Hans Mendl argumentiert, dass konstruktivistische Theorien eine lerntheoretische Grundlage für den modernen subjektorientierten Religionsunterricht bieten. Der Artikel situiert diese Forderung historisch im Paradigmenwechsel, den das II. Vatikanische Konzil eingeleitet hat – von einer deduktiven Katechese mit vorgefertigten Wahrheiten hin zu einem Verständnis, das die Lernenden als Subjekte in den Mittelpunkt rückt. Nach konstruktivistischer Erkenntnistheorie ereignet sich Weltwahrnehmung und -deutung nach individuellen Mustern; Wirklichkeit wird nicht objektiv erkannt, sondern im wahrnehmenden Subjekt konstruiert. Mendl differenziert zwischen verschiedenen konstruktivistischen Theorien aus Neurobiologie, Systemtheorie und Pädagogik und destilliert einen kleinsten gemeinsamen Nenner: individuelle Weltkonstruktionen entstehen durch Sinneseindrücke, Filterprozesse und biografisch erarbeitete Deutungsmuster. Im lerntheoretischen Kontext bedeutet dies konkret, dass Lernen ein aktiver Prozess ist, in dem Lernende Vorwissen und Emotionen einbringen und Inhalte selbstständig rekonstruieren. Besonders produktiv wird Lernen, wenn Inhalte in komplexen, lebensbedeutsamen Kontexten präsentiert und mehrfach in neuen Kontexten verarbeitet werden. Der Artikel betont das Paradox eines pädagogischen Konstruktivismus: Er muss innerhalb institutionell geplanter Lernprozesse realisiert werden, wobei instruktive Phasen notwendig sind und mit individuellen sowie ko-konstruktiven Phasen abgewechselt werden müssen. Das Ziel ist nicht die Elimination von Lehrinhalten oder Lehrpersonen, sondern die Ausbildung individueller Lernlandschaften, die gleichzeitig zu Pluralitätsfähigkeit führen.