Ingo Baldermann beschreibt die Psalmendidaktik als einen Ansatz, der Psalmtexte als didaktisches Medium für religionspädagogische Prozesse nutzt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Psalmworte Kinder, Jugendliche und Erwachsene unmittelbar in ihrem Menschsein ansprechen. Der Artikel kritisiert problemorientierte Ansätze des Religionsunterrichts, die Religion als Lösungsangebot für Lebensfragen verstehen, und pädagogische Forderungen nach therapeutischem oder allgemein religiösem Unterricht. Baldermann zeigt anhand einer konkreten Unterrichtssituation, wie Schüler existenzielle Fragen (hier: ökologische Angst) stellen, auf die klassische Problem-Lösungs-Ansätze nicht adäquat antworten können. Bei der Analyse der Psalmen stellt er fest, dass primär die Klagepsalmen für alle Schüler unmittelbar verständlich sind, während Lob- und Vertrauenspsalmen religiöse Vorkenntnisse voraussetzen. Dies liegt darin begründet, dass Klagepsalmen universale menschliche Erfahrungen ausdrücken, ohne bereits religiös sozialisierte Gotteserfahrung zu benötigen. Die didaktische Innovation besteht darin, dass Klagepsalmen als Zugangspunkt zur biblischen Botschaft dienen: Sie ermöglichen zunächst eine emotionale und existenzielle Kommunikation und führen dann zu einem vertieften Verständnis der biblischen Gotteserfahrung. Methodisch wird ein offenes, nicht-zielgerichtetes Unterrichtsgespräch angestrebt, in dem die biblischen Worte selbst das Gespräch strukturieren und nicht lehrerische Zielvorgaben. Damit wird das Konzept einer authentischen oder originalen Begegnung zwischen Schülern und biblischen Texten realisiert, die Kreativität und emotionale Prozesse respektiert.