Der Artikel setzt bei einer typischen Schülervorstellung an: „Vieles in der Bibel stimmt sowieso nicht“ – verbunden mit einem Missverständnis, biblische Texte funktionierten wie naturwissenschaftliche oder geschichtliche Sachtexte. Diese Ausgangslage wird konsequent religionsdidaktisch aufgenommen. Der Text zeigt, warum es in der Oberstufe nicht genügt, lediglich methodische Schritte historisch-kritischer Exegese zu „üben“, wenn dabei die Grundfrage nach dem Wahrheitsanspruch biblischer Erzählungen unberührt bleibt. Zentral ist deshalb die Unterscheidung zwischen verschiedenen „Türen zur Wirklichkeit“: einerseits Fakten- und Datenlogik, andererseits existenziell-symbolische Wahrheit, die über Hoffnung, Trost, Vertrauen und Sinn erschlossen wird.
Inhaltlich fokussiert der Beitrag auf die Geburtserzählungen in Matthäus und Lukas und arbeitet heraus, dass nur diese beiden Evangelien Bethlehem als Geburtsort nennen – zudem sehr unterschiedlich erzählen. Die Spannung zwischen historischer Plausibilität und theologischer Aussageabsicht wird zum Lernmotor: Warum „muss“ Jesus in den Erzählungen in Bethlehem geboren werden? Die Antwort wird traditionsgeschichtlich entwickelt: Bethlehem ist in der Bibel stark mit der Davidtradition verbunden. Über die Erzählung von der Salbung Davids (1 Sam 16) und prophetische Verheißungen (z. B. Jes 11; Mi 5) wird Bethlehem als Ort der Erwartung eines „neuen David“ und als Messias-Symbol transparent. So wird verständlich, dass Matthäus und Lukas Bethlehem nicht primär als korrekte Ortsangabe, sondern als theologisch aufgeladenes Motiv nutzen: Jesus wird in die Linie der Verheißung gestellt, die Gemeinden sollen im Glauben gestärkt werden.
Gleichzeitig führt der Artikel die Lernenden historisch-kritisch in die Frage nach Nazareth als wahrscheinlichem Geburtsort ein. Dazu werden Paulusbriefe sowie Hinweise bei Markus und Johannes herangezogen, die Bethlehem als Geburtsort nicht voraussetzen und Jesus selbstverständlich mit Nazareth verbinden. So kann im Unterricht ein sauberer historischer Befund gesichert werden, ohne dass daraus ein Abwertungsurteil über die Bibel folgt.
Methodisch ist der Beitrag stark bausteinorientiert und abwechslungsreich: Eine Gedankenreise an den Ort Bethlehem eröffnet einen affektiven Zugang; eine irritierende These erzeugt kognitive Dissonanz; Informations- und Kontexttexte stabilisieren hermeneutisches Grundwissen; die Arbeit an der Davidtradition wird durch Textarbeit und Texttheater vertieft; ein synoptischer Vergleich der Geburtsgeschichten schärft die Textkompetenz; ein Gedicht (Bethlehemstern) öffnet bewusst den symbolisch-existenziellen Zugang; abschließend verfassen die Lernenden eine eigene „wahre Weihnachtsgeschichte“ als Drehbuch – ausdrücklich ohne die gängige Vermischung von Matthäus und Lukas, damit Unterschiede sichtbar bleiben und bewusst entschieden werden kann, welche „Wahrheit“ erzählt wird (historisch-faktisch, existenziell-symbolisch oder reflektiert kombiniert).
Für Lehrkräfte bietet der Text damit eine klare religionspädagogische Leitidee: Historische Kritik und religiöse Wahrheit werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als unterschiedliche, je passende Zugänge zur Wirklichkeit gelernt. Damit eignet sich das Medium besonders, um in der Oberstufe Kompetenzen in Hermeneutik, Exegese, Symbolverstehen, Traditionsgeschichte und in der reflektierten Urteilsbildung zum Verhältnis von „Fakt“ und „Wahrheit“ zu fördern – gerade auch im Blick auf Weihnachtstraditionen, die Schülerinnen und Schüler oft nur als „Krippenmix“ kennen.