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SRF Kultur | Sternstunde Religion

SRF Kultur | Sternstunde Religion

Sorge statt Kapital – Warum wir mehr Gleichheit brauchen

Veröffentlichung:4.12.2025

Die Sternstunde Philosophie widmet sich in diesem Gespräch der politischen Philosophin Jule Govrin, die eine zeitgemäße, radikal gedachte Theorie von Gleichheit, Sorge und Gemeinwohl entwickelt. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist der menschliche Körper: verletzlich, abhängig und sozial verwoben – und damit ein realer, materieller Ort, an dem Ungleichheit, Ausbeutung und politische Konflikte sichtbar werden. Im Interview diskutiert Govrin, warum gerade Frauen weiterhin den Großteil unbezahlter Sorgearbeit leisten, wie neoliberale Strukturen Erschöpfung, Isolation und autoritäre Tendenzen verstärken und weshalb feministische, antirassistische und sozialpolitische Bewegungen gemeinsam für eine „Gleichheit als Praxis“ eintreten müssen. Themen wie Antifeminismus und rechte Ideologien, die Rolle von Sorgearbeit, die Vier-Tage-Woche, „sorgende Städte“, demokratische Teilhabe und globale Ausbeutungsverhältnisse werden anschaulich erläutert. Die Sendung entwirft so ein philosophisch fundiertes, aber alltagsnahes Bild davon, wie eine gerechtere Gesellschaft aussehen könnte – getragen von Solidarität, sozialer Verantwortung und gemeinschaftlicher Organisation.

Das etwa 56 Minuten lange Video zeigt ein Gespräch mit der Philosophin Jule Govrin über Gleichheit, Sorgearbeit, Feminismus, Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung. Ausgangspunkt ist die Frage, weshalb die Betreuung von Kindern, die Pflege kranker Angehöriger und die Arbeit im Haushalt häufig unbezahlt bleiben, obwohl sie für das menschliche Leben und das Funktionieren der Gesellschaft unverzichtbar sind. Govrin erklärt ihren Begriff des Universalismus von unten. Gleichheit wird dabei nicht nur als abstraktes Recht verstanden, sondern als gesellschaftliche Praxis, die Menschen gemeinsam verwirklichen müssen. Das Gespräch behandelt außerdem Autoritarismus, Antifeminismus, Geschlechterrollen, soziale Ungleichheit, verletzliche Körper, die Revolution in Haiti, unbezahlte Sorgearbeit, die Vier Tage Woche, solidarische Nachbarschaften, sorgende Städte, globale Ausbeutung und gemeinwohlorientierte Wirtschaftsformen. Govrin wirbt für eine Gesellschaft, die Fürsorge, Teilhabe, Nachhaltigkeit und ein gutes Leben für alle in den Mittelpunkt stellt.

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Das Video eignet sich besonders für den Religionsunterricht in der Sekundarstufe zwei. Ausgewählte Ausschnitte können auch in höheren Jahrgangsstufen der Sekundarstufe eins eingesetzt werden. Es bietet Anknüpfungspunkte für Unterrichtseinheiten zu Gerechtigkeit, Menschenwürde, Gleichheit, Nächstenliebe, Verantwortung, Arbeit, Wirtschaftsethik, Demokratie, Geschlechtergerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Da zahlreiche philosophische, politische und wirtschaftliche Begriffe verwendet werden, sollte das Video nicht ohne Vorbereitung vollständig gezeigt werden. Empfehlenswert ist eine Aufteilung in thematische Abschnitte.

Vor der Betrachtung können die Lernenden sammeln, welche Tätigkeiten für eine Gesellschaft unverzichtbar sind und welche davon bezahlt werden. Sie ordnen Beispiele wie Kinderbetreuung, Krankenpflege, Kochen, Reinigung, Unterricht, Finanzberatung und Werbung nach gesellschaftlicher Bedeutung, Bezahlung und öffentlicher Anerkennung. Die dabei entstehenden Unterschiede führen unmittelbar zur Leitfrage des Videos: Warum wird notwendige Sorgearbeit häufig geringer bewertet als gewinnorientierte Arbeit?

