Unterrichtsstunde: "Thomas von Aquin und die Frage nach Kontingenz und Notwendigkeit"
Dauer:90 Minuten
(I) Einführung (15 Minuten)
Einstieg mit einer Frage: „Gibt es Dinge, die für unser Leben absolut notwendig sind? Wenn ja, welche und warum?“
Kurzvorstellung des Themas: Einführung in Thomas von Aquins „Dritten Weg“ – die philosophische Frage nach Kontingenz (das Zufällige) und Notwendigkeit (das unbedingt Existierende).
Videoausschnitt zeigen: Präsentation des Videosegmentes 00:00 bis 02:05, um den Kontext von Kontingenz und Notwendigkeit zu verdeutlichen.
Kurze Begriffsklärung: Besprechung der Begriffe „kontingent“ und „notwendig“ im Alltag und in der Philosophie.
(II) Diskussion (20 Minuten)
Diskussionsfragen:
„Warum glaubt ihr, sind einige Dinge notwendiger als andere?“
„Wenn alles im Universum nur zufällig entstanden ist, könnte dann alles wieder verschwinden?“
„Wäre es möglich, dass das Universum und alles darin keinen Anfang hat?“
Kleine Gruppenarbeit: Die Klasse wird in Gruppen aufgeteilt, und jede Gruppe bearbeitet eine Frage. Sie sollen Argumente finden und eine kurze Antwort formulieren.
Präsentation der Gruppenergebnisse: Jede Gruppe stellt ihre Ergebnisse der Klasse vor, was zu einer offenen Diskussion über die Notwendigkeit und Kontingenz führt.
Warum glaubt ihr, sind einige Dinge notwendiger als andere?
Einige Dinge erscheinen uns notwendiger als andere, weil sie eine fundamentale Rolle in unserer Existenz und im Fortbestand des Lebens spielen. Wasser und Luft beispielsweise gelten als notwendig, weil ohne sie biologisches Leben, wie wir es kennen, unmöglich wäre. Solche Dinge sind unentbehrlich für die Grundlagen unseres Lebens. Andere Dinge, wie materielle Besitztümer, sind für das Überleben weniger wichtig und werden daher als weniger notwendig betrachtet. In der Philosophie und Theologie wird zudem zwischen Dingen unterschieden, die zufällig existieren, und jenen, die aus sich selbst heraus notwendig sind, wie das Konzept Gottes, das unabhängig existiert und nicht verschwinden kann.
Wenn alles im Universum nur zufällig entstanden ist, könnte dann alles wieder verschwinden?
Wenn wir annehmen, dass alles zufällig entstanden ist, bedeutet das auch, dass nichts eine innere Notwendigkeit besitzt, dauerhaft zu existieren. Das lässt die Möglichkeit offen, dass alles eines Tages wieder verschwinden könnte, da es keine fundamentale Ursache oder ein absolutes Sein gibt, das das Universum aufrechterhält. Diese Denkweise führt zu der Vorstellung, dass das Universum nur eine zeitliche Erscheinung sein könnte, die irgendwann aufhört zu existieren, wenn die Bedingungen sich ändern oder die Energiequellen erlöschen.
Wäre es möglich, dass das Universum und alles darin keinen Anfang hat?
Die Frage, ob das Universum keinen Anfang hat, ist ein altes philosophisches und wissenschaftliches Rätsel. In der klassischen Philosophie und in manchen Religionen wird die Idee eines ewigen, anfangslosen Universums diskutiert. Auch in der Physik gibt es Modelle, wie die Theorie des „steady-state“ Universums, die vorschlägt, dass das Universum in einem ewigen Gleichgewicht existieren könnte. Ein anfangsloses Universum würde bedeuten, dass es weder geschaffen wurde noch vergehen wird, sondern ewig in irgendeiner Form Bestand hat.
(III) Praktische Anwendung (15 Minuten)
Simulation „Schicksal oder Notwendigkeit?“: In dieser Übung wählen die Schüler ein beliebiges Objekt oder Konzept (z. B. Sonne, Wasser, Freundschaft) und analysieren, ob dieses kontingent oder notwendig ist und warum. Sie sollen Argumente dafür sammeln, warum ihr gewähltes Objekt als notwendig angesehen werden könnte.
Selbstreflexion: Die Schüler notieren ihre Gedanken zur Frage, wie sich die Vorstellung, dass bestimmte Dinge notwendig sind, auf ihre eigene Lebensanschauung auswirkt.
Beispiele zu den Konzepten von Notwendigkeit und Kontingenz:
Notwendigkeit
Naturgesetze: Die Schwerkraft ist notwendig, um die Struktur und Bewegung im Universum zu gewährleisten. Ohne sie würde die Welt, wie wir sie kennen, nicht existieren.
Wasser für Leben: Für das Überleben von Menschen und vielen Lebewesen ist Wasser eine essentielle Grundlage, die als notwendig betrachtet wird.
