Das Augustinisch-Scholastische Argument
90 Minuten
Einführung (I)
Zeit: 10 Minuten
Ziel: Einführung in die Begriffe „Realismus“, „Universalien“ und „Göttlicher Intellekt“.
Material: Kurze Videosequenz (3–4 Minuten) aus dem Video, die die drei Realismus-Arten (platonisch, aristotelisch, scholastisch) erläutert.
Methode: Lehrkraft erklärt anhand der Videosequenz, wie Universalien und abstrakte Begriffe in der Philosophie existieren können und führt die Schüler in die Idee des göttlichen Intellekts als „Hort der universellen Wahrheiten“ ein.
Diskussion (II)
Zeit: 20 Minuten
Ziel: Kritische Auseinandersetzung mit den philosophischen Konzepten und eine Verbindung zu alltäglichen Vorstellungen.
Fragestellungen:
Gibt es Ideen oder Begriffe, die unabhängig von unserer Realität existieren?
Könnte „Gerechtigkeit“ oder „Liebe“ eine eigene Realität haben, oder sind sie rein menschliche Konzepte?
Wenn es einen göttlichen Intellekt gibt, der alle Universalien enthält – was würde das über die menschliche Fähigkeit zur Erkenntnis bedeuten?
Methode: Klassische Diskussionsrunde, bei der Schüler ihre Sichtweisen teilen und darauf aufbauend kritisch hinterfragen, ob abstrakte Begriffe eine eigene Existenz haben können.
Gibt es Ideen oder Begriffe, die unabhängig von unserer Realität existieren?
Viele Philosophen, vor allem Platon, glauben, dass es Ideen und Universalien gibt, die unabhängig von der materiellen Welt existieren, wie etwa mathematische Konzepte (Dreieckigkeit, Zahlentheorie) oder moralische Werte. Diese Ideen existieren als perfekte, unveränderliche Formen in einem „Reich der Ideen“. Selbst wenn kein Mensch an sie denkt oder die physische Welt nicht existieren würde, wären diese Ideen weiterhin „wahr“. Andere Denker hingegen vertreten, dass Ideen ohne menschliches Bewusstsein keinen unabhängigen Status haben und nur innerhalb unserer Realität und Denkweise existieren.
Könnte „Gerechtigkeit“ oder „Liebe“ eine eigene Realität haben, oder sind sie rein menschliche Konzepte?
Gerechtigkeit und Liebe könnten als Universalien eine eigene Realität haben, ähnlich wie Platon es beschreibt: als ideale Formen, die wir in der Welt nur annäherungsweise erleben. Gerechtigkeit und Liebe wären dann keine Erfindungen des Menschen, sondern zeitlose Prinzipien, die über uns hinaus existieren. Alternativ kann man argumentieren, dass Gerechtigkeit und Liebe von menschlichen Emotionen, Gesellschaften und Beziehungen geschaffen wurden und daher nur im menschlichen Denken und Handeln existieren. Aus dieser Perspektive sind sie nicht „ewig“, sondern wandelbare Konstrukte, die sich mit unseren Wertvorstellungen ändern.
Wenn es einen göttlichen Intellekt gibt, der alle Universalien enthält – was würde das über die menschliche Fähigkeit zur Erkenntnis bedeuten?
Die Existenz eines göttlichen Intellekts, der alle Wahrheiten und Universalien umfasst, könnte bedeuten, dass der Mensch nur einen begrenzten Zugang zu diesen höheren Wahrheiten hat. Unser Wissen und unsere Einsichten wären nur Fragmente der umfassenden Wahrheit, die im göttlichen Intellekt existiert. Dies würde die menschliche Erkenntnis als unvollständig, aber strebenswert darstellen: Wir könnten uns dem Wissen annähern, ohne es jemals ganz zu erreichen. Andererseits könnte der göttliche Intellekt uns eine Art „Leitfaden“ bieten, wodurch bestimmte Wahrheiten für den Menschen überhaupt erst zugänglich werden, vielleicht durch Intuition, Gewissen oder Offenbarung.
Praktische Anwendung (III)
Zeit: 20 Minuten
Ziel: Die Schüler gestalten ein eigenes Modell zu einem der drei Realismus-Arten, das eine abstrakte Idee darstellt.
Aufgabe:
Die Klasse wird in drei Gruppen aufgeteilt: Platonischer Realismus, Aristotelischer Realismus und Scholastischer Realismus.
Jede Gruppe soll mit Papier und Stiften, oder einem kreativen Medium ein Modell für eine Abstraktion wie „Dreieckigkeit“ oder „Mut“ gestalten.
Die Schüler visualisieren, wo und wie diese Idee existiert: in einer eigenen Idee (Platon), in Dingen selbst (Aristoteles) oder im göttlichen Intellekt (Scholastik).
