Der Artikel behandelt das Konzept des Kritischen Denkens (Critical Thinking), das seit Edward M. Glasers Arbeit von 1941 im angelsächsischen Raum diskutiert wird und auf die Förderung verantwortungsvoller Staatsbürgerschaft abzielt. Der Begriff leitet sich etymologisch vom griechischen Verb krínein ab und bedeutet ursprünglich scheiden, trennen und urteilen – nicht bloß Ablehnung, sondern differenzierte Beurteilung. Der Artikel unterscheidet zwischen psychologischen Konzepten, die kognitive und metakognitive Prozesse analysieren, und handlungstheoretischen Konzepten, die konkrete Bedingungen und Kontexte des Denkens in den Fokus rücken. In der psychologischen Perspektive werden kognitiv-logische Standards wie deduktive und induktive Argumentation sowie die Erkenntnis von Denkfehlern (Biases) wie Confirmation Bias zentral. Der Artikel präsentiert vier ineinandergreifende Ebenen Kritischen Denkens: analytisch-epistemisches Denken (Prüfung von Geltungsansprüchen), perspektivisches Denken (Perspektivenwechsel), ethisches Denken (normative und ideologiekritische Reflexion) sowie konstruktives Denken (Lösungsentwürfe). Kritisches Denken wird als Habitus verstanden, der bestimmte Haltungen wie Offenheit, Neugierde und Selbstbewusstsein erfordert und sich durch methodisch geleitete, nachvollziehbare und selbstreflexive Denkvorgänge auszeichnet. Im 21. Jahrhundert wurde Kritisches Denken neben Kommunikation, Kollaboration und Kreativität als eine der vier zentralen Bildungsdimensionen (4Cs) im Rahmen des "Framework for 21st Century Learning" und der OECD-Strategien etabliert. Obwohl das 4K-Modell einflussreich ist, wird es von kritischen Stimmen wegen seines funktionalen und ökonomisch orientierten Verständnisses angegriffen. Der Artikel zeigt, dass zeitgemäße didaktische Ansätze entwickelt wurden, um Kritisches Denken in Schulen und Hochschulen zu fördern.