Das Material eignet sich besonders für den Religionsunterricht der Sekundarstufe II sowie für anspruchsvolle Lerngruppen der Sekundarstufe I im Rahmen von Unterrichtseinheiten zu Gottesvorstellungen, Religionskritik, Glaube und Vernunft oder Weltanschauungen in der modernen Gesellschaft. Methodisch bietet sich zunächst eine arbeitsteilige Erschließung der Begriffe Agnostizismus, Atheismus und Neuer Atheismus an. Die Lernenden können die jeweiligen Positionen vergleichen und deren erkenntnistheoretische Voraussetzungen herausarbeiten. Das Interview mit Richard Dawkins eignet sich besonders für Methoden des kontroversen Lernens. So können die Argumente Dawkins in Partnerarbeit, Rollenspielen, Debatten oder einem Streitgespräch rekonstruiert und kritisch geprüft werden. Ebenso bietet sich die Durchführung eines philosophischen Gesprächs zur Frage an, ob Moral auf Religion angewiesen ist oder unabhängig von religiösen Überzeugungen begründet werden kann. Durch die Gegenüberstellung religiöser und religionskritischer Positionen werden Urteilskompetenz, Argumentationsfähigkeit und Perspektivübernahme gefördert. Darüber hinaus kann das Material mit klassischen religionskritischen Ansätzen von Feuerbach, Marx, Nietzsche oder Freud verbunden werden. Auch aktuelle gesellschaftliche Fragen nach religiösem Fundamentalismus, wissenschaftlicher Rationalität, Säkularisierung und dem Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft können aufgegriffen werden. Die abschließende Reflexion ermöglicht es den Lernenden, die eigene Position zur Gottesfrage zu entwickeln, zu begründen und respektvoll mit anderen Weltanschauungen ins Gespräch zu kommen.
Der Einstieg gelingt durch die Erarbeitung des Begriffs Agnostizismus: Agnostiker bestreiten nicht die Existenz Gottes, gehen aber davon aus, dass man über ihn nichts wissen kann, da Gott nicht empirisch erfahrbar ist. Erkenntnis sei nur über Dinge möglich, die sinnlich wahrnehmbar sind. Der Philosoph Herbert Schnädelbach wird mit der Aussage zitiert, dass man von Gott weder wissen könne, ob er existiert, noch wo er ist – weil Wissen eine begründete, überprüfbare Überzeugung voraussetze.
Im zweiten Teil beschreibt Thoma den Neuen Atheismus, eine Bewegung, die seit etwa 2005 – vor allem durch Naturwissenschaftler und Philosophen wie Richard Dawkins, Sam Harris, Christopher Hitchens, Daniel Dennett und Michel Onfray – eine Befreiung von Religion und religiösem Denken fordert. Vertreter*innen dieser Strömung argumentieren häufig evolutionstheoretisch und wenden sich entschieden gegen Fundamentalismus, Dogmatismus und religiös motivierte Gewalt. Sie plädieren für Rationalität, wissenschaftliches Denken und kritische Auseinandersetzung mit religiösen Texten. Ideengeschichtlich wird der Neue Atheismus sowohl mit den Debatten um die Evolutionstheorie im frühen 20. Jahrhundert als auch mit der Kritik an religiösem Extremismus am Ende des 20. Jahrhunderts verbunden.
Im Anschluss enthält das Material ein Interview mit Richard Dawkins, das 2007 im Stern erschienen ist. Darin erklärt Dawkins, er sei Agnostiker, da absolute Gewissheit über die Existenz oder Nichtexistenz Gottes wissenschaftlich nicht möglich sei. Er kritisiert die Vorstellung eines strafenden und patriarchalen Gottesbildes im Alten Testament und vertritt die These, dass moralisches Handeln unabhängig von Religion möglich ist. Moralische Maßstäbe entstünden vielmehr aus dem gesellschaftlichen Wandel und einem „Mechanismus“ im Menschen, der sich an den jeweiligen Zeitgeist anpasse. Auf die Frage, ob die Welt ohne Religion besser wäre, antwortet Dawkins mit „Ja“, räumt aber ein, dass dies ungewiss bleibe, da es sowohl gute als auch schlechte religiöse Menschen gebe.
Das Material eignet sich für den Ethik- oder Religionsunterricht, um Schüler*innen die zentralen Unterschiede zwischen Atheismus und Agnostizismus aufzuzeigen, den Neuen Atheismus als moderne Form der Religionskritik zu analysieren und die Diskussion über die Herkunft moralischer Werte und die gesellschaftliche Rolle von Religion anzuregen.