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Westdeutscher Rundfunk (WDR)

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Sufismus: Mit Klang und Koran

Veröffentlichung:17.12.2025

„Sufismus: Mit Klang und Koran“ (WDR Lebenszeichen, Stand 29.09.2025) begleitet junge Muslim:innen in Remscheid, die im Sufismus (Tasavvuf) einen spirituellen Weg gefunden haben, Gott „über das Herz“ zu erfahren – durch Musik, Gesang, Rezitation (Dhikr/Zikr), Gebet, Gemeinschaft und soziale Praxis. Der Beitrag zeigt Sufismus als gelebte Spiritualität zwischen Tradition (türkischer Kulturraum, Ordenstraditionen) und Gegenwart (Sinnsuche, Stress, Identität, Engagement).

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Der Beitrag eröffnet einen anschaulichen Zugang zum Sufismus als einer spirituellen Strömung im Islam, die religiöse Praxis nicht primär als Wissenssystem, sondern als Erfahrungsweg beschreibt: Junge Menschen treffen sich wöchentlich in einem selbst gestalteten Vereinsraum, musizieren und singen religiös-poetische Texte, verrichten Gebete gemeinsam und praktizieren Formen des Gottesgedenkens (Dhikr/Zikr), die Atem, Rhythmus, Bewegung und Rezitation verbinden. Dabei wird deutlich, dass Musik hier nicht als Unterhaltung, sondern als Medium der Sammlung und Innerlichkeit verstanden wird: Klang, Gesang und Text sollen helfen, sich vom „Weltlichen“ zu lösen und einen „Schlüssel des Herzens“ zu finden – eine Sprache, die religiöse Erfahrung als bewusste Wahrnehmungs- und Haltungsarbeit beschreibt (Achtsamkeit, Barmherzigkeit, Mäßigung des Egos, Geduld, Mitgefühl). Zugleich zeigt der Beitrag Sufismus nicht als private „Wellness-Spiritualität“, sondern als Gemeinschaftspraxis mit Regeln, Rollen und Traditionen: bestimmte Abläufe (Devran als Kreisbewegung, Rezitationen, Sitzordnungen), ein betontes Lernen an sich selbst („an sich arbeiten, nicht an anderen“) und die Einübung von Demut durch alltägliche Dienste (Kochen, Putzen, Aufräumen) werden als Teil der spirituellen Pädagogik dargestellt.


Didaktisch ist das Material stark, weil es mehrere verbreitete Engführungen aufbricht: Erstens zeigt es „Islam“ nicht nur als Normensystem oder Konfliktthema, sondern als vielfältig gelebte Spiritualität mit Kunst, Musik, Ethos und sozialem Engagement. Zweitens macht es nachvollziehbar, warum Menschen (auch in einer säkularen Wohlstandsgesellschaft) religiöse Tiefe suchen: Stress, Sinnfragen, biografische Brüche, Orientierung und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit tauchen als lebensweltliche Motive auf. Drittens wird religiöse Vielfalt innerhalb des Islam sichtbar: Es gibt unterschiedliche Positionen zur Musik (von Ablehnung bis bewusster Nutzung), verschiedene Orden, Praktiken und Traditionen. Für den Unterricht eignet sich daher ein Zugang, der nicht „Sufismus erklärt“, sondern Wahrnehmungs- und Urteilskompetenz fördert: Was macht eine Praxis „spirituell“? Woran erkennt man den Unterschied zwischen Unterhaltung, Ritual und religiöser Übung? Welche Rolle spielen Körper, Stimme, Atem, Bewegung? Welche Funktionen hat Gemeinschaft (Schutz, Zugehörigkeit, Korrektiv, Lernraum)? Und wo liegen mögliche Spannungsfelder (z. B. Regeln und Geschlechtertrennung, Autorität/Tradition, individuelle Freiheit, Außenwahrnehmung)?


Methodisch bietet sich ein mehrperspektivisches Vorgehen an: Zunächst kann der Beitrag als „Beobachtungsfenster“ genutzt werden (Räume, Symbole, Handlungen, Sprache, Emotionen). Danach können Lernende strukturieren, welche Dimensionen von Religion sichtbar werden (Ritual – Ethik – Gemeinschaft – Ästhetik – Erfahrung – Tradition). Sehr ergiebig ist auch ein Vergleich über Religionen hinweg, ohne Gleichsetzung: Die Idee der Gottesnähe durch Klang, Wiederholung und meditative Praxis lässt sich behutsam in Beziehung setzen zu Formen aus dem Christentum (z. B. Taizé-Gesänge, Psalmodie, Rosenkranz/Jesusgebet, kontemplatives Gebet), aus dem Judentum (z. B. Nigunim, Psalmen, Kantillation), aus dem Hinduismus (Bhajans/Kirtan, Mantra) oder aus dem Buddhismus (Chanting/Mantra, Atemmeditation). Dabei sollte klar bleiben: Ähnliche Formen bedeuten nicht identische Inhalte – gerade das ist ein Lerngewinn. Der Beitrag liefert zudem eine gute Grundlage für Wertebildung: Barmherzigkeit, Toleranz, Würde, Dienst am Menschen, Katastrophenhilfe und Besuche in Altenheimen werden als Konsequenzen spiritueller Haltung gezeigt; das kann in demokratiebildende Fragestellungen überführt werden (Wie entsteht Solidarität? Was stärkt Gemeinsinn? Wie wird „Ich“ zum „Wir“, ohne dass Individualität verschwindet?).


Sensibel ist das Thema dort, wo private Sinnsuche, Trance-/Ekstase-Erfahrungen oder geschlechterbezogene Regeln angesprochen werden: Hier empfiehlt sich im Unterricht eine klare Haltung der deskriptiven Distanz (beschreiben, einordnen, diskutieren), keine Bewertung von Frömmigkeit, und Transparenz über Perspektiven („so erleben es die Porträtierten“). Persönliche Bezüge (eigene Religion/Spiritualität, Erfahrungen mit Musik und Ritual) sollten freiwillig bleiben. Insgesamt eignet sich der Beitrag sehr gut, um Islam differenziert, erfahrungsbezogen und dialogisch zu behandeln – als Gegenmodell zu Stereotypen und als Einstieg in die Frage, wie Menschen heute religiöse Traditionen kreativ und zugleich traditionsbewusst leben.

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17.12.2025

Interreligiöser Dialog

Anregung

Menschen & Welt ,Religionen

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