Antizipierte Möglichkeiten:
Platonischer Realismus (Idee in einem eigenen Reich)
Beispiel: „Gerechtigkeit“ als Idee: Schüler können Gerechtigkeit als eine perfekte, abstrakte Form visualisieren, die in einem eigenen „Reich der Ideen“ existiert und unveränderlich bleibt, unabhängig von menschlichen Gesetzen oder kulturellen Unterschieden. Sie könnten diese Form als leuchtende, unberührbare Skulptur darstellen, die alles menschliche Streben nach Gerechtigkeit inspiriert, aber in ihrer Vollkommenheit nie vollständig erreicht wird.
Darstellungsmöglichkeit: Eine Zeichnung eines idealen Gerichts mit einer symbolischen Waage, die im Raum schwebt, unberührt von irdischer Realität.
Aristotelischer Realismus (Idee in Dingen selbst)
Beispiel: „Mut“ im Alltag: Mut wird hier als Eigenschaft gesehen, die in realen Handlungen existiert, zum Beispiel in der mutigen Tat eines Feuerwehrmannes oder einer Person, die sich für die Wahrheit einsetzt. Der Mut ist nicht in einem abstrakten Reich, sondern in konkreten Situationen. Schüler können sich vorstellen, dass Mut „in“ diesen Taten und Menschen existiert und durch konkrete Handlungen sichtbar wird.
Darstellungsmöglichkeit: Eine Collage aus Bildern, die verschiedene Situationen zeigen, in denen Mut im Alltag erkennbar ist – etwa im Sport, im Rettungsdienst oder im Einsatz für andere.
Scholastischer Realismus (Idee im göttlichen Intellekt)
Beispiel: „Wahrheit“ als göttliches Prinzip: Wahrheit existiert hier als universelle Idee im Intellekt Gottes und gibt Orientierung für alle Erkenntnis und Wissenschaft. Auch wenn Menschen unterschiedliche Wahrheiten entdecken, bleibt die absolute Wahrheit in Gottes Intellekt unverändert und vollständig. Schüler könnten diese Idee als eine Art göttliche „Wissensquelle“ darstellen, aus der alles Wissen und jede Erkenntnis hervorgeht.
Darstellungsmöglichkeit: Eine Darstellung eines leuchtenden Lichtstrahls, der die Erde aus einem höheren Bereich erreicht, mit Menschen, die das Licht (die Wahrheit) reflektieren.
Präsentation der praktischen Anwendung (IV)
Zeit: 15 Minuten
Ziel: Die Modelle und Ideen der Gruppen vorstellen und verteidigen.
Methode: Jede Gruppe präsentiert ihr Modell und erklärt, warum dieses den jeweiligen Realismus-Typ repräsentiert.
Lehrkraft: Stellt herausfordernde Fragen, um die Schüler zu motivieren, ihre Ansichten tiefer zu durchdenken und philosophische Argumente zu formulieren.
Reflexion und Zusammenfassung (V)
Zeit: 10 Minuten
Ziel: Reflektion über den Wert und die Bedeutung der drei Realismus-Konzepte.
Methode: Die Lehrkraft führt ein Reflexionsgespräch, indem sie die Schüler fragt:
Welcher Ansatz scheint am meisten mit ihrer eigenen Sichtweise übereinzustimmen?
Wie könnten diese Konzepte auf moderne ethische Fragen oder wissenschaftliche Entdeckungen angewendet werden?
Welche Vorteile und Herausforderungen sehen sie in der Idee eines „göttlichen Intellekts“?
Hausaufgabe (VI)
Zeit: 5 Minuten Erklärung
Aufgabe: Die Schüler schreiben einen kurzen Aufsatz (ca. 300 Wörter) zu der Frage:
„Was bedeutet es, dass ein göttlicher Intellekt alle Wahrheiten kennt? Welche Implikationen könnte das für die menschliche Suche nach Wahrheit haben?“
Abschließende Worte (VII)
Zeit: 5 Minuten
Inhalt: Die Lehrkraft gibt den Schülern motivierende Worte zur philosophischen Suche nach Wahrheit mit und betont die Relevanz dieser Fragen für ihr persönliches und spirituelles Wachstum.
Zusätzliche kreative Ideen (VIII)
Philosophische Café-Diskussionen: Organisieren Sie am Ende eines Schuljahres eine Sitzung, in der Schüler ihre Gedanken zum Thema Realismus vs. Nominalismus als fiktive Philosophen teilen.
Debattenprojekt: Erstellen Sie im Semester ein „Wahrheitsparlament“, wo die Schüler Argumente über Universalien und göttliche Intelligenz debattieren und schließlich abstimmen.