Für die Erschließung bietet sich ein Beobachtungsbogen mit den Kategorien Begriff, Erklärung, Beispiel, mögliche Zustimmung und mögliche Kritik an. Die Lernenden notieren Aussagen zu Gleichheit, Sorge, Demokratie und Wirtschaft. Unbekannte Begriffe wie Autoritarismus, Antifeminismus, Neoliberalismus, Sorgearbeit, soziale Reproduktion, Universalismus, strukturelle Verwundbarkeit oder Gemeinwohlökonomie werden anschließend gemeinsam geklärt. Die Lehrkraft sollte darauf achten, zwischen der Position Govrins und allgemein anerkannten fachlichen Definitionen zu unterscheiden.

In einer arbeitsteiligen Gruppenarbeit kann jede Gruppe einen Themenbereich übernehmen. Eine Gruppe untersucht Govrins Erklärung des Autoritarismus, eine zweite ihren Begriff der körperlichen Verwundbarkeit, eine dritte die gesellschaftliche Verteilung von Sorgearbeit, eine vierte den Universalismus von unten und eine fünfte ihre Vorschläge für sorgende Städte und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften. Die Gruppen fassen die Argumentation zusammen, nennen ein Beispiel und formulieren eine kritische Rückfrage. Anschließend werden die Ergebnisse präsentiert und miteinander verbunden.

Die Aussagen zur körperlichen Verletzlichkeit ermöglichen eine religionspädagogische Vertiefung. Govrin geht davon aus, dass alle Menschen körperliche Wesen sind, die auf Schutz, Anerkennung und Fürsorge angewiesen bleiben. Diese Vorstellung kann mit dem christlichen Menschenbild verglichen werden. Biblische Texte beschreiben den Menschen als Geschöpf Gottes, als verletzliches Wesen und als Teil einer Gemeinschaft. Geeignet sind die Schöpfungserzählungen, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, die Heilungserzählungen Jesu, die Rede vom Weltgericht im Matthäusevangelium und die Beschreibung der ersten christlichen Gemeinde in der Apostelgeschichte. Die Lernenden prüfen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Govrins philosophischem Ansatz und den biblischen Vorstellungen bestehen.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter eignet sich besonders für eine Auseinandersetzung mit Sorge. Die Lernenden untersuchen, wer Hilfe benötigt, wer Verantwortung übernimmt und welche persönlichen sowie materiellen Kosten entstehen. Danach übertragen sie die Erzählung auf heutige Bereiche wie Pflege, Kinderbetreuung, Nachbarschaftshilfe oder Unterstützung geflüchteter Menschen. Dabei kann diskutiert werden, ob Sorge nur eine persönliche Tugend ist oder auch durch politische und wirtschaftliche Strukturen ermöglicht werden muss.

Der Abschnitt über Geschlechterrollen und Antifeminismus sollte sachlich und sensibel moderiert werden. Die Lernenden benötigen Raum für unterschiedliche Positionen, dürfen aber nicht aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer familiären Lebensform abgewertet werden. Traditionelle Lebensentwürfe können freiwillig gewählt werden. Kritisch wird es dort, wo Menschen bestimmte Rollen aufgezwungen werden, Abhängigkeit entsteht oder gleiche Rechte infrage gestellt werden. Diese Unterscheidung sollte im Unterricht deutlich herausgearbeitet werden.

Govrins biografische Aussagen über das Aufwachsen mit zwei Müttern können zum Thema Vielfalt von Familienformen führen. Die Lernenden können unterschiedliche Formen von Familie beschreiben und danach fragen, was eine Familie auszeichnet. Mögliche Kriterien sind Verlässlichkeit, Liebe, Verantwortung, Schutz, Zusammengehörigkeit und gegenseitige Sorge. Persönliche Familiensituationen der Lernenden sollten nur auf freiwilliger Grundlage thematisiert werden.

Die Darstellung der Revolution in Haiti eignet sich für historisches Lernen und die kritische Prüfung eines europäischen Verständnisses von Freiheit und Gleichheit. Die Lernenden können untersuchen, weshalb die Forderungen der Französischen Revolution zunächst nicht für versklavte Menschen galten. Daraus ergibt sich die Frage, wer allgemeine Rechte formuliert und wer tatsächlich von ihnen profitiert. Govrins Ausdruck Universalismus von unten meint, dass ausgeschlossene Menschen Gleichheit selbst einfordern und praktisch verwirklichen. Dieser Gedanke kann mit der Befreiung der Israeliten aus Ägypten oder mit prophetischer Kritik an Unterdrückung verglichen werden.

