Der Artikel behandelt Stilleübungen als Sammelbegriff für verschiedenste Techniken der Wahrnehmungs- und Bewusstseinsschulung, die Sinnesübungen, Phantasiereisen, Mandala-Malen oder Yoga einschließen können. Während Stilleübungen in Verwandtschaft zur Meditation stehen, unterscheiden sie sich durch weniger zentrale Atemrhythmisierung und körperliche Entspannungstechniken. Ein zentrales Anliegen ist die Distinktion zwischen Meditation und Stilleübung, wie sie Hubertus Halbfas fordert, um einer inflationären Verwendung des Meditationsbegriffs entgegenzuwirken. Der Artikel betont, dass Stille nicht gleichzusetzen ist mit Abwesenheit von Geräuschen, sondern einen inneren Zustand der Sammlung und individuellen Erfahrung darstellt, der unverfügbar bleibt. Seit den 1990er Jahren wird Stille als Gegenbewegung zu den Bedingungen der (Post)Moderne begriffen, etwa als Reaktion auf Zeitmangel, Mediennutzung und Reizüberflutung. Maria Montessori wird als Pionierin gewürdigt, die die innere Bereitschaft von Kindern zur Stille erkannt und mit Übungen wie der Unbeweglichkeitsübung oder dem Gehen auf der Linie systematisch gefördert hat. Kritisch wird die dualistische Argumentationsweise analysiert, die moderne Lebensbedingungen einseitig negativ darstellt und dabei sowohl die Chancen veränderter Bedingungen als auch die Eigeninitiative von Menschen beim Schaffen stiller Momente übersieht. Im religionspädagogischen Kontext werden Stilleübungen als Element der Persönlichkeitsentwicklung und potentieller Zugang zu spirituellen Erfahrungen verstanden, ohne dass dies im säkularen Kontext ausgeschlossen ist.