Der Text beschreibt die tiefe marianische Frömmigkeit in Nicaragua, die bis heute prägend für Kultur, Religion und nationale Identität ist. Lateinamerika ist stark von katholischer Tradition geprägt, wobei besonders die Verehrung der Jungfrau Maria eine zentrale Rolle spielt. In Nicaragua gilt sie als „Unbefleckte Empfängnis“ und wird als „La Purísima“ (die Reine) verehrt. Diese Tradition geht auf das 16. Jahrhundert zurück, als die Franziskaner die Verehrung nach Ankunft der Spanier verbreiteten. Eine bedeutende Marienstatue gelangte damals durch ein als göttliches Zeichen verstandenes Schiffsunglück nach El Viejo, wo sie bis heute im nationalen Heiligtum aufbewahrt wird und 2001 offiziell zur Landespatronin erklärt wurde.
Die Verehrung entwickelte sich über Jahrhunderte zu einem Volksfest mit liturgischen, kulturellen und familiären Dimensionen. Besonders das Fest „La Gritería“ am 7. Dezember, das mit dem Ruf „Was bereitet uns so viel Freude? – Die Empfängnis Mariens!“ begangen wird, gilt als nationales Großereignis. Dabei schmücken Familien ihre Häuser mit Altären, es gibt Prozessionen, Lieder, Gebete und das Verteilen von Süßigkeiten oder kleinen Gaben an Kinder und Nachbarn. Auch in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Not hielten die Menschen an dieser Tradition fest, indem sie anstelle von Süßigkeiten Grundnahrungsmittel wie Reis oder Zucker verschenkten.
Die Feste sind nicht nur Ausdruck religiöser Hingabe, sondern auch gelebte Solidarität und kulturelle Identität. Sie verbinden Generationen, Familien und sogar politisch verfeindete Gruppen. Maria gilt als Schutzpatronin, Trösterin und Mittlerin, zu der sich Gläubige in persönlichen Nöten wenden. Zeugnisse von Wundern und Heilungen unterstreichen die Bedeutung der Marienverehrung für den Alltag der Menschen. So ist die „Purísima“ nicht nur ein kirchliches Fest, sondern ein Element nationaler Einheit, das religiöse, soziale und kulturelle Aspekte des Lebens in Nicaragua miteinander verbindet.