Für den Themenbereich Sorgearbeit können die Lernenden ein Zeittagebuch auswerten oder ein fiktives Beispiel untersuchen. Eine Familie mit Kindern und pflegebedürftigen Angehörigen verteilt Erwerbsarbeit, Haushalt und Betreuung. Die Lernenden entwickeln verschiedene Verteilungsmodelle und beurteilen sie nach Gerechtigkeit, Belastung, Einkommen und persönlicher Freiheit. Persönliche Daten aus den Familien der Lernenden sollten nicht verlangt werden.

Die Vier Tage Woche kann in einem strukturierten Streitgespräch behandelt werden. Eine Gruppe sammelt Argumente für eine Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit, eine weitere mögliche Einwände und eine dritte entwickelt Bedingungen für eine gerechte Umsetzung. Zu berücksichtigen sind Gesundheit, Produktivität, Einkommen, Sorgearbeit, Freizeit und demokratisches Engagement. Die Lernenden sollen erkennen, dass politische Vorschläge verschiedene Interessen berühren und nicht durch eine einzige Maßnahme alle Probleme gelöst werden.

Das Konzept der sorgenden Stadt bietet eine handlungsorientierte Möglichkeit zur Übertragung auf den eigenen Lebensraum. Die Lernenden erkunden, welche Orte der Begegnung, Betreuung, Beratung und Unterstützung in ihrer Umgebung vorhanden sind. Anschließend gestalten sie eine Karte einer sorgenden Schule oder eines sorgenden Stadtteils. Darauf können Ruheräume, Beratungsangebote, gemeinschaftliche Gärten, Jugendtreffpunkte, barrierefreie Wege und kostenlose Begegnungsorte eingezeichnet werden. Jede Idee wird mit einem konkreten menschlichen Bedürfnis begründet.

Der im Video gezeigte Orangenpflücker aus Mali verdeutlicht globale Abhängigkeiten und ungleiche Arbeitsbedingungen. Die Lernenden verfolgen den möglichen Weg einer Orange vom Anbau bis zum Verkauf. Sie fragen, wer arbeitet, wer Gewinne erzielt und wer Risiken trägt. Diese Aufgabe kann mit Themen wie fairem Handel, Menschenrechten, Konsumverantwortung und globaler Gerechtigkeit verbunden werden. Dabei ist zu vermeiden, einzelnen Konsumierenden die alleinige Verantwortung für strukturelle Probleme zuzuschreiben.

Die wirtschaftspolitischen Positionen Govrins sollten als diskutierbare Vorschläge behandelt werden. Dazu gehören die stärkere Besteuerung großer Vermögen, genossenschaftlich verwalteter Wohnraum, öffentliche Gesundheitsversorgung und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften. Die Lernenden können diese Vorstellungen mit marktwirtschaftlichen Gegenpositionen vergleichen. Wichtig ist eine faire Darstellung der jeweiligen Argumente. Das Ziel besteht nicht darin, Govrins Sichtweise zu übernehmen, sondern eine begründete ethische Position zu entwickeln.

Eine Verbindung zur christlichen Sozialethik kann über Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl und Nachhaltigkeit hergestellt werden. Die Lernenden prüfen, inwiefern Govrins Forderungen diesen Prinzipien entsprechen. Zusätzlich kann die vorrangige Option für arme und benachteiligte Menschen einbezogen werden. Dabei wird untersucht, wie politische und wirtschaftliche Entscheidungen aus der Perspektive besonders verletzlicher Menschen beurteilt werden können.

Zur Ergebnissicherung können die Lernenden einen Kommentar, einen Podcast oder eine Rede zum Thema „Was hält eine Gesellschaft zusammen?“ verfassen. Alternativ entwickeln sie eine Charta für eine sorgende Schule. Darin formulieren sie konkrete Rechte, Verantwortlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten. Eine abschließende Reflexion kann mit drei Sätzen erfolgen: Das habe ich verstanden. Darüber möchte ich weiter nachdenken. Dafür möchte ich Verantwortung übernehmen.

Frage: Was versteht Jule Govrin unter strategischem Optimismus? Antwort: Gemeint ist eine bewusst eingeübte Zuversicht, die Schwierigkeiten nicht leugnet. Hoffnung entsteht für Govrin besonders durch gemeinschaftliches Handeln, solidarische Beziehungen und das Wissen, dass gesellschaftliche Veränderungen möglich sind.

