Andrea Velthaus-Zimny stellt dar, wie Jean-Paul Sartres Einakter „Huis clos“ („Geschlossene Gesellschaft“, Uraufführung 1944 in Paris) im Religionsunterricht – insbesondere ab Klasse 10 – eingesetzt werden kann, um eine Unterrichtsreihe zu Bildern und Vorstellungen eines jenseitigen Lebens zu eröffnen. Sartres Höllenbild eignet sich dafür besonders, weil es sich radikal von traditionellen religiösen Vorstellungen unterscheidet: Keine Feuer, keine Teufel, kein Schwefel – vielmehr besteht die Hölle in einer existenziellen Ausgeliefertheit an andere Menschen. Der berühmte Satz „Die Hölle, das sind die anderen“ bildet die zentrale Pointe des Stückes.
Die Autorin schlägt ein schrittweises methodisches Vorgehen vor. Zunächst lesen die Schülerinnen und Schüler ausgewählte Szenen mit verteilten Rollen, möglichst ohne ausführliche Vorinformationen zu Sartres Existentialismus, um eine unvoreingenommene Begegnung mit dem Text zu ermöglichen. Während des Lesens markieren die Lernenden Unverständliches mit Fragezeichen und besonders bedeutsame oder irritierende Aussagen mit Ausrufezeichen. In einer anschließenden Verständigungsphase werden Begriffe geklärt und erste Eindrücke gesammelt. Die Schülerinnen und Schüler notieren auf Kärtchen ihre Assoziationen und tauschen sich im Plenum oder in Partnerarbeit darüber aus. Wichtig ist hier die subjektive Annäherung: Welche Gedanken und Gefühle löst das Stück aus?
In einem nächsten Schritt analysieren die Lernenden in Kleingruppen die drei Protagonisten – Inès, Garcin und Estelle – sowie den Ort des Geschehens. Die Ergebnisse werden auf Plakaten festgehalten und vorgestellt. Dabei zeigt sich: Die drei Figuren sind moralisch belastet und tragen Verantwortung für Schuld in ihrem früheren Leben. Inès ist manipulativ, egozentrisch und genießt die Qual anderer; Garcin ist ein feiger Deserteur, der von der Anerkennung durch andere abhängig ist; Estelle ist eitel, selbstbezogen und hat ihr eigenes Kind getötet. Alle drei sind auf Bestätigung durch die anderen angewiesen, gleichzeitig aber unfähig zu echter Beziehung. Der Raum, in dem sie sich befinden, ist heiß, fensterlos, ohne Spiegel und nur spärlich möbliert. Es gibt kein Entkommen, keine Nacht, keinen Schlaf, keinen Tod mehr – sie sind bereits tot. Gerade das Fehlen von Spiegeln ist bedeutsam: Die Figuren sind gezwungen, sich selbst im Blick der anderen zu erkennen. Dadurch entsteht eine unerträgliche wechselseitige Abhängigkeit. Jeder wird zum „Henker“ der anderen, indem er sie durch seinen Blick und seine Urteile festlegt.
Didaktisch wird diese Höllenvorstellung durch eine Positionsdiskussion vertieft: Schülerinnen und Schüler stellen Argumente für und gegen Sartres Höllenbild vor, indem sie im Klassenraum Stellung beziehen und ihre Position bei überzeugenden Argumenten wechseln. So wird deutlich, dass Sartres Hölle nicht als mythologischer Ort, sondern als existenzielle Situation verstanden werden kann: als Gefangensein in der eigenen Schuld und im Urteil anderer.
Ein zentraler Moment des Stückes ist die Szene, in der sich plötzlich die Tür des Raumes öffnet. Garcin könnte gehen, doch keiner der drei verlässt den Raum. Die Lernenden entwickeln zunächst eigene Fortsetzungen der Szene und werden dann mit Sartres Original konfrontiert. Die Entscheidung der Figuren, nicht zu fliehen, bündelt Sartres Aussage: Die Hölle besteht nicht in äußerem Zwang, sondern in innerer Verstrickung. Die Figuren sind unfähig, sich von der Abhängigkeit vom Urteil der anderen zu lösen. Sie bleiben, weil sie die Anerkennung der anderen – selbst in Form von Verachtung – benötigen.
In ihrem Fazit verdeutlicht Velthaus-Zimny, dass Sartres Höllenbild einen bewussten Kontrast zu traditionellen christlichen Vorstellungen darstellt. Es geht nicht um Feuer und Strafen, sondern um Beziehung, Freiheit und Verantwortung. Die existenzialistische Perspektive ermöglicht es, mit Jugendlichen über Schuld, Selbsttäuschung, Authentizität und die Macht des Blicks der anderen nachzudenken. Gerade im Vergleich mit biblischen oder kirchlichen Jenseitsbildern eröffnet Sartres Drama eine intensive Diskussion darüber, was „Hölle“ bedeuten kann – als Ort oder als Zustand, als göttliches Gericht oder als selbstverschuldete Verstrickung. Damit eignet sich der Text als wirkungsvoller Einstieg in eine Unterrichtsreihe zum Thema Himmel, Hölle und Leben nach dem Tod.