Kunstprojekt: Lassen Sie Schüler künstlerisch darstellen, was sie sich unter Universalien oder „Ideen“ vorstellen.
Bibelzitate (IX)
Johannes 1:1: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“
Interpretation: Dieses Zitat kann als Beispiel für die Existenz universeller Wahrheiten oder Prinzipien, die im „Wort“ oder göttlichen Intellekt verankert sind, dienen.
Sprüche 2:6: „Denn der Herr gibt Weisheit, und aus seinem Munde kommt Erkenntnis und Einsicht.“
Interpretation: Ein Hinweis darauf, dass Weisheit und Wissen aus einer göttlichen Quelle stammen, im Sinne eines göttlichen Intellekts, der alle Universalien umfasst.
Was ist die Grundidee des platonischen Realismus, und warum wird er als „strenger Realismus“ bezeichnet?
00:01:02
Antwort: Der platonische Realismus betrachtet Universalien als unabhängig von der materiellen Welt und dem menschlichen Verstand, existierend in einem eigenen „Reich der Ideen“. Dieser Ansatz wird als strenger Realismus bezeichnet, da die Universalien nur in diesem Ideenreich existieren und nicht durch die physische Welt oder den Verstand beeinflusst werden.
Wie unterscheidet sich der aristotelische Realismus vom platonischen Realismus?
00:03:38
Antwort: Der aristotelische Realismus, auch als „gemäßigter Realismus“ bekannt, geht davon aus, dass Universalien tatsächlich in den Dingen selbst existieren und nicht in einem abstrakten Reich. Aristoteles sieht Universalien als in den einzelnen Dingen präsent, und der Verstand abstrahiert diese Form aus den konkreten Objekten.
Welche Rolle spielt der „ewige Intellekt“ im scholastischen Realismus, und wie unterscheidet er sich von den Vorstellungen Platons und Aristoteles’?
00:09:43
Antwort: Der scholastische Realismus integriert Elemente beider Realismen, Platons und Aristoteles’, und verortet Universalien in einem „ewigen Intellekt“ – einem göttlichen Bewusstsein, das alle Wahrheiten und Universalien umfasst. Anders als bei Platon und Aristoteles wird der „ewige Intellekt“ als ein allumfassender Bereich verstanden, in dem alle abstrakten Konzepte wie mathematische Objekte und mögliche Welten existieren.
Was ist der Hauptunterschied zwischen platonischem und aristotelischem Realismus?
A) Der platonische Realismus sieht Universalien als in den Dingen selbst existent, während Aristoteles sie im Verstand verortet.
B) Der platonische Realismus betrachtet Universalien als im Reich der Ideen existent, während Aristoteles sie in den Dingen selbst verortet.
C) Beide Realismen sehen Universalien als Ideen, die nur im menschlichen Verstand existieren.
D) Der platonische Realismus lehnt Universalien vollständig ab.
Warum wird der aristotelische Realismus als „gemäßigt“ bezeichnet?
A) Weil er Universalien als real, aber in den Dingen selbst vorhanden betrachtet.
B) Weil er Universalien als menschliche Erfindung ansieht.
C) Weil er eine Kompromisslösung zwischen Nominalismus und Konzeptualismus darstellt.
D) Weil er die Existenz von Universalien vollständig ablehnt.
Welche Auffassung hat der scholastische Realismus im Vergleich zum platonischen und aristotelischen Realismus?
A) Universalien existieren nur im menschlichen Verstand.
B) Universalien existieren im Reich der Ideen unabhängig vom menschlichen Verstand.
C) Universalien existieren entweder in den Dingen selbst oder als Abstraktionen im göttlichen Intellekt.
D) Universalien sind rein nominal und keine eigenständigen Entitäten.
Welche Rolle spielt der „ewige Intellekt“ im scholastischen Realismus?
A) Der „ewige Intellekt“ wird als eine Form menschlicher Rationalität gesehen.
B) Er ist der Bereich, in dem Universalien, mathematische Objekte und mögliche Welten existieren.
C) Der „ewige Intellekt“ existiert nur in abstrakten Konzepten und hat keine reale Bedeutung.
D) Er repräsentiert einen Wechsel zum Nominalismus.
Welcher Einwand wird gegen das Argument eines allwissenden göttlichen Intellekts vorgebracht?
A) Die Menge aller Wahrheiten kann wegen der Kantorschen Mengenlehre nicht existieren.
B) Es gibt keine logische Begründung für die Existenz eines allwissenden Intellekts.
C) Nur der menschliche Verstand kann Abstraktionen erkennen.
D) Das Konzept des „ewigen Intellekts“ widerspricht der Existenz von Propositionen.
Antworten
1 B, 2 A, 3 C, 4 B, 5 A