Frage: Warum sieht Govrin Gemeinschaft als Quelle der Hoffnung? Antwort: Nachbarschaftliche Beziehungen geben emotionalen Halt und ermöglichen gegenseitige Unterstützung. Menschen erleben, dass sie Krisen nicht allein bewältigen müssen und gemeinsam etwas verändern können.

Frage: Welche Verbindung sieht Govrin zwischen Autoritarismus und Antifeminismus? Antwort: Autoritäre Bewegungen vertreten häufig starre Geschlechterbilder und ein Ideal aggressiver Männlichkeit. Feministische Bewegungen werden zum Feindbild, weil sie Gleichheit, freie Lebensentwürfe und demokratische Teilhabe fördern.

Frage: Warum können traditionelle Geschlechterrollen auf manche Menschen anziehend wirken? Antwort: Govrin erklärt dies mit dem Wunsch nach Sicherheit in einer unübersichtlichen und krisenhaften Welt. Feste Rollen vermitteln scheinbar Stabilität und Orientierung. Problematisch werden sie, wenn sie Abhängigkeit erzeugen und Menschen ihre Freiheit nehmen.

Frage: Was meint Gleichheit im Video? Antwort: Gleichheit bedeutet nicht, dass alle Menschen identisch sind. Menschen sollen trotz ihrer Unterschiede als gleichwertig und frei anerkannt sowie entsprechend behandelt werden.

Frage: Warum nimmt Govrin den Körper als Ausgangspunkt ihrer Theorie? Antwort: Alle Menschen sind körperliche und verletzliche Wesen. Sie benötigen Schutz, Nahrung, Anerkennung und Fürsorge. Diese gemeinsame Abhängigkeit verbindet Menschen, auch wenn ihre Körper und Lebensbedingungen unterschiedlich sind.

Frage: Weshalb kritisiert Govrin einen zu engen Begriff der Vernunft? Antwort: In der Geschichte wurden bestimmte Menschen nicht als vollständig vernünftig anerkannt und deshalb von politischen Rechten ausgeschlossen. Dies betraf unter anderem Frauen, versklavte Menschen, arme Menschen und Menschen mit Behinderungen. Govrin sucht daher nach einem Verständnis von Gleichheit, das weniger ausschließend ist.

Frage: Welche Bedeutung hat die Revolution in Haiti für Govrins Theorie? Antwort: Versklavte Menschen forderten die universellen Prinzipien von Freiheit und Gleichheit auch für sich selbst ein. Die Revolution zeigt, dass Gleichheit nicht nur von Regierungen gewährt wird, sondern von ausgeschlossenen Menschen erkämpft und verwirklicht werden kann.

Frage: Was bedeutet Universalismus von unten? Antwort: Gleichheit entsteht nach Govrin nicht allein durch abstrakte Gesetze oder Entscheidungen politischer Autoritäten. Sie wird durch soziale Bewegungen, gemeinschaftliche Organisation und den Einsatz ausgeschlossener Menschen praktisch hervorgebracht.

Frage: Was ist Sorgearbeit? Antwort: Sorgearbeit umfasst Tätigkeiten, die menschliches Leben erhalten und unterstützen. Dazu gehören Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt, emotionale Begleitung und Versorgung. Sie kann unbezahlt in Familien oder bezahlt in sozialen Berufen geleistet werden.

Frage: Warum wird Sorgearbeit häufig gering bewertet? Antwort: Govrin führt dies auf die historische Trennung zwischen bezahlter Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit im privaten Haushalt zurück. Da Sorgearbeit nur begrenzt auf Gewinn ausgerichtet werden kann, wird sie wirtschaftlich und gesellschaftlich oft abgewertet.

Frage: Warum übernehmen Frauen noch immer einen großen Teil der unbezahlten Arbeit? Antwort: Historisch gewachsene Geschlechterrollen weisen Frauen die Verantwortung für Haushalt, Kinder und Pflege zu. Diese Vorstellungen wirken bis heute nach und beeinflussen Berufswahl, Einkommen, Arbeitszeiten und familiäre Aufgabenverteilung.

