Der Artikel porträtiert Johannes Sturm als einen der bedeutendsten Reformatoren des höheren Schulwesens im 16. Jahrhundert, dessen Beitrag lange Zeit durch Martin Luthers dominante Rolle in der Reformationsgeschichte überschattet wurde. Sturm wurde 1507 in Schleiden geboren und erhielt eine umfassende humanistische Ausbildung an europäischen Universitäten (Löwen, Paris), wo er zunächst als Rhetorik- und Sprachenprofessor lehrte und antike Texte edierte. Aufgrund seiner religiösen Hinwendung zur Reformation und seiner breiten gesellschaftlichen Kontakte berief ihn der Rat von Straßburg 1537, um das dortige Schulwesen zu reformieren. Im September 1538 gründete Sturm sein berühmtes Gymnasium illustre, das schnell über 500 Schüler anzog und durch seine strukturierte Lehrplan-Organisation und innovative Unterrichtsmethodik (Methodus Sturmiana) zum Vorbild für evangelische Gymnasien wurde. Das Gymnasium verband Sturms pädagogisches Kernanliegen der pietas literata – die Einheit von Frömmigkeit und sprachlich-rhetorischer Bildung – in programmatischer Weise. Parallel zu seiner schulischen Tätigkeit engagierte sich Sturm intensiv in den religiösen Friedensverhandlungen des 16. Jahrhunderts (Religionsgespräche von Hagenau, Worms, Regensburg) und wurde zum entscheidenden Vermittler zwischen französischen Hugenotten und deutschen Protestanten. Seine umfangreiche publizistische Tätigkeit umfasste pädagogische Schriften, kirchenpolitische Traktate und edierte Klassiker, die den Unterricht an höheren Schulen und Universitäten prägten. Sturm verkörpert damit einen Typus des reformatorischen Gelehrten, der Bildung, Theologie und Friedensstiftung verbindet und dessen ökumenische sowie europäische Gesinnung noch heute Würdigung verdient.