Der Artikel beschäftigt sich mit der Bedeutung des Zufalls in Kunst und Denken am Beispiel der Arbeiten der Künstlerin Ingrid Hornef. Ausgangspunkt ist das Würfeln als klassisches Beispiel für ein Zufallsereignis. Ein Würfel besitzt sechs mögliche Ergebnisse, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit auftreten. Jeder neue Wurf ist unabhängig vom vorherigen. Gerade diese Unvorhersehbarkeit macht den Reiz des Würfelns aus. Würfel können zum Spielen eingesetzt werden, aber auch zur Entscheidung in Konfliktsituationen. Auch in der Bibel wird auf den Zufall verwiesen, etwa wenn römische Soldaten bei der Kreuzigung Jesu das Los um seine Kleidung werfen.
Der Artikel zeigt anschließend, wie Ingrid Hornef den Zufall gezielt als künstlerisches Prinzip nutzt. Die 1940 geborene Künstlerin arbeitet mit unterschiedlichen Materialien wie Ton, Stein, Holz oder Metall sowie mit Papier und Leinwand. In ihrer frühen Phase schuf sie Keramik und plastische Arbeiten. Ein bedeutendes Werk ist der Grabstein für ihren verstorbenen Mann, der aus zwei abstrakten Figuren besteht. In den folgenden Jahren entwickelte sie weitere Skulpturen und Werkreihen, die zunehmend abstrakter wurden.
In den neunziger Jahren vollzieht Hornef eine künstlerische Neuorientierung. Sie entfernt sich von gegenständlichen Darstellungen und orientiert sich an der sogenannten konkreten Kunst. Diese Kunstform wurde im frühen zwanzigsten Jahrhundert theoretisch begründet. Ihr Ziel ist es, jede Darstellung von Natur oder menschlichen Figuren zu vermeiden. Stattdessen besteht das Kunstwerk nur aus Linien, Flächen und Farben. Ein solches Werk verweist nicht auf etwas außerhalb seiner selbst, sondern ist ausschließlich als eigenständige Gestaltung aus geometrischen Elementen zu verstehen.
Seit dem Jahr 2002 arbeitet Ingrid Hornef an der Werkgruppe „alea iacta est“. Der Titel greift den bekannten Ausspruch von Julius Cäsar auf, der bedeutet, dass eine Entscheidung getroffen ist und ihre Folgen nicht mehr verändert werden können. Dieses Prinzip passt zur Arbeitsweise der Künstlerin. Ihre Werke entstehen in zwei Schritten. Zuerst legt sie die Regeln fest. Sie entscheidet über Bildgröße, Material, Farben und ein geometrisches Raster. Damit bestimmt sie den Rahmen des Kunstwerks.
Im zweiten Schritt überlässt sie die konkrete Anordnung der Linien und Balken dem Zufall. Dafür benutzt sie einen Würfel. Die Ergebnisse der Würfe bestimmen, an welcher Stelle im Raster Linien oder Balken gesetzt werden. Die Künstlerin verändert das Ergebnis nicht. Sie akzeptiert die durch den Zufall entstandene Struktur vollständig. Der Würfel fungiert damit als Zufallsgenerator innerhalb eines zuvor festgelegten Systems.
Anhand einzelner Beispiele erklärt der Artikel, wie diese Methode funktioniert. Ein Werk besteht aus einer dunklen Fläche, auf der ein Raster aus vielen Quadraten eingezeichnet ist. Die Linien innerhalb dieses Rasters entstehen entsprechend der gewürfelten Zahlen. Durch die Kombination aus vertikalen, horizontalen und diagonalen Linien entstehen komplexe Muster. Teilweise erzeugen diese sogar den Eindruck von räumlicher Tiefe und wechselnden Perspektiven.
Ein weiteres Werk nutzt zusätzlich kräftige Farben. Auch hier bestimmt der Würfel sowohl das Raster als auch die Lage der Linien innerhalb der einzelnen Felder. Für jedes Feld können mehrere Würfe notwendig sein. Die gesamte Bildstruktur ergibt sich somit aus einer langen Reihe von Zufallsentscheidungen.
Der Artikel zeigt, dass diese Werke auf den ersten Blick wie ein geheimnisvoller Code wirken. Tatsächlich dokumentieren sie jedoch nichts anderes als den Ablauf des Zufalls. Die Kunst von Ingrid Hornef macht den Zufall sichtbar. Gleichzeitig können die entstandenen Bilder ästhetisch ansprechend wirken. Diese Schönheit ist jedoch nicht geplant, sondern entsteht als unerwarteter Effekt des zufälligen Prozesses.