Frage: Welche Bedeutung zeigte die Corona Krise für die Bewertung von Arbeit? Antwort: In der Krise wurde deutlich, dass Pflege, Betreuung, Versorgung, Transport und Verkauf lebensnotwendig sind. Viele dieser Tätigkeiten werden dennoch vergleichsweise schlecht bezahlt und unter hohem Zeitdruck ausgeübt.

Frage: Was verspricht sich Govrin von der Vier Tage Woche? Antwort: Eine kürzere Erwerbsarbeitszeit könnte mehr Raum für Familie, Pflege, Erholung und gesellschaftliches Engagement schaffen. Govrin verbindet den Vorschlag deshalb nicht nur mit Gesundheit, sondern auch mit der Stärkung der Demokratie.

Frage: Warum benötigt Demokratie Zeit? Antwort: Demokratie lebt davon, dass Menschen sich informieren, miteinander beraten, Konflikte austragen und Verantwortung übernehmen. Wer durch Erwerbsarbeit und Sorgearbeit dauerhaft erschöpft ist, hat dafür weniger Kraft und Zeit.

Frage: Was ist eine sorgende Stadt? Antwort: Eine sorgende Stadt baut Betreuung, Gesundheitsversorgung und öffentliche Begegnungsräume aus. Gleichzeitig stärkt sie Nachbarschaften und bezieht die Bevölkerung in politische Entscheidungen ein. So werden soziale, demokratische und ökologische Ziele miteinander verbunden.

Frage: Warum soll Solidarität keine Grenzen haben? Antwort: Eine Gemeinschaft, die nur Menschen unterstützt, die ihr ähnlich sind, schließt andere aus. Govrin versteht Solidarität als Verantwortung, die auch Menschen jenseits der eigenen Gruppe und nationaler Grenzen einschließt.

Frage: Was zeigt das Beispiel des Orangenpflückers aus Mali? Antwort: Es zeigt, wie globale Lieferketten mit unsicheren und rechtswidrigen Arbeitsbedingungen verbunden sein können. Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus oder Arbeitsvertrag sind besonders leicht ausbeutbar und können sich schwer gegen Unrecht wehren.

Frage: Was bedeutet strukturelle Verwundbarkeit? Antwort: Menschen sind nicht nur von Natur aus verletzlich. Politische und wirtschaftliche Bedingungen können ihre Gefährdung verstärken. Fehlende Rechte, Armut, unsichere Arbeit und drohende Abschiebung machen bestimmte Gruppen besonders verwundbar.

Frage: Welche Alternative stellt Govrin einer ausschließlich am Profit orientierten Wirtschaft gegenüber? Antwort: Sie wirbt für gemeinwohlorientierte Wirtschaftsformen, Genossenschaften, öffentliche Versorgung und demokratische Beteiligung. Wirtschaft soll zuerst dem guten Leben aller Menschen und der Erhaltung natürlicher Lebensgrundlagen dienen.

Frage: Welche Aufgabe hat Philosophie nach Govrins Auffassung? Antwort: Philosophie soll gesellschaftliche Verhältnisse kritisieren, politische Vorstellungskraft erweitern und vorhandene Alternativen sichtbar machen. Sie soll dabei von konkreten Erfahrungen und sozialen Bewegungen lernen.

Frage: Welche Verbindung besteht zwischen dem Video und christlicher Ethik? Antwort: Beide betonen die Würde jedes Menschen, die Verantwortung für verletzliche Personen, Solidarität, gerechte Teilhabe und die Sorge für die Gemeinschaft. Govrin argumentiert philosophisch und politisch, während christliche Ethik diese Anliegen zusätzlich aus dem Glauben an Gott und der Botschaft Jesu begründet.

Frage: Welche zentrale Botschaft vermittelt das Video? Antwort: Eine gerechte Gesellschaft entsteht nicht allein durch Gesetze oder wirtschaftliches Wachstum. Sie benötigt Menschen, die Sorgearbeit anerkennen, füreinander Verantwortung übernehmen, Unterschiede respektieren und Gleichheit im Alltag gemeinsam verwirklichen.