Logische Wahrheiten: Aussagen wie „2 + 2 = 4“ gelten als notwendige Wahrheiten, weil sie in jedem denkbaren Kontext wahr sind.
Existenz eines Ursprungs: In der Philosophie wird oft ein „unabhängiges“ Sein oder Gott als notwendiges Prinzip angesehen, das die Grundlage für alles Existierende bildet.
Kontingenz
Individuelle Existenzen: Jedes Individuum ist kontingent, da es geboren wurde und irgendwann sterben wird. Die Existenz ist möglich, aber nicht notwendig.
Lebensbedingungen: Ein Baum existiert nur unter den richtigen Bedingungen, wie Wasser, Sonnenlicht und Nährstoffen. Die Existenz dieses Baums ist kontingent auf äußere Faktoren.
Politische Systeme: Demokratie oder Monarchie sind kontingente Ordnungen, die unter bestimmten historischen Bedingungen existieren, aber nicht unveränderlich sind.
Wetterphänomene: Ein Regenfall oder Sturm ist kontingent, weil es viele Faktoren gibt, die sein Eintreten oder Ausbleiben bedingen.
(IV) Präsentation der praktischen Anwendung (10 Minuten)
Kreative Darstellungen: Jede Gruppe stellt ihr Objekt und die Argumente für dessen Notwendigkeit vor. Sie können dies durch kreative Darstellungen, wie eine kurze Szene, ein Bild oder eine kurze Geschichte, umsetzen.
Feedback-Runde: Die anderen Schüler geben Feedback zu den Präsentationen und stellen Fragen.
(V) Reflexion und Zusammenfassung (10 Minuten)
Reflexionsfrage: „Was bedeutet für euch jetzt der Begriff der Notwendigkeit? Hat sich eure Sichtweise durch die Diskussion geändert?“
Zusammenfassung: Der Lehrer fasst die wichtigsten Punkte zusammen, insbesondere die Idee von Thomas von Aquin, dass es „notwendige“ Dinge gibt, die unabhängig und unveränderlich sind, und wie dies zur Gottesfrage führt.
(VI) Hausaufgabe
Schriftliche Reflexion: „Beschreibe ein Beispiel für etwas in deinem Leben, das notwendig ist, und erkläre, warum du es für notwendig hältst.“
Forschungsaufgabe: Die Schüler recherchieren, welche Argumente heutige Philosophen oder Theologen zur Kontingenz und Notwendigkeit vorbringen, und bringen ein Beispiel für die nächste Stunde mit.
(VII) Abschließende Worte (5 Minuten)
Der Lehrer schließt mit der Überlegung, wie wichtig es ist, Fragen über die Existenz zu stellen, da sie uns helfen, über das „Warum“ des Lebens nachzudenken und möglicherweise einen Sinn in allem zu erkennen.
(VIII) Zusätzliche kreative Ideen
Philosophischer Marktplatz: Die Schüler stellen sich als verschiedene Philosophen oder Denker dar und „werben“ auf dem Marktplatz für ihre Ideen zur Notwendigkeit und Kontingenz.
Kunstprojekt: Die Schüler gestalten ein Bild, das für sie Kontingenz oder Notwendigkeit ausdrückt.
Debatte: Die Schüler werden in Pro- und Contra-Gruppen eingeteilt und debattieren die Frage: „Ist das Universum ohne Anfang denkbar?“
(IX) Bibelzitate zur Vertiefung
Kol 1,17: „Er ist vor allem, und alles hat in ihm Bestand.“
Apg 17,28: „Denn in ihm leben, weben und sind wir.“
Diese Bibelstellen können als Anregung dienen, über die religiöse Vorstellung eines notwendigen Seins (Gottes) und dessen Rolle in der Existenz nachzudenken.
Was versteht Thomas von Aquin unter „kontingenten Dingen“?
Zeitstempel: 00:00:31
Antwort: Kontingente Dinge sind jene, deren Existenz nicht notwendig ist. Sie können existieren, aber es gab eine Zeit, in der sie nicht existierten, und es wird eine Zeit geben, in der sie nicht mehr existieren werden.
Warum argumentiert Thomas, dass es ohne notwendige Dinge zu keiner Existenz kommen könnte?
Zeitstempel: 00:01:01
Antwort: Thomas von Aquin argumentiert, dass, wenn alles kontingent wäre, es irgendwann eine Zeit gegeben hätte, in der nichts existierte. Ohne notwendige Dinge, die unabhängig existieren, wäre die gegenwärtige Existenz unmöglich.
Wie unterscheidet Thomas zwischen der Notwendigkeit der Sonne und des Lichts?
Zeitstempel: 00:01:35
Antwort: Thomas stellt fest, dass die Sonne als hypothetisch notwendiges Ding das Licht verursacht. Die Sonne wäre notwendig in sich, während das Licht eine durch die Sonne verursachte Notwendigkeit besitzt.
Was ist die aristotelische Definition von „Materie“ in Bezug auf notwendige Dinge?
