen können dagegen Fragen nach Gott, Sinn, Hoffnung, Verantwortung und dem Verhältnis des Menschen zur Welt behandeln. Ihre Begründung kann sich unter anderem auf religiöse Überlieferungen, Glaubenserfahrungen und theologische Argumentationen beziehen. Allerdings können religiöse Aussagen ebenfalls Tatsachenbehauptungen enthalten. In diesem Fall kann ein Konflikt mit wissenschaftlichen Erkenntnissen entstehen. Wissenschaft und Religion lassen sich daher weder grundsätzlich gleichsetzen noch grundsätzlich als Gegensätze verstehen. Entscheidend ist, welche konkrete Frage gestellt und welcher Wahrheitsanspruch erhoben wird.


Aufgabe 5: Erläutern Sie am Beispiel von Schöpfung und Evolution, warum zwischen unterschiedlichen Arten von Aussagen unterschieden werden sollte.

Musterantwort:

Die Evolutionstheorie versucht mit wissenschaftlichen Methoden zu erklären, wie sich unterschiedliche Lebensformen über lange Zeiträume entwickelt haben. Ihre Aussagen beziehen sich auf empirisch untersuchbare Vorgänge und werden anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse geprüft.

Religiöse Schöpfungserzählungen können dagegen beispielsweise Aussagen darüber enthalten, dass die Welt als Schöpfung verstanden wird, dass der Mensch Verantwortung für die Welt trägt oder dass menschliches Leben eine besondere Bedeutung besitzt. Werden solche Texte als theologische Deutungen verstanden, beantworten sie teilweise andere Fragen als die Evolutionstheorie. Werden sie dagegen als naturwissenschaftliche Beschreibungen verstanden, kann ein unmittelbarer Konflikt mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen entstehen. Deshalb ist es notwendig, vor einer Beurteilung zu klären, welche Art von Aussage ein Text enthält und welchen Wahrheitsanspruch er erhebt.


Aufgabe 6: Beurteilen Sie die Aussage „Wenn zwei Weltbilder für Menschen gleich wertvoll sind, müssen auch ihre Aussagen über die Wirklichkeit als gleichermaßen wahr gelten“. Beziehen Sie Boghossians Argumentation ein.

Musterantwort:

Zwischen dem Wert eines Weltbildes für eine Gemeinschaft und der Wahrheit einzelner Tatsachenbehauptungen sollte unterschieden werden. Eine religiöse Herkunftserzählung kann für eine Gemeinschaft eine große kulturelle, religiöse und identitätsstiftende Bedeutung besitzen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass jede darin enthaltene Aussage als empirisch bestätigte Beschreibung eines historischen Geschehens gelten muss.

Boghossians Kritik an der Gleichwertigkeitsdoktrin unterstützt diese Unterscheidung. Für ihn hängt die Wahrheit einer Tatsachenbehauptung nicht davon ab, wie wichtig eine Überzeugung für eine Person oder Gemeinschaft ist. Wenn eine konkrete historische oder naturwissenschaftliche Frage untersucht wird, müssen die vorhandenen Belege und die verwendeten Methoden geprüft werden.

Daher ist die Gleichsetzung von persönlichem oder kulturellem Wert und empirischer Wahrheit problematisch. Die Achtung vor unterschiedlichen religiösen und kulturellen Überzeugungen und die kritische Prüfung von Tatsachenbehauptungen können miteinander verbunden werden.


Aufgabe 7: Erörtern Sie die Aussage „Die Wissenschaft ist nur eine von vielen gleichwertigen Weisen, die Welt zu verstehen“.

Musterantwort:

Für die Aussage spricht zunächst, dass Menschen die Welt auf unterschiedliche Weise erschließen. Neben der Wissenschaft existieren beispielsweise Religion, Philosophie, Kunst und persönliche Erfahrung. Diese Zugänge können Aspekte menschlicher Wirklichkeit thematisieren, die sich nicht vollständig durch naturwissenschaftliche Methoden erfassen lassen. Fragen nach Sinn, Hoffnung, moralischer Verantwortung oder der persönlichen Bedeutung eines Ereignisses sind beispielsweise nicht allein durch naturwissenschaftliche Messungen zu beantworten.

Gegen eine uneingeschränkte Gleichwertigkeit spricht jedoch, dass unterschiedliche Zugänge nicht für jede Fragestellung in gleicher Weise geeignet sein müssen. Bei empirischen Fragen über die Entstehung von Krankheiten, das Alter eines Fundstücks oder die Entwicklung von Lebewesen verfügen wissenschaftliche Methoden über überprüfbare Verfahren zur Gewinnung und Korrektur von Erkenntnissen. Boghossian argumentiert deshalb dafür, der Wissenschaft bei Tatsachenfragen eine besondere Stellung einzuräumen.

Die Aussage muss daher differenziert betrachtet werden. Verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit können unterschiedliche Funktionen und Bedeutungen besitzen. Daraus folgt jedoch nicht zwangsläufig, dass sie bei jeder Art von Wahrheitsfrage dieselbe Erkenntnisleistung erbringen.


Aufgabe 8: Nehmen Sie begründet Stellung zu der Frage, ob die Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit Respekt gegenüber religiösen und kulturellen Überzeugungen vereinbar ist.

Musterantwort:

Die Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Respekt gegenüber religiösen und kulturellen Überzeugungen können miteinander vereinbar sein, wenn unterschiedliche Ebenen auseinandergehalten werden. Menschen und ihre religiösen Traditionen verdienen respektvolle Behandlung. Gleichzeitig dürfen konkrete Aussagen kritisch untersucht werden. Respekt vor einer Person bedeutet nicht, jede ihrer Überzeugungen als empirisch wahr anerkennen zu müssen.

Für den Religionsunterricht ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Religiöse Erzählungen können Sinn vermitteln, Identität stiften und Erfahrungen von Menschen deuten. Wissenschaftliche Verfahren können dagegen bei empirischen Sachfragen Erkenntnisse gewinnen und überprüfen. Schwierigkeiten entstehen vor allem dann, wenn eine religiöse Überzeugung und eine wissenschaftliche Erklärung denselben empirischen Sachverhalt unterschiedlich beschreiben.

Ein begründeter Umgang mit solchen Konflikten verbindet deshalb kulturellen und religiösen Respekt mit der Bereitschaft zur kritischen Prüfung von Wahrheitsansprüchen. Unterschiedliche Überzeugungen können respektiert werden, ohne dass deshalb alle Tatsachenbehauptungen als gleichermaßen gut begründet gelten müssen.

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