Das Video eignet sich besonders für den Religionsunterricht ab Klasse 9 sowie in der Oberstufe, da es zentrale sozialethische Fragen berührt, die in kirchlichen Dokumenten und in der katholischen Soziallehre eine hohe Relevanz besitzen: Würde und Gleichheit aller Menschen, gerechte Teilhabe, Verantwortung für benachteiligte Gruppen, solidarisches Zusammenleben und die Frage nach einer menschenfreundlichen Ökonomie. Govrins Ansatz, Gleichheit nicht abstrakt, sondern verkörpert zu denken, eröffnet Schülerinnen und Schülern einen unmittelbaren Zugang: Sie erkennen, dass soziale und politische Fragen immer auch mit den Lebensrealitäten konkreter Menschen zusammenhängen – mit Verletzlichkeit, Abhängigkeit, Schutzbedürfnissen und Machtverhältnissen. Damit wird eine Perspektive gestärkt, die auch biblisch und theologisch vertraut ist, etwa in Jesu Zuwendung zu Verletzlichen, im Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder in den Visionen einer gerechten Gemeinschaft (z. B. Apg 2).

Im Unterricht lassen sich verschiedene thematische Linien aufgreifen: Zum einen die Frage nach Care-Arbeit, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und ihrer systematischen Abwertung. Schülerinnen und Schüler können anhand eigener Erfahrungen im familiären Umfeld oder anhand beobachteter Rollenbilder reflektieren, wie Sorgearbeit verteilt ist, wie sie wahrgenommen wird und welche strukturellen Ungerechtigkeiten darin sichtbar werden. Zum anderen wird der Blick auf globale Zusammenhänge gelenkt – etwa durch das Beispiel migrantischer Arbeiter*innen in europäischen Landwirtschaftssystemen –, wodurch Verantwortungsfragen, Konsum- und Gerechtigkeitsethik sowie die Idee einer weltweiten Solidarität greifbar werden. Govrins Begriff der „differentiellen Ausbeutung“ lässt sich gut mit dem katholischen Prinzip der Option für die Armen, mit sozialethischen Leitprinzipien wie Subsidiarität und Solidarität oder mit Papst Franziskus’ Kritik an globalen Ungleichheiten in Laudato si’ und Fratelli tutti verbinden.

Methodisch bietet das Video zahlreiche Anknüpfungsmöglichkeiten für dialogische und partizipative Lernformen. Es eignet sich etwa für arbeitsteilige Erkundungen der Themenfelder Gleichheit – Körper – Sorgearbeit – Demokratie – globale Gerechtigkeit. Auch biografisches Lernen ist möglich: Govrin erzählt von ihrem Aufwachsen in einer Regenbogenfamilie und von alternativen Formen gemeinschaftlicher Sorge – ein Impuls, um über vielfältige Familienformen, soziale Netzwerke und Solidaritätspraktiken nachzudenken. Die Überlegungen zur Vier-Tage-Woche und zur Stärkung demokratischer Teilhabe regen dazu an, über Zeitgerechtigkeit, soziale Erschöpfung und die Bedingungen einer lebendigen Demokratie zu sprechen. Ebenso lassen sich Zukunftsvorstellungen („reale Utopien“) bearbeiten: Was bedeutet Demokratie als Lebensform? Wie könnte eine „sorgende Stadt“ aussehen? Was wäre notwendige Infrastruktur, damit Menschen gut leben und füreinander einstehen können? Durch die Zuspitzung auf konkrete Beispiele wird politische Philosophie für Jugendliche nicht abstrakt, sondern alltagsnah, lebensweltlich relevant und mit eigenen Erfahrungen verknüpfbar.

Religionspädagogisch eröffnet das Medium Räume für die Entwicklung ethischer Urteilskompetenz sowie für die Reflexion eigener Haltungen zu Gleichheit, Menschenwürde und Verantwortung. Die Lernenden erleben, wie philosophische Reflexion und gesellschaftliche Praxis zusammengehören – eine Einsicht, die im Religionsunterricht durch biblische Botschaften, kirchliche Soziallehre und persönliche Lebensfragen vertieft werden kann. Die Sendung fördert Sensibilität für Ungerechtigkeiten, Empathie gegenüber verletzlichen Gruppen, Mut zu gesellschaftlicher Veränderung und die Bereitschaft, im eigenen Umfeld solidarische Praktiken zu stärken. Damit unterstützt sie zentrale Bildungsanliegen einer zeitgemäßen Religionspädagogik: junge Menschen zu befähigen, die Welt verantwortungsvoll mitzugestalten und im Licht christlicher Hoffnung an der Vision einer gerechteren Gesellschaft mitzuwirken.

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