Zeitstempel: 00:07:23
Antwort: In der aristotelischen Philosophie ist Materie etwas, das als reine Potenzialität existiert. Thomas von Aquin sieht Materie nicht als physikalisches Element, sondern als potenzielles Sein, das sich nur in Kombination mit Form manifestiert.
Wie behandelt Thomas von Aquin die Möglichkeit eines unendlichen Universums in Bezug auf notwendige Dinge?
Zeitstempel: 00:09:58
Antwort: Thomas akzeptiert die Idee eines unendlichen Universums und führt an, dass notwendige Dinge trotzdem eine Ursache haben können. Er argumentiert, dass diese Kausalität notwendig ist, selbst für ein unvergängliches Universum.
Was ist das zentrale Thema des dritten Weges von Thomas von Aquin?
A) Ursache und Wirkung
B) Kontingenz und Notwendigkeit
C) Moralische Werte
D) Das Wesen der Engel
Was meint Thomas von Aquin mit „kontingenten Dingen“?
A) Dinge, die notwendig existieren
B) Dinge, die existieren, aber auch nicht existieren könnten
C) Dinge, die zeitlos existieren
D) Dinge, die göttlichen Ursprungs sind
Warum hält Thomas es für unmöglich, dass alle Dinge in einer endlosen Reihe kontingent sind?
A) Weil alles einen Anfang haben muss
B) Weil es eine unendliche Reihe notwendiger Dinge geben müsste
C) Weil ohne notwendige Dinge nichts existieren würde
D) Weil das Universum kontingent ist
Wie definiert Thomas von Aquin „notwendige Dinge“ im Vergleich zu kontingenten Dingen?
A) Als Dinge, die eine inhärente Tendenz zum Zerfall haben
B) Als Dinge, die keine Ursache benötigen
C) Als Dinge, die unabhängig existieren und nicht vergehen
D) Als reine Formen ohne Substanz
Welche Rolle spielen Engel in Thomas' Argumentation über notwendige Dinge?
A) Engel sind die Ursache aller kontingenten Dinge
B) Engel werden als Beispiel für notwendige Wesen betrachtet
C) Engel sind die Ursache der Sonne und des Lichts
D) Engel sind als vergängliche Wesen unbedeutend
Antworten
B) Kontingenz und Notwendigkeit
B) Dinge, die existieren, aber auch nicht existieren könnten
C) Weil ohne notwendige Dinge nichts existieren würde
C) Als Dinge, die unabhängig existieren und nicht vergehen
B) Engel werden als Beispiel für notwendige Wesen betrachtet
Zeitstempel:
00:00:00: Die fünf Wege des Thomas von Aquin und der dritte Weg über Notwendigkeit und Kontingenz.
00:00:31: Erklärung zu kontingenten Dingen und ihrer Existenz, die nicht notwendig ist.
00:01:01: Thomas' Argument, dass es einmal eine Zeit ohne existierende Dinge gab.
00:01:35: Vergleich der Notwendigkeit der Sonne und des Lichts als Ursache und Wirkung.
00:02:05: Diskussion über die Notwendigkeit von Dingen und das Beispiel der Sonne.
00:02:35: Die Idee eines notwendigen Dings, das seine Notwendigkeit nicht von einem anderen erhält.
00:03:07: Hinterfragung einer der Prämissen des Arguments über die Existenz notwendiger Dinge.
00:03:38: Hypothese, dass kontingente Dinge in einer anfangslosen Kette existieren könnten.
00:04:12: Erklärung des Begriffs „Notwendigkeit“ in der modernen Philosophie.
00:04:44: Diskussion über zusammengesetzte Dinge und ihre Tendenz zu zerfallen.
00:05:16: Beschreibung der inhärenten Instabilität zusammengesetzter Dinge.
00:05:48: Erklärung eines Fehlschlusses über das Existieren vergänglicher Dinge.
00:06:21: Möglichkeit, dass alle kontingenten Dinge gleichzeitig vergehen.
00:06:52: Gegenargumente zu Thomas' drittem Weg.
00:07:23: Idee von Materie als notwendiges Ding.
00:07:53: Definition der Materie als Komposition von Form und Materie.
00:08:23: Materie in aristotelischem Sinn und die Idee der Potenzialität.
00:08:56: Mehrere notwendige Dinge und Engel als reine Formen.
00:09:28: Unterschied zwischen kontingenten und notwendigen Dingen.
00:09:58: Unterscheidung von Essenz und Existenz bei notwendigen Dingen.
00:10:29: Schlussfolgerung über das erste notwendige Ding als Ursprung.
00:10:59: Kritik an modernen Lesarten von Thomas' Argumenten.
00:11:32: Problem der Missinterpretation aristotelischer Konzepte in der modernen Zeit.
00:12:05: Abschließende Worte zur Bedeutung des Verständnisses der ursprünglichen Konzepte von Thomas von Aquin.